Sportler des Jahres

„Die Bevorzugung der Fußballer ist unfair“

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Dietmar Wenck
Katharina Molitor holte bei der Leichtathletik-WM in Peking Gold im Speerwerfen

Katharina Molitor holte bei der Leichtathletik-WM in Peking Gold im Speerwerfen

Foto: dpa Picture-Alliance / Anke Waelischmiller/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Die Leichtathletik-Weltmeisterinnen Molitor und Schwanitz über fehlende Anerkennung und permanenten Doping-Verdacht.

Belek.  Zwei Goldmedaillen gewannen die deutschen Leichtathleten bei den Weltmeisterschaften in Peking im August. Bei Kugelstoßerin Christina Schwanitz (29) hatte sich ein solcher Erfolg in den Jahren zuvor angekündigt, bei Speerwerferin Katharina Molitor (32) war der Titelgewinn eine Sensation. Mit der Berliner Morgenpost trafen sich die beiden zum Gespräch über das beste Jahr ihrer Karrieren, fehlende Anerkennung, Volleyball oder Gartenarbeit als Ausgleich und die Männer an ihrer Seite.

Berliner Morgenpost: Sie haben besondere Saisons hinter sich, werden womöglich Deutschlands Sportlerin des Jahres. War es die beste Saison Ihres Lebens?

Katharina Molitor: Auf jeden Fall. Ich war oft beim Finale in großen Wettkämpfen dabei, hatte nur nie eine Medaille gewonnen. Auch dieses fing nicht perfekt an. Beim Meeting in Luzern ist endlich der Knoten geplatzt, erst habe ich 65 Meter geworfen, im letzten Versuch 66 Meter. Ab da lief es perfekt. Bei der WM in Peking habe ich mich mit dem dritten Versuch an die Spitze gesetzt, so hatte ich den letzten Versuch. Da noch mal zu kontern, persönliche Bestleistung und sogar Weltjahresbestleistung von 67,69 Metern zu werfen – besser kann es nicht laufen.

Christina Schwanitz: Es war ein fast perfektes Jahr für mich. Gesundheitlich zu Beginn nicht, denn der Heilungsprozess nach meiner Knieoperation verlief nicht wie gewünscht. Treppen steigen – tat weh, laufen, springen – taten weh, hinhocken – tat weh. Sportler können zwar mal über die Schmerzgrenze gehen, nur nicht permanent. Aber dann in meinem zweiten Wettkampf kam eine persönliche Bestleistung heraus. Und von da an lief es. Vor der WM wurde der Rucksack zwar immer größer, weil alle erwarteten: Du musst doch Weltmeisterin werden! Dabei war ich noch gar nicht so weit. Tja, und nach dem WM-Titel war dann alles irgendwie schnell abgehakt, Ziel erreicht, und weiter geht’s. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis es ganz oben bei mir angekommen ist: Krass, ich bin jetzt Weltmeisterin!

Sie haben beide in China nach großem Kampf eine Chinesin vom ersten Platz verdrängt. Ein besonderes Gefühl?

Molitor: Ich hatte ja schon Bronze sicher und wäre damit total zufrieden gewesen. Trotzdem habe ich mir, um mich noch mal anzufeuern, vor dem letzten Wurf gesagt: Sie darf nicht gewinnen! Es war ein extrem schönes Gefühl. Auch wenn manche sagen, man sah mir das Glück nicht an. Ich hätte ja auch gar keine Ehrenrunde gedreht. Da habe ich überhaupt nicht dran gedacht! Es liegt einfach nicht in meiner Natur, Freudentänzchen aufzuführen.

Schwanitz: Gong Lijiao war das ganze Jahr meine Hauptgegnerin gewesen. Ich bin gut in den Wettkampf reingekommen und habe mich dann gesteigert. So ist meine Taktik immer. Es nützt mir ja nichts, wenn ich gleich einen rausschmeiße und nichts mehr nachlegen kann. Genau den Fehler hat die Chinesin gemacht. Ich war mir sicher, dass sie schon an ihrer Leistungsgrenze war. Als ich sie im dritten Versuch überholte, wusste ich, dass ich gewonnen hatte.

