Tischtennis

Angriff des Außerirdischen bei den German Open in Berlin

Bei den German Open im Tischtennis in Berlin sind die Chinesen die Favoriten, obwohl zwei ihrer Stars sogar noch fehlen.

Eine der Stärken des Stärksten: Ma Long setzt zu einem extrem schnellen und extrem harten Rückhand-Topspin an

Eine der Stärken des Stärksten: Ma Long setzt zu einem extrem schnellen und extrem harten Rückhand-Topspin an

Foto: dpa Picture-Alliance / Ying Xiaoping / picture alliance / dpa

Berlin.  Es ist schon bitter für einen Veranstalter, wenn kurz vor Turnierstart die Nummern zwei und drei der Weltrangliste absagen. Xu Xin und Fan Zhendong sind Topstars in ihrem schnellen Sport, beide sind 2014 Tischtennis-Weltmeister mit der chinesischen Mannschaft geworden. Fan wäre sicher besonders gern wieder in der Berliner Max-Schmeling-Halle angetreten, denn als 16-Jähriger feierte er hier 2013 mit dem Gewinn der German Open einen seiner ersten großen Erfolge. Aber ihr Verband hielt beide in der Heimat fest, damit sie sich dort auf noch größere Aufgaben vorbereiten. Tja, wirklich schade, sagt man dazu beim Deutschen Tischtennis-Bund. Aber Entsetzen sieht anders aus.

110.000 Euro gibt es bei German Open zu verdienen

Es besteht auch kein Grund dazu, weil sich immer noch rund 300 Spieler aus 48 Nationen um das Preisgeld von 110.000 Dollar (je 13.000 für die Sieger bei Frauen und Männern) schlagen. Nach wie vor kommen die Favoriten bei den Männern aus dem Reich der Mitte: Weltmeister Ma Long und Olympiasieger Zhang Jike, dazu Fang Bo, Zweiter der Einzel-WM.

Ihre größten Herausforderer, das macht sich gut bei den German Open, sind zwei deutsche Spieler, die schon seit Jahren kleine Tischtennis-Stiche gegen die Übermacht der Asiaten setzen und deshalb im Land der 60 Millionen Zelluloid-Aktivisten Hochachtung genießen: der aktuelle Europameister Dimitrij Ovtcha­rov (27) und Rekord-Europameister Timo Boll (34). Sie sind die besten Spieler vom alten Kontinent.

Ovtcharov gewann Bronze bei den Spielen in London

Berlin bildet dabei den Auftakt in einem Jahr, in dem im Tischtennis deutsch-chinesische Duelle im Mittelpunkt stehen dürften. Ende Februar/Anfang März in Malaysia bei den Mannschafts-Weltmeisterschaften ist Deutschland der erste Herausforderer, ebenso bei den Olympischen Spielen in Rio im August, wenn es um Team-Gold geht. Auch im Einzel lautet das Ziel, eine Medaille zu ergattern, wie dies Ovtcharov 2012 in London mit Bronze gelang. Standesgemäß – hinter Zhang Jike und Wang Hao, der nach dreimal Olympia-Silber seine Karriere beendet hat.

Bei Olympischen Spielen sind im Einzel nur zwei Chinesen zugelassen, was zur Folge hat, dass die Ausscheidungskämpfe in China härter sind als das Großereignis in Brasilien. Was die Qualität des Teilnehmerfeldes angeht, lässt sich dies übrigens auch von den German Open behaupten, bei Frauen und Männern sind insgesamt zehn Chinesen am Start.

Ernüchternde Bilanz: 15 Niederlagen in 15 Duellen

Aber die imposanteste Erscheinung der Gegenwart bleibt Ma Long. Der 27-Jährige kämpfte lange um seinen Status als Nummer eins, kassierte oft Finalniederlagen, bis ihm im vergangenen Jahr der Durchbruch gelang mit seinem ersten Gewinn des WM-Titels. Als er vor den Augen seiner begeisterten Landsleute in Suzhou endlich die ersehnte Goldmedaille gewonnen hatte, schrie er ganz untypisch für einen Chinesen seine Freude heraus und sprang gar auf den Tisch – Zeichen dafür, welch riesiger Druck im Riesenreich auf den Sportlern lastet. 2015 war ohnehin sein Jahr. Bei 14 Starts ging er 13 Mal als Turniersieger von der Platte.

Ähnlich dominant war Dimitrij Ovtcharov in Europa. Wenn allerdings beide die Schläger kreuzen, was bisher 15 Mal der Fall war, hieß der Gewinner immer Ma Long. Gegen jeden der Weltklassechinesen hat er schon mindestens einmal den letzten Punkt gemacht, nur gegen den aktuellen Weltmeister niemals. „Den schlägt im Moment keiner, der spielt Tischtennis wie von einem anderen Stern“, erkennt Ovtcharov neidlos an.

Bei den Frauen sind zwei Japanerinnen topgesetzt

Nach der Setzliste könnte er erst im Endspiel von Berlin auf Ma Long treffen, im Halbfinale auf seinen Freund Timo Boll, doch der 34-jährige Hesse warnt, beim Blick auf die Deutschen und Chinesen den Blick fürs große Ganze zu verlieren: „Bis zum Halbfinale ist es ein sehr harter Weg. Die Gegner in den ersten Runden sind kein Pappenstiel.“ Schon an den Qualifikationstagen Mittwoch und Donnerstag mussten in Berlin viele Ex-Europameister antreten, um den Sprung in die am Freitag beginnende Hauptrunde zu schaffen.

In der Spitze nicht so stark besetzt ist der Wettbewerb der Frauen, wo mit Li Xiaoxia die Olympiasiegerin sowie mit Weltcupsiegerin Liu Shiwen, Weltmeisterin Ding Ning und Zhu Yuling die besten drei der Weltrangliste fehlen, alles Chinesinnen. Favoritinnen sind hier die Japanerinnen Ai Fukuhura (Nummer vier der Welt) und Kasumi Ishikawa (Nummer sieben). Dennoch sind von den Top 50 der Welt fast 40 am Start.

Petrissa Solja möchte ihren Vorjahreserfolg wiederholen

Die Chancen der Lokalmatadorin Petrissa Solja stehen also nicht schlecht. Sie drang bei den German Open 2015 in Bremen sensationell ins Endspiel vor. Logisch, dass sie das gern vor eigenem Publikum wiederholen möchte. „Ich freue mich auf das Turnier“, sagt die 21-Jährige, aktuell Nummer 15 der Welt, aber nun in der Schmeling-Halle auch etliche Punkte zu verteidigen hat. Ebenfalls zum Favoritinnenkreis zählen Shan Xiaona, wie Solja vom deutschen Mannschaftsmeister TTC Eastside, und Han Ying, als Nummer neun der Welt beste Deutsche.