Olympia-Serie

Der harte Kampf im Achter: 22 Mann sind 13 zu viel

Serie über Berliner Olympia-Hoffnungen: Die Auswahl für den Deutschland-Achter ist hart. Anton Braun will sie überstehen.

Gold-Hoffnung in Rio: der Deutschland-Achter, hier mit dem Berliner Anton Braun in der Bootsmitte

Gold-Hoffnung in Rio: der Deutschland-Achter, hier mit dem Berliner Anton Braun in der Bootsmitte

Foto: dpa Picture-Alliance / Anke Waelischmiller/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Berlin.  Eis ist so ziemlich das einzige, was einen Ruderer davon abhalten kann, raus aufs Wasser zu gehen – obwohl schon Temperaturen unter zehn Grad unangenehm sind. So wie jetzt bereits seit Tagen. Zum Glück zeigt sich der Verband gnädig und schickt die Spitzenathleten für die meiste Zeit in Trainingslager, wenn es daheim kalt ist. Gerade war das Team des Deutschland-Achters in Portugal, im Januar wird in Italien gerudert, im Februar und März in Spanien. Die Jungs kommen rum.

Alle wollen am liebsten im großen Boot mitrudern

Ihre Gruppe, aus der im August inklusive Steuermann neun Athleten bei den Olympischen Spielen im Achter sitzen, umfasst mehr Sportler, als man denkt: 22. Der Berliner Anton Braun gehört dazu. „Das ist ein Verdrängungswettkampf“, sagt der 25-Jährige. In Rio werden aus der großen Mannschaft auch der Vierer und der Zweier ohne besetzt, ein großer Teil des Teams bleibt dennoch zu Hause.

Und auch die in den kleinen Booten kämpfen vor allem darum, im größten rudern zu dürfen. „Mein Ziel ist es, eine Medaille zu holen. Und die Chance ist im Achter mit Abstand am größten“, sagt Braun, der schon zweimal Vizeweltmeister mit dem Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes (DRV) war.

Bei so viel Konkurrenz bleiben Hauen und Stechen nicht aus

Auf dem Weg durch die Olympiasaison begleitet den Berliner also die Ungewissheit. Niemand weiß, ob er am Ende einen der begehrten Rollsitze ergattert. Das macht vorsichtig. „Ich finde es gefährlich, jetzt schon zu sagen, ich fahre zu den Olympischen Spielen“, erzählt Braun. Er beschäftigt sich sogar ab und zu damit, dass jeder auch auf der Strecke bleiben kann. „Manchmal ist es nicht so einfach, damit umzugehen.“

Es erzeugt eine bestimmte Atmosphäre in der Gruppe, die oft spürbar ist: „Da sind nicht 22 beste Freunde, ein gewisses Hauen und Stechen gibt es auf jeden Fall.“ Nette Typen, versichert Braun, seien die anderen trotzdem. Aber wie sollten die alle in vollendeter Harmonie leben, wo so ein Druck auf jedem einzelnen lastet?

Fernbeziehung mit der Freundin in Berlin hielt nicht lange

Rudern verlangt Opferbereitschaft. Das fängt für das Achterteam mit dem Wohnort an. Der Stützpunkt ist in Dortmund. Keiner der 22 kommt aus Dortmund, die meisten, nämlich sechs, sind Berliner. Aber der DRV bringt das Großboot schon lange in Westfalen auf Kurs, wer dabei sein will, hat fast keine andere Wahl.

Nicht mal eine Handvoll Sportler pendelt. Braun zog im Oktober 2014 nach Dortmund, mit seiner Freundin in Berlin war es daher schnell vorbei. „Für eine Beziehung ist das eine echte Tortur“, erzählt er. Mehr als einen Monat ist er in einer Olympiasaison nicht in Berlin.

In seiner Wohnung erinnert fast alles an die Heimatstadt

Der Schritt nach Dortmund war notwendig, um optimal trainieren zu können. Aber nun verhält es sich auch so, „dass es funktionieren muss, dass ich das Ziel erreiche, damit das Ganze im Endeffekt auch Sinn gemacht hat“, sagt Braun. Er mag Dortmund nicht sonderlich. Als seine Eltern ihn zum ersten Mal dort besuchten, mussten sie lachen. Seine ganze Wohnung gestaltete er mit Bildern von Berlin. Braun liebt seine Stadt. Die Fotos von Plätzen, Bauwerken, Skyline vermitteln ihm ein Stück Heimat.

