Fußball

Transfers nach England: Viel Geld für wenig Tore

Klubs aus der Premier League wilderten im Sommer in der Bundesliga. Doch geholfen haben die neuen Spieler bislang kaum.

Berlin.  Die Summe geht nicht so leicht über die Lippen. 1.187.860.000 Euro gaben die Premier-League-Klubs im Sommer für neue Spieler aus. 59 Million Euro pro Team oder 29 Millionen pro Spieler. Zahlen, die unter den Machern der Bundesliga für akute Schnappatmung sorgten. „Die Bundesliga muss aufpassen, dass sie nicht leergekauft wird“, mahnte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, „die Engländer überholen uns gerade links und rechts.“ Wenn Engländer mit im Rennen sind, brauche man gar nicht mehr mitzubieten, schnaufte Dortmunds Vorstandschef Hans-Joachim Watzke. 74 Millionen Euro für Wolfsburgs Kevin De Bruyne. 41 Millionen für Hoffenheims Roberto Firmino. 20 Millionen für Augsburgs Abdul Rahman Baba. Transfer-Irrsinn. Der Insel-Exodus scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Inzwischen hat sich der Erregungszustand wieder gelegt, für Nebenschauplätze bleibt im Liga-Alltag kaum Zeit. Jedes Wochenende gebärt neue Helden und Versager, neue Hoffnungen, neue Drucksituationen. Gott sei Dank ist Weihnachten. Durchatmen. Endlich mal.

Nicht so in England. Dort wird durchgespielt – Spiele am 26. Dezember, am Boxing Day, sind fester Bestandteil der Fußball-Folklore. Die Aufmerksamkeit ist gewaltig, De Bruyne und Co. stehen an Weihnachten unter gesamteuropäischer Beobachtung.

Als „Schönwetterspieler“ gebrandmarkt

Die Karrierewege der abgewanderten Bundesligastars haben einen interessanten Verlauf genommen. Beispiel De Bruyne: Der 24 Jahre alte Belgier kam ja mit einer Vorgeschichte ins Königreich. 2013 hatte er sich beim FC Chelsea auch im zweiten Anlauf nicht durchsetzen können, also brandmarkte ihn sein damaliger Trainer Jose Mourinho als „Schönwetterspieler“. Ein Statement, das natürlich auch bis nach Manchester hallte – und unter den dortigen Fans für Skepsis sorgte.

De Bruyne schien das genauso wenig zu belasten wie die Erwartungshaltung, die eine 74-Millionen-Euro-Ablöse nun mal mit sich bringt. In den ersten vier Liga-Spielen schoss er prompt drei Tore, bereitete zwei weitere vor. Spätestens nach seinem Last-Minute-Siegtreffer in der Champions League gegen den FC Sevilla zweifelte niemand mehr an seinen Qualitäten. Schönwetterspieler? Von wegen. Stattdessen adelte ihn Trainer Manuel Pellegrini als den „perfekten Transfer“.

Deutlich mehr Schwierigkeiten hatte Roberto Firmino (24). Der musste schnell feststellen: Liverpool ist nicht Sinsheim, und die „Reds“ sind nicht die TSG 1899. Aus einem, der auf den Plätzen der Bundesliga immer Lösungen fand, wurde auf der Insel ein Suchender. Welche Rolle er bei den kriselnden Liverpoolern einnehmen könnte, war lange nicht zu erkennen. Den Weg wies Firmino erst einer aus der alten Heimat. „Für ein paar Monate war er der beste Spieler der Bundesliga“, lobte Liverpools neuer Trainer Jürgen Klopp nach seiner Ankunft. „The normal one“ ließ den Brasilianer wieder zentraler spielen, dort glänzte er Ende November beim 4:1 gegen Manchester City wie in Hoffenheimer Zeiten. An Konstanz mangelt es jedoch immer noch.

„Absurde“ Ablösesummen

Dass für Ausnahmespieler wie De Bruyne und Firmino eine Ausnahmeablöse gezahlt wird, stieß hierzulande fast noch auf Verständnis. Als aber auch in der Kategorie „gehobenes Bundesliganiveau“ mit zweistelligen Millionenbeträgen gewildert wurde, musste oft das Wort „absurd“ herhalten. Nicht ganz zu Unrecht. Abdul Rahman Baba (sieben Mal nicht im Kader) ist beim FC Chelsea genauso Randfigur wie Joselu (vier Mal) bei Stoke City.

Geld allein macht nach wie vor keinen Klub glücklich – von Erfolg ganz zu schweigen. Für Fußballromantiker dürfte der Blick auf die Tabelle jedenfalls ein echtes Weihnachtsgeschenk sein. Vor den Millionenverbrennern von Manchester City (Transferausgaben: 203,38 Mio.) und Manchester United (139,7 Mio.) stehen nämlich vergleichsweise sparsame Teams. Der FC Arsenal mit seinem eigenwilligen Manager Arsene Wenger (16,8 Mio.), und die Sensationsmannschaft schlechthin: Leicester City.

Der Fast-Absteiger des Vorjahrs gab immerhin 38,2 Millionen Euro aus und liegt damit irgendwo zwischen Bayer Leverkusen (58 Mio.) und Schalke 04 (33,2 Mio.). Als „Königstransfer“ gönnte sich der Klub für schlappe elf Millionen den Mainzer Shinji Okazaki. Der Japaner spielt im Schnitt zwar nur 50 Minuten, dafür aber eine gute Rolle in einem perfekt funktionierenden Team. Gemeinsam mit dem Berliner Robert Huth und Sturm-Entdeckung Jamie Vardy, der vor drei Jahren noch in der fünften Liga kickte, hat Okazaki das Establishment kräftig aufgemischt. Ebenfalls zum Stamm der Überraschungself zählt der frühere Schalker Christian Fuchs. Dessen Dienste sicherte sich Leicester übrigens zum Nulltarif.

Schweinsteigers Pendelei

Ob das „Wunder von Leicester“ eine Weihnachts-Edition erfährt, zeigt sich am Boxing Day – dann warten Klopp, Firmino und der FC Liverpool. Das Duell der früheren Bundesliga-Kollegen wird sich wohl auch Bastian Schweinsteiger genau anschauen. Der deutsche WM-Held pendelt in Manchester bekanntlich zwischen den Rollen als Prellbock für die Presse/Trainer Louis van Gaal und „United-Spieler-des-Monats“. Nach einem Ellenbogencheck ist er noch ein Spiel gesperrt. Der Boxing Day findet ohne ihn statt.