Tischtennis

„Tischtennis in China ist wie Fußball in Deutschland“

Dimitrij Ovtcharov erklärt die Dominanz der Asiaten und hofft, bei den German Open in Berlin einen von ihnen zu überraschen.

Nur drei Chinesen sind noch besser als Dimitrij Ovtcharov

Nur drei Chinesen sind noch besser als Dimitrij Ovtcharov

Foto: Gep/CITYPRESS24 / picture alliance / CITYPRESS24

Berlin.  China gegen den Rest der Tischtennis-Welt – jahrelang bedeutete dies: China gegen Timo Boll (34). Doch der über Jahre beste Spieler Europas wurde von einem anderen Deutschen abgelöst, von Dimitrij Ovtcharov. Der 27-jährige Europameister belegt in der Weltrangliste Rang vier hinter drei Chinesen. Im Olympia-Jahr möchte er die dominanten Asiaten angreifen. Die German Open in Berlin an diesem Wochenende sind dafür ein erster Gradmesser.

Berliner Morgenpost: Dirk Nowitzki, Joachim Löw – deutsche Sportstars aus allen Bereichen jubeln derzeit mit den Handballern, die bei der EM sensationell das Halbfinale erreicht haben. Haben Sie auch einen Blick darauf?

Dimitrij Ovtcharov: Ja klar. Das ist ein Wahnsinnserfolg. Es läuft ja fast auf ein neues Wintermärchen hin. Das deutsche Tischtennisteam drückt jedenfalls komplett die Daumen.

Sind ähnliche Sensationen in diesem Jahr von Ihnen und Timo Boll zu erwarten?

Was heißt zu erwarten? Sagen wir so: Überraschungen jeder Art sind im Sport immer möglich, auch im Tischtennis. Natürlich sind die Chinesen favorisiert. Aber vor allem bei Olympischen Spielen tritt der Rest der Welt oft besser auf, weil wir uns auch in Europa in einem monatelangen Trainingsblock darauf vorbereiten. Die Chinesen haben solche Blöcke in jedem Jahr zweimal. Immer. Wir glauben auf jeden Fall an unsere Chance. Vor vier Jahren im olympischen Halbfinale stand es 1:1, ich hatte Ma Long (Weltmeister, d.Red.) auf der Schippe. Jetzt sind wir vier Jahre weiter, ich bin besser geworden, Timo hat sein Niveau gehalten.

Was sind konkret Ihre Ziele 2016?

Olympia steht über allem. Wir haben zwar eine EM und eine Team-WM. Doch in Rio werden wir alle voll im Saft stehen, auch Timo, der immerhin eine Knieoperation hinter sich hat und drei Monate nicht spielen konnte. Auch ich werde dann besser sein und hoffe, durch das Training im April, Mai, Juni und Juli noch mal eine Klasse draufpacken zu können.

Was macht die Chinesen so stark?

Sie fangen sehr früh an, gehen kaum zur Schule, alles ist sofort auf den Sport fixiert. Die Tradition ist sehr groß in ihrem Land, es gibt unheimlich viele Spieler, viel mehr etwa als in Europa. Dazu viele Trainer, riesige Trainingsgruppen. Von Kind auf bis zum Profialter ist alles so professionell aufgestellt wie im Fußball in Deutschland. Und natürlich gehört ein riesiger Berg Geld dazu, das können wir uns nicht leisten.

Trotzdem hat es eine Zeit gegeben, als die Dominanz gebrochen war, in den 80er- und 90er-Jahren. Da wurden die Schweden Einzel- und Teamweltmeister. Andere Champions kamen mal aus Frankreich, mal aus Österreich. Warum gelingt das jetzt nicht mehr?

Die Chinesen haben aktuell eine Jahrtausend-Generation. Sie haben sich immer weiterentwickelt. Europa hatte damals mehr gute Spieler, die wieder andere nach sich gezogen haben. Bricht das einmal zusammen, bleibt nur eine kleine Spitze übrig, der Rest ist Durchschnitt. An dem Punkt sind wir jetzt. So ist das auseinandergegangen. Es ist wie eine Art Inflation.

Welche Rolle spielen in Ihrer Planung die German Open?

Es ist das erste ganz große Turnier des Jahres. Kurzfristig haben Fan Zhendong und Xu Xin abgesagt, sonst wäre es ein Feld wie bei einer WM. Es ist auch so brutal stark. Man freut sich über jeden Vergleich, den man mit den Chinesen hat, um zu sehen, wo man steht. Ich habe zuletzt sehr oft gegen Ma Long gespielt und wünsche mir jetzt auch mal Vergleiche mit den anderen Topstars. Das ist der letzte große Gradmesser vor der Team-WM Ende Februar in Malaysia. Ich hoffe einfach, hier oder bei der WM oder den folgenden Weltcupturnieren in Kuwait und Katar die eine oder andere Überraschung gegen einen der vier chinesischen Topstars zu schaffen. Die verlieren ja so gut wie nie! Das würde mir sehr viel Selbstvertrauen für die Olympia-Vorbereitung geben, die im April beginnt.

