Tennis

Spiel, Satz - und Betrug

Neue Gerüchte zum Start der Australian Open: Nach Medienberichten sollen 16 Tennisprofis in geheime Spielabsprachen verstrickt sein.

Melbourne/Berlin. Sie begannen mit einem Feuerwerk der Superstars, die Australian Open in Melbourne. Alle waren im Einsatz: Roger Federer, Maria Scharapowa, die Titelverteidiger Serena Williams und Novak Djokovic.

Doch sie blieben Nebendarsteller an diesem Montag, an dem die Tennis-Welt zwar (noch) nicht in ihren Grundfesten erschüttert, aber in jedem Fall aufs Neue mit ihrem gelegentlich naiven Umgang mit möglichen und realen Wettmanipulationen konfrontiert wurde. Viele der Vorwürfe, die aus Recherchen der BBC und des Internetportals Buzz­feed resultieren, sind nicht neu. Aber konkreter, esorgniserregender.

16 Profis aus den jeweiligen Top 50 der Weltrangliste sollen in den vergangenen Jahren in Matches mit auffälligen Verläufen und auffällig hohen Wetteinsätzen verwickelt gewesen sein, darunter ein Wimbledon-Doppelsieger. Namen nennen die BBC und Buzzfeed noch nicht, aber Hintermänner, die in die Machenschaften verwickelt sein sollen: Wett-Konglomerate aus Russland und Italien. Es geht um die Tatenlosigkeit der Tennisbosse, Spielerorganisationen, großen Verbände, die Hinweisen nicht konsequent nachgegangen seien.

Sieben Millionen Dollar Umsatz bei einem Match in Polen

Auch diese Kritik ist nicht neu, aber das macht sie nicht weniger alarmierend – mehr als acht Jahre nach einem Match, das schon einmal Auslöser für Skandalschlagzeilen war und immer noch im Zentrum der Anschuldigungen steht: die Partie zwischen dem einstigen ATP-Weltmeister Nikolai Dawidenko und dem Argentinier Martin Vasallo-Arguello 2007 in Sopot.

Rund sieben Millionen Dollar wurden mit dem Match umgesetzt, das an der polnischen Küste unter dem Radar der Öffentlichkeit stattfand. Etwa das Zehnfache der Summe, die, wenn überhaupt, auf ein Match dieses Zuschnitts gewettet wird. Doch nicht die Summe war entscheidend, sondern die Tatsache, dass fast alle Einsätze gegen den Favoriten aus Russland liefen, selbst noch, als der den ersten Satz gewann.

Als Dawidenko im dritten Satz wegen einer Fußverletzung aufgab, wurden die Millioneneinsätze storniert. Es gab keine Wettgewinner, aber trotzdem zwei Verlierer: den sofort verdächtigten Dawidenko und das Tennis. Geklärt wurde die Affäre nie restlos. Eine Schuldvermutung blieb.

ATP weist Vorwürfe zurück

Was noch blieb, war der Blick auf einen Sport, der wie kaum ein zweiter für Mauscheleien im Wettgeschäft anfällig ist. Und der nicht genügend tat, um die Probleme zu bekämpfen. Die Tennis Integrity Unit (TIU), die in den Nachwehen der Affäre gegründet wurde, gilt vielen als zahnloser Tiger, personell nicht ausreichend ausgestattet, nicht mit der nötigen Transparenz arbeitend.

Oft erfährt die Öffentlichkeit erst von Zwischenfällen, wenn Spieler längst verurteilt sind – wie und was sich abgespielt hat, bleibt im Dunkeln. Bescheidene 18 Verfahren hat die TIU seit 2008 abgeschlossen. Darunter sind sechs lebenslange Sperren für unbekanntere Profis. Einer davon ist der Österreicher Daniel Köllerer. Man habe 14 Millionen Dollar in das Programm investiert, sagte ATP-Chef Chris Kermode in Melbourne. Die Berichte befassten sich mit Vorfällen, so Kermode, die teils zehn Jahre zurücklägen.

Allen Beschwichtigungen zum Trotz: Tennis hat ein Problem mit dem gigantischen Wettmarkt. Aus vielerlei Gründen. Unerlaubte Eingriffe fallen bei einer Einzelsportart viel leichter als beim Teamsport. Dazu das riesige Gehaltsgefälle im Profitennis, die märchenhaften Verdienste der Topleute gegen die fast prekären Verhältnisse in der Zweiten oder Dritten Liga – genau dort liegen meist die Angriffspunkte der Betrüger.

Wer dort mauschelt, sagte bereits vor drei Jahren ein ATP-Profi, „kann potenziell an ein paar Tagen mehr verdienen als mit seinem Tennis im ganzen Jahr“. Sogar, ohne den Ausgang eines Spiels zu beeinflussen. Weil Wettanbieter ziemlich alles im Angebot haben an Wetten, Einsätze auf die Dauer eines Matches oder auf einzelne Spiele (wer gewinnt das sechste Spiel im zweiten Satz?).

Auch Novak Djokovic wurde einst angesprochen

Djokovic, Nummer eins der Branche, sagte in Melbourne, Wettbetrügereien seien ein „Verbrechen am Sport, ein krimineller Akt“. Er berichtete auch, wie Vertraute aus seinem Umfeld 2007 von Mittelsmännern der Wettpaten angesprochen wurden: Es ging darum, dass Djokovic absichtlich ein Spiel in St. Petersburg verlieren sollte. Sein Gewinn: 200.000 Dollar.

Natürlich sei das „kategorisch abgelehnt“ worden. Spieler, die am anderen Ende der Gehaltsskala im Tennis liegen, erklärten in der Vergangenheit immer mal wieder, wie sie vor Matches von Drahtziehern der Tricksereien angesprochen werden – wie man ihnen Tausende von Dollars anbietet, um bestimmte Wetten eintreten zu lassen. Jeder muss das nach den gültigen Regularien zwar sofort und ausnahmslos der Anti-Korruptionseinheit melden, aber die Verlockung und Versuchung ist groß, vor allem, wenn es sportlich nicht läuft bei jemandem. Wer allerdings auffliegt, dessen Leben ist ruiniert.

Gedealt wird aber auch anderswo: Players Lounges oder Umkleideräume sind Nachrichtenbörsen – und denkbarer Ausgangspunkt für Zockereien, nicht notwendigerweise von Spielern selbst. Wer ist aus welchen Gründen nicht in Form, wer geht vielleicht nur auf den Platz, um sich die Einsatzprämie für die jeweilige Turnierrunde abzuholen – das sind Informationen, die Gold wert sein können und kaum kon-trollierbar sind. Abseits des Mailverkehrs und aller Telefonate können diese Informationen weitergereicht werden. Und das in einer Szene, die im Wettbusiness zum größten Markt hinter dem Fußball aufgestiegen ist