FC Bayern

Bayern München beschwört den Geist von Katar

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Patrick Strasser
Thomas Müller will Trainer Pep Guardiola einen guten Abschied bescheren

Thomas Müller will Trainer Pep Guardiola einen guten Abschied bescheren

Foto: Andreas Gebert / dpa

Wie Trainer Pep Guardiola den FC Bayern im Trainingslager auf seine letzte Halbserie und das große Ziel Triple einschwört.

Doha.  Der lange, junge Mann musste sich beim Abendessen auch noch auf einen Stuhl stellen. Mit 1,90 Metern ohnehin schon ein Riese, überragte Torwart-Talent Christian Früchtl (15) alle im Mannschaftshotel „The Grand Heritage“ von Doha. Das Ritual, ein Lied zu singen, muss jeder Bayern-Spieler hinter sich bringen, wenn er im Kreis der Profis aufgenommen wird. Der Keeper performte „Ein Stern“ von DJ Ötzi. „Es war so medium“, beurteilte Thomas Müller die Einlage, „er ist gerade im Stimmbruch.“ Drei weitere Youngster, die in dieser Woche mit der ersten Mannschaft in Katar trainierten, mussten ebenfalls ran: Teenager-Oldie Milos Pantovic (19) gab ein serbisches Volkslied zum Besten, Marco Friedl (17), ein Tiroler, sang „I am from Aus-tria“ von Rainhard Fendrich.

Den Vogel schoss allerdings der 17-jährige Niklas Dorsch ab. „Er hat den FC-Bayern-Song Stern des Südens gesungen“, berichtete Müller, „nach der ersten Strophe war er fein raus. Beim Refrain hat das ganze Team eingestimmt.“ Die Stimmung: gelöst. So wie bei der Rückkehr in München am Dienstagabend. Kein Lagerkoller, stattdessen beste Bedingungen. Kein Testspiel, dafür zehn Übungseinheiten.

Robben bedauert Weggang

Für Fans und Medien waren die Trainingssessions an den Nachmittagen geschlossen und wurden per Vorhang blickdicht gemacht. Ein Novum für Doha. Nur noch das Wesentliche zählt.

„Es war alles perfekt“, sagte Trainer Pep Guardiola. „Wir haben sehr gut trainiert, hatten weniger verletzte Spieler. Es sind alle gesund, das ist am Wichtigsten.“ In Doha kehrten die zum Ende der Hinrunde Verletzten David Alaba, Arjen Robben, Douglas Costa, Philipp Lahm und Juan Bernat ins Mannschaftstraining zurück. Medhi Benatia, Franck Ribéry und Mario Götze absolvieren in der Reha den „letzten Schritt“, mit ihnen rechnet der Spanier ab Februar. Lediglich Rafinha und der zweite Torwart Sven Ulreich kehrten leicht angeschlagen zurück.

Vor allem Arjen Robben (31) könnte eine entscheidende Figur werden, der Niederländer peilt sein x-tes Comeback an. Auch in Doha hatte er zunächst nur individuell arbeiten können, eine fiebrige Erkältung stoppte ihn. Sein Ziel für 2016: „Dieses Jahr will ich einfach gesund bleiben und neu anfangen.“ Den Abgang von Guardiola bedauert der Rechtsaußen. „Ich hätte noch gerne mit ihm weitergearbeitet, wir haben alle viel von ihm gelernt. Er macht Spieler individuell besser. Aber es ist noch nicht vorbei. Wir haben noch ein halbes Jahr mit ihm, das müssen wir mit ihm genießen und erfolgreich abschließen.“

Rückrundenstart gegen Hamburg

Mit dem Rückrundenstart am 22. Januar beim Hamburger SV geht es in die entscheidenden Monate auf der Jagd nach dem Triple. „Wenn wir verlieren“, sagt Guardiola, „liegt es nicht daran, dass die Spieler nicht wollen.“ Abwehrchef Jerome Boateng hofft, „dass wir hier einen guten Grundstein für die Rückrunde gelegt haben“ – für die Wiederholung des maximalen Triumphes von vor drei Jahren.

Die Parallelen sind da: 2013 verkündete der FC Bayern die Verpflichtung von Pep Guardiola und ging mit dem – nicht ganz freiwillig – scheidenden Jupp Heynckes in die Rückrunde. Der Coach, 2012 noch mit drei zweiten Plätzen unrühmlich in die Geschichte eingegangen, raffte sich auf und konnte die Mannschaft auf das große Ziel einschwören. Mit dem Triple verabschiedete sich Heynckes in den Ruhestand. „2013 lief es einfach gut für uns“, erinnert sich Torhüter Manuel Neuer, „wir haben zwar in den anderen Jahren davor und danach auch nicht weniger trainiert oder waren weniger motiviert. Aber wir waren eine verschworene Gemeinschaft, jeder hat gemerkt, dass er wichtig für die Mannschaft ist.“ So soll es diesmal wieder sein.

„Es kann ganz gut sein, dass es uns hilft, weil jeder weiß: bis dahin und dann endet die Reise“, sagte Müller. „Jeder haut sich rein. Ich hoffe, dass es wiederholbar ist, dass es wieder in die Richtung geht, in die es mit Jupp
Heynckes ging.“

Trainer beklagt Kontrollverlust

Guardiola sieht sein Team stärker denn je. Bayerns Spielweise sei besser als vor zwei Jahren, sagt der Coach, weil „wir viel trainiert und gesprochen haben, um weniger Fehler zu machen“.

Vollends zufrieden ist der Perfektionist freilich nicht. „Wenn wir ein Tor bekommen, verlieren wir ein bisschen unsere Linie, die Stabilität über 90 Minuten fehlt“, bemängelt Guardiola. So wie in der vergangenen Saison in Porto und Barcelona oder in der vorletzten Saison gegen Real Madrid. Ein kurzzeitiger Kontrollverlust – und die Mannschaft bricht zusammen. „Im Moment sind wir noch nicht bereit, die Champions League zu gewinnen, wir brauchen einen Schritt nach vorne“, fordert Guardiola und schnippt dabei mit den Fingern. „Ich werde alles tun, um diesen Titel zu gewinnen.“ Um den perfekten Abgang zu haben.

Als Teambuilding-Maßnahme war man beim Tennisfinale des ATP-Turniers zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal, an einem anderen Abend fuhr man zum Mannschaftsessen mit dem Boot auf eine Insel. Entstand dort gar der Geist von „Banana Island“? „Ja, das kann man dann schreiben“, sagte Boateng, schränkte allerdings ein: „Nur wenn wir am Ende erfolgreich sind.“