Melbourne –

Der Unverzichtbare

Dank des Trainer-Rückkehrers Torben Beltz feiert Angelique Kerber bei den Australian Open ihre sportliche Auferstehung

Melbourne.  Als Torben Beltz vor einem Dreivierteljahr in der Sonne Floridas über seine Chefin Angelique Kerber sprach, da blickte der Hüne aus dem hohen Norden ungewohnt ernst drein. Gerade erst war Beltz (39) wieder an Kerbers Seite gerückt, zum zweiten Mal in deren Profikarriere, doch vom frohgemuten Optimismus, den er sonst regelmäßig versprüht, war in diesem Moment nichts zu spüren. „Durchhangeln, durchwurschteln“ müsse man sich die nächsten Wochen, wenn nicht gar Monate, „harte, schwere Aufbauarbeit“ gelte es nach Kerbers Ergebnis- und Sinnkrise zu leisten, so Beltz, „da müssen wir einige Brocken aus dem Weg räumen. Aber wir packen das an. Ganz entschlossen.“

Kerber (28) kann auch Beltz immer wieder überraschen, den Mann, der in ihrer wechselvollen Laufbahn der wichtigste Weggefährte gewesen ist. Einen Monat nach den verhaltenen Zukunftsprognosen in Miami gewann Kerber erst den WTA-Wettbewerb in Charleston und dann, besonders wertvoll, nach einem brillanten Lauf das Heimturnier in Stuttgart, später im Saisonverlauf 2015 kamen noch zwei weitere Coups hinzu. „Angie abzuschreiben, hat sich noch nie gelohnt. Sie ist so eine große Kämpferin“, sagt Beltz. Auch jetzt in Melbourne, bei den Australian Open, ist Beltz wieder der wichtigste Bezugspunkt für Kerber – dort, wo sich die Kielerin mit polnischen Wurzeln gerade bestechend stark ins Halbfinale durchgeschlagen hat, mit einem 6:3, 7:5 gegen Angstgegnerin Viktoria Azarenka.

In Melbourne radierte das Team Kerber auch den letzten großen Schwachpunkt aus, der die eigentlich ansprechende Saison 2015 belastet hatte – nämlich das Wirken auf den großen, alles überragenden Grand-Slam-Bühnen. Kein einziger Auftritt in der zweiten Major-Woche im Vorjahr, kein Achtelfinale – und nun gleich zum Start in die neue Spielzeit in Melbourne die Präsenz unter den letzten Vier. Seit Anke Huber 1998 hatte das keine Deutsche mehr geschafft in Australien.

Verbunden ist damit natürlich ein Image- und Bedeutungsgewinn im medialen Raum. Und auch Respektzuwachs bei den lieben Konkurrentinnen. „2016 kann Angies Jahr werden, ihr bestes Jahr“, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner vor dem Halbfinalduell mit der Britin Johanna Konta, der Nummer 47 der Welt, am Donnerstagmorgen (nach Redaktionsschluss).

Kerbers wiederaufgenommene Partnerschaft mit Zwei-Meter-Mann Beltz erscheint als eine der wichtigsten Entscheidungen als Tennis-Unternehmerin. Nach der Trennung von Motivations-Weltmeister Benjamin Ebrahimzadeh im Februar 2015, einem vielleicht zu feurigen Forderer und Förderer, kehrte Kerber auf dem sportlichen Tiefpunkt zurück zum vertrauten Alliierten Beltz. Ihn, den Gute-Laune-Verbreiter und Wohlfühltrainer, kennt Kerber schon seit frühesten Jugendjahren, Beltz begleitete die aufstrebende Teenagerin einst auch schon zu den Grand-Slam-Nachwuchsturnieren. Ende 2013 gab er seinen Job bei Kerber auf, um mehr Zeit für seine Familie zu haben. Er war das Herumreisen im Wanderzirkus leid.

Kerber ist eine Spielerin, die auf Bewährtes und Bekanntes in ihrem Umfeld setzt, auch auf Menschen, denen sie rückhaltlos vertraut, so wie der Immer-wieder-Trainer Beltz. Er gehört, ganz nebenbei, auch zum Trainerteam an Kerbers polnischer Tennis-Akademie. In den vergangenen Monaten verschärften sie noch einmal ihr gemeinsames Arbeitsprogramm, fanden nicht nur aus der Vorjahres-Startdepression heraus, sondern etablierten den sportlichen Kontakt zur Weltspitze. „Die Intensität im Training ist noch mal gestiegen“, sagt Beltz, „Angie ist noch viel drahtiger, beweglicher.“ Kein Zweifel: Über diese verbesserte Fitness ist auch mehr Zutrauen in den eigenen Auftritt im großen Spiel auf großer Bühne entstanden – die Gewissheit, dauerhaft mit den Besten mithalten zu können.

Als der erste Sieg im siebten Duell mit der Weißrussin Azarenka perfekt war, ließ Kerber den Schläger auf den Centre Court sinken – und lenkte sofort den Blick hinauf zur Spielerloge. Dort, wo sich gerade Torben Beltz aufspringend zu ganzer Größe erhoben hatte. Der unverzichtbare Mann an ihrer Seite.