Biathlon

Ruhpolding braucht für den Wintersport keinen Winter

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Andreas Morbach
Andreas Birnbacher strebt

Andreas Birnbacher strebt

Foto: FrankHoermann/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Wie es Ruhpolding trotz dramatischen Schneemangels schafft, gleich zweimal einen Biathlon-Weltcup durchzuziehen.

Ruhpolding.  Arnd Peiffer ist ein aufgewecktes Kerlchen, deshalb war er auf das zweiteilige Weltcup-Intermezzo in den Chiemgauer Alpen bestens vorbereitet. Durchgang eins war am Sonntag mit den Massenstarts abgehakt, Durchgang zwei beginnt erst am Mittwoch mit dem Männer-Einzel. Also plante Peiffer den Ausbruch aus dem drohenden Brummkreisel.

„Wenn man zwei Wochen an einem Ort ist, muss man schauen, nicht in einen Trott zu verfallen. Dass man zum Beispiel im Training nicht immer wieder die 3,3-Kilometerschleife läuft, die man schon aus den Rennen kennt“, überlegte der 28-Jährige, der für die zwei freien Tage rasch Alternativen ins Auge fasste: „Reit im Winkl und die Winklmoosalm.“

Ausflugsziele, die Claus Pichler wie seine Westentasche kennt, momentan aber links liegen lassen muss. Denn während von Klingenthal bis Schonach (jeweils Nordische Kombination), von Ofterschwang bis Adelboden (jeweils Ski alpin) ein Wintersportort nach dem anderen Weltcups ganz oder teilweise absagen musste, ist Ruhpoldings Bürgermeister gerade im Dauereinsatz – wegen der Doppel-Veranstaltung in seiner Gemeinde.

Eine Frage der Ehre

Die Biathlon-Fans unter den Gästen bleiben diesmal länger, und nun kommt der richtige Weltcup. Der, den der 6800-Seelen-Ort regelmäßig in der ersten Januarhälfte austrägt. Gerade in Ruhpolding ist dieser Fixtermin zu Jahresbeginn nicht nur eine Frage des Umsatzes in den Hotels und Bierlokalen – sondern auch der Ehre.

Entsprechend rasch war im Gemeinderat die Entscheidung getroffen, für Oberhof einzuspringen. Andernorts sind Stolz oder Geldbeutel weniger dick – für ihren Kurs legen sich Pichler, der zugleich Organisationschef ist, und seine Mitarbeiter dafür gleich zwei Mal ins Zeug.

Beim ersten Aufguss von Freitag bis Sonntag kamen sie dabei schon mal glimpflich davon: Vor allem die Frauen, die jeweils das Pech der späteren Startzeit hatten, plagten sich durch den tiefen Kunstschnee.

Der befürchtete Regen aber ging nur beim Jagdrennen der Biathletinnen am Sonnabend über der Strecke nieder. Supermann Martin Fourcade sagte: „Es war wirklich warm draußen. Aber wir müssen den Leuten hier applaudieren für alles, was sie getan haben.“

Ab Mittwoch soll es schneien

Solche Komplimente hört Claus Pichler gern, doch als Ur-Ruhpoldinger ist er weiterhin auf Überraschungen gefasst. Für Montag und Dienstag war ergiebiger Regen vorhersagt, ab Mitte der Woche soll in der oberbayerischen Biathlon-Hochburg dann ein selten gewordenes Naturschauspiel zu bewundern sein: Schnee!

Und zwar richtiger – der vom Himmel herabsegelt und nicht aus irgendwelchen Depots herangekarrt oder in sündhaft teuren Schneefabriken produziert werden muss.

Pichler, ein baumlanger Kerl mit Trachtenhut auf dem Kopf, bekommt leicht glänzende Augen bei diesem Ausblick. „Es bleibt spannend mit dem Wetter“, bremst er seine Euphorie aber sofort ein, sagt fragend:

„Bisher gibt es keine Bedenken, dass wir auch den zweiten Weltcup gut über die Bühne bringen. Die Kunstschneemenge ist ausreichend. Aber was ist am nächsten Wochenende? Ich kann mich zum Beispiel an Stürme erinnern, mit denen wir hier im Januar zu kämpfen hatten.“

Respekt vor den den Tücken der Natur

In diesem Jahr war der Gegner bislang allein der fehlende Schnee. Schon im November begannen Helfer damit, die ersten 3000 der 15.000 aus dem vorigen Winter hinübergeretteten Kubikmeter Kunstschnee auf die Strecke zu schaufeln.

Aus dem nahegelegenen Reit in Winkl und dem österreichischen Hochfilzen kamen weitere Ladungen. Die Schneemaschinen des DSV erledigten für die Skijäger alles Übrige.

Der Respekt vor den Tücken der Natur aber bleibt bestehen, gerade bei Claus Pichler. „Wenn kein Wind kommt, schaut’s gut aus. Aber wir sind eine Freiluftsportart“, blickt Ruhpoldings Biathlonchef dem zweiten Weltcup-Aufguss anno 2016 entgegen und grinst: „Wir geben unser Bestes. Denn das hier zu schaffen – auch das ist eine sportliche Herausforderung.“