Hallenfußball

Ganz unten ist es immer noch am schönsten

Die Bundesliga pausiert, doch in Berlin rollt der Fußball sogar an den Festtagen. Eine Liebeserklärung an die Hallenturniere.

Das Hallenturnier der Kreisliga C in der Sporthalle Schöneberg mit  Lichtenrade Süd (gelbe Trikots) gegen Stern 1900 III

Das Hallenturnier der Kreisliga C in der Sporthalle Schöneberg mit Lichtenrade Süd (gelbe Trikots) gegen Stern 1900 III

Foto: Sebastian Schlichting / BM

Berlin.  Im Vorraum der Sporthalle Schöneberg ist kein Besucher. Der Imbiss hat geöffnet, sein Betreiber liest ein Buch und grüßt. Der Zugang zur rechten Tribüne ist mit einem roten Gitter verschlossen. Hinweise auf das Hallenturnier der Kreisliga C? Keine. Wären ohnehin überflüssig. Wer hier hin­ möchte, kommt nicht zufällig.

Die große Uhr hinter dem Tor in der Halle zeigt 8.40 Uhr. Sie ist kaputt. Es ist 9.30 Uhr, am zweiten Weihnachts­feiertag. Auf dem Parkett steht Buffon. Der Torwart von Lichtenrade-Süd trägt jedenfalls das Trikot des Juventus-Keepers. Elf Zuschauer sind da. Bühne frei für zwölf Stunden Hallenfußball in Berlins unterster Liga, in vier Gruppen hintereinander.

Bockwurst mit Kartoffelsalat für 3,30 Euro

Woanders wird letztmalig weihnachtlich in Familie zusammengesessen, hier gibt es die volle Dosis Amateurfußball. Mit Bockwurst und Kartoffelsalat in Pappschalen für 3,30 Euro. Neben Kreisliga-C-Mannschaften sind auch Teams aus der Freizeit-, Kleinfeld- und Kirchenliga sowie den „Unteren Herren“ dabei. Organisator Paul Grünig ist offen. Nur eines mag er gar nicht: Disziplinlosigkeit. „Respekt gegenüber Schiedsrichter, Gegenspieler und uns vom Kampfgericht“, fordert er bei der Begrüßung ein. Bei Missachtung wird Grünig laut. „Hey Freunde, das Spiel ist vorbei“, maßregelt er per Mikro allzu emotionale Kicker.

Große Fußballkunst mag überall zu Hause sein, aber sicher nicht in der elften Liga. Teams kommen ohne Torwart, muss halt ein – meist bedauernswerter – Feldspieler rein. Tropft Schweiß aufs Parkett, zieht ein Spieler sein Trikot aus und wischt damit den Boden. Betreuer telefonieren bei Partien des eigenen Teams auf der Bank. Und der Schiedsrichter erklärt den Aktiven gern ­ausführlich die Regeln – während des laufenden Spiels.

Verschiedene Spielpläne sind Pflicht

Das Turnier findet zum 30. Mal statt. Dass es diesmal überhaupt stattfindet, ist Grünig zu verdanken. Nachdem die Werner-Ruhemann-Sporthalle in Wilmersdorf mit Flüchtlingen belegt worden war, drohte die Absage. Doch Grünig, der das Turnier seit fast zehn Jahren ausrichtet, führte ein paar ­Telefonate und bekam Hallenzeiten in Schöneberg. Aus Termingründen packte der 64-Jährige vier der sechs Vorrunden auf den Zweiten Feiertag. Seine Frau ist ebenfalls den Tag über in der Halle.

In der ersten Gruppe fehlt ein Team. Kein Thema. Aus der Fünfer- wird eine Vierergruppe mit Hin- und Rückspiel. „Ich bereite immer mehrere Spielpläne vor“, sagt Grünig. Es wird Mittag in Schöneberg, Nachmittag, Abend. Teams kommen und gehen, mal sind 25 ­Zuschauer anwesend, mal 35.

Salomonische Entscheidung beim Spielabbruch

Gegenüber vom Kampfgericht zeigt eine Gruppe von sechs Personen Stehvermögen, sie gehören zu keiner Mannschaft. Das ist selten bei diesem Turnier. Einer von ihnen ist Claudio Welzer. „Natürlich ist das kein perfekter Fußball. Aber es ist sehr unterhaltsam“, sagt der 39-Jährige. Kurz danach trifft ein Spieler sogar per Hacke. Die Kreis­liga C ist ein Pflichttermin für Welzer und die anderen Hallen-Enthusiasten: „Tiefer geht es nicht. Herrlich“, hat mal einer aus der Gruppe gesagt. Die Sporthalle Schöneberg heißt bei ihnen „Metthalle“ – wegen der guten Mettbrötchen mit Zwiebeln, Gurke und Pfeffer.

Die Spiele – je nach Gruppen-Größe zehn oder 15 Minuten lang – ziehen vorbei: 0:0, 4:4, 8:6, 11:1. Ohne Spielplan und Kugelschreiber ist es schwer, den Überblick zu behalten. In der achten Stunde wird es hektisch, Schwarz-Weiß Spandau II nimmt gegen Phönix/Ayyildiz den Torwart zugunsten eines weiteren Feldspielers raus und erzielt den Ausgleich. Der Wechsel ist laut Regelwerk verboten, den Schiedsrichter stört es nicht. Die Akteure geraten heftig aneinander, das Spiel wird abgebrochen. Grünig wählt die weihnachtliche Variante: kein Ausschluss. Das Spiel wird zwar mit 0:3 gegen beide gewertet, ­beide Teams kommen so trotzdem in die Endrunde. Um 21.30 Uhr enden zwölf Stunden Hallenfußball. Nach 234 Treffern in 42 Partien. Die Uhr hinter dem Tor zeigt immer noch 8.40 Uhr.