Sind Sie über die Absagen enttäuscht? Oder sagen Sie: Die Chinesen, die hier sind, reichen mir. Es sind immerhin Weltmeister Ma Long und Olympiasieger Zhang Jike.

Ich bin wirklich ein bisschen enttäuscht. Gegen Xu Xin habe ich beim letzten Vergleich fast gewonnen, gegen Fan Zhendong lange nicht gespielt und hätte gern mal wieder einen Vergleich gehabt.

Trauen Sie sich zu, Nummer eins der Welt zu werden? Wie es Timo Boll geschafft hat?

Das System ist so aufgebaut, dass ich es werden könnte. Aktuell spiele ich so viele Turniere wie die Chinesen. Ich müsste also dauerhaft besser abschneiden als sie, das ist faktisch unmöglich. Aber ich könnte mal in einem Jahr mehr Turniere spielen, vielleicht zehn, um mehr Punkte zu sammeln und so die Position anzugreifen. Für mich ist es allerdings größer, eine Einzelmedaille bei WM oder Olympischen Spielen zu gewinnen. Trotzdem werde ich es probieren.

Sie tun ja auch viel, treten in der chinesischen Superliga an, das sind sehr harte drei Monate, arbeiten teilweise mit fünf Trainern, ordnen alles dem Tischtennis unter. Europas Nummer eins sind Sie so schon geworden. Was kommt noch?

Wenn man nicht so viel investiert, kann man es nicht höher schaffen, als ich jetzt stehe. Ich bin im Jahr 180 Tage unterwegs. Die täglichen Vergleiche mit Chinesen in der Superliga sind aber extrem wichtig. Am besten, man hat einen der Topstars in der Mannschaft. Auch das Training mit den Jungs dahinter bringt viel. Man gewöhnt sich an das Material, den Stil. Tja, und die fünf Trainer: Ehrlich gesagt, brauche ich das, dass immer einer hinter mir steht und zur Not auch mal in den Hintern tritt, wenn ich was falsch mache. Das ist nur professionell. Ich will nichts weglassen, was helfen kann.

Sie haben gerade Ihren Vertrag bei Fakel Orenburg verlängert, Orenburg liegt am Ural tief in Russland. Sie sind gebürtiger Ukrainer, jetzt Deutscher. Wie klappt das? Das deutsch-russische Verhältnis ist nicht gerade gut. Vom russisch-ukrainischen ganz zu schweigen. Beide Länder sind Kriegsgegner. Ist das nicht schwierig und dauernd Thema in Ihrem Team?

Das ist ein Thema unter uns Spielern. Der Bruder unseres Arztes zum Beispiel ist Ukrainer und lebt auch in der Ukraine. Der Arzt ist Russe. Mein Teamkollege Alexej Smirnov hat auch Familie in der Ukraine. Meine Großmutter lebt noch dort, zum Glück nicht im Kriegsgebiet. Es gibt viele Russen in der Ukraine und viele Ukrainer in Russland. Das ist ein sehr komplexes Thema. Die Medien geben überall ein anderes Bild wieder. Wenn man in Russland, in Deutschland und in der Ukraine die Nachrichten sieht, kann über die gleiche Sache dreimal ganz unterschiedlich berichtet werden. Da bin ich bei Weitem nicht genug informiert, um mir eine richtige Meinung zu bilden. Ich würde mir nur sehr wünschen, dass dort Lösungen gefunden werden. Das würde der ganzen Welt guttun.

Noch mal zurück zum Sport: Wie geht man in ein Duell gegen einen Spieler, gegen den man in 15 Vergleichen 15 Mal verloren hat? Ihnen könnte das in Berlin gegen Ma Long passieren.

Das ist nicht einfach. Wenn ich gegen ihn sechs oder sogar zwölf Monate nicht gespielt habe, geht es fast bei null los. Letztes Jahr bei den German Open zum Beispiel. Da hatte ich mir ein paar Sachen überlegt, um ihn zu überraschen. Ich habe auch 2:0 geführt. Obwohl ich 2:4 verloren habe, war es in Ordnung. Danach folgten schnell zwei weitere Vergleiche, ich habe beide ganz klar 0:4 verloren. Wenn man so alle paar Monate einen draufkriegt, ist es vom Kopf her sehr schwer, sich zu berappeln. Ist die Zeitspanne größer, glaubt man wieder mehr an den Sieg. Deshalb würde ich mir auch jetzt eher Duelle mit den anderen Chinesen wünschen, um zu sehen, wie ich gegen die stehe. Ich muss Ma Long mit etwas überraschen, er mich nicht, denn seine Taktik geht ja auf.

Vielleicht hilft hier der Blick zum Tennis. Da hat Angelique Kerber bei den Australian Open ...

... gerade gegen Viktoria Azarenka zum ersten Mal gewonnen, ich weiß. Und jetzt steht sie im Finale. Ich traue ihr zu, dass sie auch Serena Willams besiegt. Und vielleicht können Timo und ich auf der Erfolgswelle der deutschen Handballer und von Angelique ein wenig mitschwimmen.