Bei Frau Schwanitz ist es Jahr für Jahr ein Stück aufwärts gegangen, sie hat sich quasi herangetastet an den Titel. Bei Ihnen fiel das Tasten weg, Frau Molitor, dafür gab es diese Leistungsexplosion. Wieso?

Molitor: In meinen ersten Jahren in Leverkusen ist es auch peu à peu aufwärts gegangen. Aber in den Jahren 2012, 2013, 2014 hat es stagniert. Es war nicht einfach, immer neue Motivation zu finden. Dafür kam dieses Jahr eine Steigerung von drei Metern. Warum? Ich kann es nicht erklären. In dem Moment war es offenbar der perfekte Wurf. Der WM-Titel war in jedem Fall die Bestätigung, dass es richtig war, weiter zu machen. Zugleich ist er eine große Motivation, jetzt noch einmal alles zu geben auf dem Weg zu den Olympischen Spielen.

Waren die WM-Organisatoren genauso überrascht wie die Chinesin? Jedenfalls ist Ihr Name auf Ihrer Goldmedaille falsch geschrieben: Kathrina steht da.

Molitor: Er stand überall falsch, das war mir erst gar nicht aufgefallen. Auf meiner Akkreditierung, in den Ergebnislisten und auf meiner Medaille. So ist es eine ganz besondere Goldmedaille.

Bei Ihnen kann man nicht von Überraschungssieg sprechen, Frau Schwanitz.

Schwanitz: Nein, das nicht, obwohl Erfolg im Sport so nicht planbar ist. Es ging aber wirklich immer ein Stück weiter bei mir. Als ich 2014 in Zürich den EM-Titel gewonnen hatte, habe ich mir vorgenommen und das auch gesagt: Ich möchte die Beste der Welt werden. Was ich so sehr liebe am Sport, in Momenten des größten Adrenalin-Kitzels, weiß man genau: Was bisher war, ist völlig egal. Und dann gelingt es einem tatsächlich, über sich hinauszuwachsen.

Seitdem rennen Ihnen die Sponsoren die Bude ein, oder? Sie sind Weltmeisterinnen!

Molitor: Es gibt mehr Pressetermine, auch Einladungen zum Beispiel zur IAA, von der DTM oder in den Robinson Club. Das ist alles sehr schön. Aber Sponsoren? Die kommen nicht, da muss man selbst anfragen. Ich bin zum Beispiel ein Fan von Kinder-Schokolade, deshalb habe ich es da mal versucht. Es bestand kein Interesse (beide lachen).

Wenigstens haben Sie Ihre WM-Titel mit 60.000 Dollar vergoldet bekommen, Frau Schwanitz hat sich durch ihren Disziplinsieg in der Diamond League noch einmal 40.000 Dollar verdient. Auch finanziell war die Saison ein Erfolg. Ein gerechter Lohn? Oder sollte es mehr sein?

Molitor: Das Gefühl gewonnen zu haben, ist schöner als das Geld. Die Prämie ist trotzdem supergut, schon deshalb, um weitermachen zu können.

Schwanitz: Das klingt vielleicht geldgeil. Aber früher gab’s in der Golden League mal 250.000 Dollar. Oder nehmen Sie Fußballer: Die bekommen für ihren WM-Titel, obwohl sie ihn zu elft gewonnen haben, jeder 300.000 Euro. Ich finde diese Ungleichbehandlung unfair. Bobfahrer kriegen im Vierer 20.000 Euro für WM-Gold und müssen sich das Geld teilen. In anderen Ländern ist es so, dass man als Olympiasieger oder Weltmeister ein Haus bezahlt bekommt oder lebenslange Rente. In Deutschland sollen wir mehr Medaillen gewinnen, bekommen aber nicht mehr Fördergeld. Die Politiker scheinen zu vergessen: Von nichts kommt nichts. Aber wissen Sie, was mich mehr stört?

Nein, was denn?

Schwanitz: Dass grundsätzlich erst mal allen Leichtathleten Doping unterstellt wird. Ausgerechnet kurz vor der WM kam das Thema ja hoch. Ich bin absolut gegen Doping und sehr froh, dass im Wurfbereich ziemlich aufgeräumt wurde. Diejenigen, die verdächtigt wurden, sind entweder überführt, oder es wurde gezeigt, dass sie nicht dopen. Ich würde jetzt fast meine Hand für die Top zwölf im Kugelstoßen ins Feuer legen. Diesen Generalverdacht gegen Leute, die sauber sind und sich das ganze Jahr gequält haben, finde ich ungerecht. Jetzt trifft es gerade die Läuferinnen.

