Melbourne –

Bereit für die Angstgegnerin

Angelique Kerber will im Viertelfinale der Australian Open endlich Viktoria Azarenka schlagen

Melbourne.  Es war ein Spiel mit ganz vielen Ausrufezeichen, dieses magische Spiel vor gut vier Monaten in einer flirrenden Septembernacht von New York – zwischen Angelique Kerber und Viktoria Azarenka. Es war besser als die meisten Grand-Slam-Finals der vergangenen Jahre. Es war das beste Spiel der Saison 2015. Es war das beste Spiel in Kerbers Karriere.

Es war aber auch das Spiel, das endete wie immer zwischen Kerber und Azarenka: Mit einer Niederlage für die deutsche Nummer 1, auch wenn sie nach dieser hin- und mitreißenden Drittrunden-Vorstellung vor allem eine zweite Siegerin war.

Verzagt oder zittrig, ängstlich gar spielte Kerber nicht in diesem herausragenden Duell im Big Apple, aber eine Angstgegnerin ist jene Viktoria Azarenka dennoch geblieben für die beste Deutsche im Tenniszirkus. Die große Spielverderberin, gegen die Kerber in ihrer Karriere noch kein einziges von sechs bisherigen Matches gewonnen hat. Nun, bei den Grand-Slam-Festspielen von Melbourne, kreuzen sich ihre Wege schon wieder schicksalhaft, in der Runde der letzten Acht, im ersten Viertelfinalmatch, das Kerber überhaupt in Melbourne spielen wird.

„Ich bin bereit für die Herausforderung“, sagte Kerber nach dem schließlich klaren 6:4, 6:0 im deutschen Duell mit der Bonnerin Annika Beck, „aber ich weiß auch, dass ich noch besser, noch entschlossener spielen muss.“

Betritt Kerber gegen Azarenka den Platz, dann geht es um einen möglichen Triumph mit hoher Symbolkraft. Denn abseits der persönlichen Rivalität mit der wiedererstarkten Weißrussin wartet die deutsche Nummer eins seit langer Zeit auf einen großen Sieg bei einem der Grand-Slam-Turniere. 2015 schaute die Kielerin sogar bei allen vier Majors nur zu, wenn die entscheidende Phase in der zweiten Woche begann – mit den Achtelfinal-Ansetzungen.

Die letzte Chance, dies zu ändern, hatte sie in New York, eben gegen Azarenka. In der Nacht der Nächte des Spieljahres. Es war ein wunderbares Match, aber mit einem grausamen Ende und einer „Riesenenttäuschung“, wie Kerber damals sagte.

Sie hat auch jetzt in Australien das zunächst Erwartbare getan, ihre Pflicht erfüllt und sich als aktuelle Weltranglisten-Sechste ins Viertelfinale vorgespielt – die Schrecksekunde eines abgewehrten Matchballs in Runde eins gegen die Japanerin Misoki Doi ließ sie souverän hinter sich. Nun allerdings wäre es höchste Zeit, dass sich was dreht in der Grand-Slam-Choreographie für die ehrgeizige, manchmal zu verbissene Kielerin: Nichts weniger als ein Sieg in einem dieser Schlüsselspiele muss her, ein Sieg noch dazu gegen Azarenka, bisher der Alptraum auf zwei Beinen für Kerber.

Die Kielerin hat mit ihrem Trainer etwas Neues ausgeheckt

„Ein paar Matches mehr“ wolle sie noch haben in Melbourne, sagte Kerber nach der gewonnenen Partie gegen Landsfrau Beck, ein markiges Statement, das aber einen makellosen, souveränen und rundum couragierten Auftritt am Mittwoch erfordert. Dann, wenn Azarenka auf der anderen Seite des Netzes steht.

Welch gewaltige Prüfung ihr bevorsteht, weiß Kerber nicht zuletzt wegen eines eher unangenehmen Rendezvous, das sie mit Azarenka auch schon auf den ersten Metern des Tennisjahres 2016 hatte. In Brisbane war das, im Turnier-Endspiel, das Azarenka mit bestechender Dynamik und Konstanz beherrschte. Es war Einbahnstraßen-Tennis beim 6:3, 6:1-Sieg der Weißrussin, ein Indiz auch dafür, wie sehr sich die lange verletzte Weltklassespielerin wieder ihrem alten Leistungsniveau angenähert hat.

„Keine Frage: Sie ist gut, richtig gut drauf“, sagt Kerber, die mit Trainer Torben Beltz einige neue Ideen ausgeheckt hat, „wie man Viktoria knacken kann“. Was das alles wert ist, wird sich allerdings erst im Ernstfall auf dem Platz zeigen.

Kerber, inzwischen die letzte deutsche Spielerin in den Australian-Open-Einzelkonkurrenzen, wird im Übrigen auch die zentrale Hoffnungsträgerin im Nationaltrikot sein – am übernächsten Wochenende, beim Fed-Cup-Spiel in Leipzig gegen die starken Schweizerinnen. Bundestrainerin Barbara Rittner dürfte am Dienstag sicherlich Kerber und deren Freundin Andrea Petkovic nominieren, doch hinter dem Duo birgt die Personalauswahl durchaus Überraschungspotenzial.

Die Achtelfinalistinnen aus der zweiten deutschen Reihe, Anna-Lena Friedsam und Annika Beck, könnten nämlich durchaus zur ersten Wahl bei Rittner werden. Auch anstelle der Berlinerin Sabine Lisicki, die der deutschen Auswahl mit ihrem gegenwärtigen Leistungsstand noch keine große Hilfe sein kann.