Für seine Entwicklung dürfte es trotzdem gut sein, mal rauszukommen. Allein wegen des Antriebs. „Ich bin nur für dieses eine Ziel da und kann mich besser darauf konzentrieren.“ Außerdem ist er jemand, der manchmal einen Anstoß braucht. „Wenn ich die Pistole nicht auf der Brust habe, wird es sportlich bei mir eher schlechter.“ Der Zwang, alles zu geben, steht in Dortmund außer Frage. „Ansonsten war es einfach unnütz, hierher zu ziehen“, sagt Anton Braun. Alles hat eben zwei Seiten. Das Rudern selbst auch.

Das Training eines Ruderers hat nicht viel mit Spaß zu tun

Wer diesen Sport auf so einem Niveau betreibt, der liebt ihn natürlich. Selbst wenn andere über einen nur schmunzeln. „Ein Freund von mir ist Speerwerfer, der lacht mich jedes Mal aus, wie viel wir machen müssen“, erzählt der Berliner. Aufwand und Umfang sind enorm beim Training. Sowohl Kraft wie Ausdauer müssen geschult werden, hinzu kommt die technische Komponente, die Harmonie im Boot. „Rudern bis zum geht nicht mehr“, beschreibt Braun die mit der Automatisierung aller Abläufe verbundene Anforderung.

Manchmal könnte er sich vorstellen, andere Sportarten zu betreiben. Welche, bei denen das Üben ansprechender ist. „Das Training hat nicht sonderlich viel mit Spaß zu tun. Rudern ist eine monotone Sportart. Mir fallen sofort 100 Beschäftigungen ein, die mir mehr Spaß machen, als 90 Minuten auf dem Ergometer zu sitzen“, sagt Braun. Aber die Rennen, der Kampf Boot gegen Boot, das übt einen großen Reiz auf ihn aus.

Im Mittelschiff sitzen die Stärksten, also auch Braun

Und er passt eben auch bestens in diesen Sport, 2,01 Meter groß ist Anton Braun und ganz schön schwer. Sogar ein bisschen schwerer als die offiziell verzeichneten 102 Kilogramm. Er nimmt schnell zu, das macht den Trainingseinstieg zur neuen Saison etwas anspruchsvoller. Da waren auch die Berge beim Rad-Trainingslager auf Mallorca kein Spaß.

Egal, ein perfekter Typ für das Mittelschiff bleibt er. Dort sitzen die Stärksten. Und mit seinen 25 Jahren könnte er da noch eine ganze Weile hocken. Doch Braun weiß gar nicht, ob er das will. Neben einer so aufwändigen Sportart wie Rudern die berufliche Entwicklung voranzutreiben, ist nicht leicht. Er studiert BWL, „das läuft aber schleppend“, gerade in der Olympiasaison.

Duale Karriere funktioniert bei ihm nicht

Seine Kraft in zwei so unterschiedliche Dinge wie Sport und Studium zu stecken, liegt ihm nicht. „Wenn es beim Rudern mal nicht läuft, geht der Fokus von allem anderen nur noch darauf. Den Rest lasse ich dann schleifen“, erzählt er. Darin sieht er eine Gefahr. Weil Sportler für ihre berufliche Zukunft nach der Karriere kaum eine Absicherung haben.

Braun will da nichts riskieren. Deshalb überlegt er, was nach Rio kommt. Er will alles neu ordnen. „So, wie es jetzt ist, geht es definitiv nicht weiter“, sagt Braun. Derzeit schaut er immer, was neben dem Rudern noch Platz hat in seinem Leben. Ab September will er prüfen, ob für Rudern überhaupt Platz bleibt.

Nach dem Trainingslager in Spanien fällt die Entscheidung

Vielleicht wirkt das Ergebnis von Rio noch auf seine Entscheidungsfindung ein. Vor vier Jahren in London fuhr Braun im Zweier ohne im B-Finale zum Sieg. Jetzt soll es mehr werden. Nach dem Trainingslager in Spanien zeichnet sich ab, wie groß seine Chance auf einen Platz im Achter ist. Dann sind der Ergometertest und die Ranglistenfahrten. „Da wird es spannend“, sagt Anton Braun.