Aber der ARD-Film über Doping in Russland und Kenia hat sich inzwischen als Abbildung der Wahrheit erwiesen. Russlands Leichathleten sind sogar von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen...

Schwanitz: ...nicht, dass es falsch rüberkommt: Ich finde es völlig richtig, dass jeder überführte Doper aus dem Verkehr gezogen wird. Was mich so stört, ist einfach der Zeitpunkt der Veröffentlichung so kurz vor der WM. Da kann man gleich sagen: Guckt lieber keine Leichtathletik. Im Sport ist es ja leider so, man ist erst unschuldig, wenn man seine Unschuld bewiesen hat. Sonst ist es im Zivilleben doch genau andersherum. Auch im Fußball würde niemand Doping unterstellen, dabei wird da jetzt gerade erst angefangen, mal genauer hinzuschauen. Allerdings schön vorsichtig formuliert, denn da ist viel mehr Geld im Spiel!

Wie geht es weiter, was planen Sie?

Molitor: In Rio dabei sein, das ist das große Ziel, war es schon vor meinem WM-Sieg. Aber danach will ich auch mein Lehramtsstudium fertigmachen. Deshalb weiß ich noch gar nicht, ob ich bei der nächsten WM 2017 antrete.

Schwanitz: Der Fahrplan lautet Gold in Zürich, Gold in Peking und hoffen, dass es in Rio so weitergeht. Allerdings wird mir das niemand schenken. Die anderen werden auch daran arbeiten, Gold zu gewinnen. Klar will ich auf dem Treppchen stehen, am liebsten ganz oben.

Frau Molitor, wie gefiel Ihnen die Überschrift „Volleyballerin wird Speerwurf-Weltmeisterin“? Hintergrund: Sie spielen ja auch in der Zweiten Bundesliga für Bayer Leverkusen.

Molitor: Unpassend. Speerwurf hat für mich absolute Priorität. Jeden Tag außer sonntags gehe ich zum Leichtathletik-Training. Zum Volleyball dagegen nur, wenn es zeitlich und von der körperlichen Belastung her passt. Ich mache das nur, weil es mir Spaß macht und würde mich selbst nicht als Volleyballerin bezeichnen.

„Es muss auch Dinge im Leben geben, wo ich mich nicht messen muss“

Die Kugelstoßerin Stephanie Storp spielte nebenher Basketball in der Zweiten Liga. Haben Sie auch so einen Ausgleich?

Schwanitz: Erstens habe ich dafür gar keine Zeit. Und wenn ich Ablenkung brauche, habe ich meinen Garten und kann mich da austoben. Ich möchte mal Dinge tun, die nicht leistungsbezogen sind. Im Leistungssport hast du immer Druck, ganz vorn zu sein. Es muss auch Dinge im Leben geben, wo ich mich nicht messen muss. Wo es darum geht, ist meine Pflanze knusprig, weil ich sie nicht gegossen habe? Oder blüht sie?

Noch etwas Privates. Welchen Anteil haben Ihre Männer an Ihrem Erfolg?

Schwanitz: Tomas ist mein Ruhepol. Wenn das Training nicht so gelaufen ist, hört er sich das an. Wenn es gelaufen ist, hört er sich das genauso an. Wir reden viel über den Sport, aber nicht nur darüber. Ohne ihn wäre ich nie dahin gekommen, wo ich jetzt bin. Wir sehen uns leider sehr wenig, vor und nach der WM haben wir uns über einen Zeitraum von fünf Wochen nur drei Tage gesehen. Er muss viele Kompromisse eingehen, meinen Sport mitleben. Ich bin ihm sehr denkbar, dass er sich damit identifiziert.

Molitor: Björn und ich sind erst seit Februar zusammen. Er kennt das Sportler-Leben durch seine Schwester, die ist Snowboarderin und hat Olympia-Silber gewonnen. Er akzeptiert, dass ich viel weg bin, im Trainingslager, bei Wettkämpfen. Wir haben uns anfangs wenig gesehen. Aber es ist schön, nach Hause zu kommen, und er ist da.