Fußball

Warum die Macht gegen Toni Kroos ist

Real Madrid spielt schwach – und Toni Kroos kommt unter Trainer Benitez nicht zum Zug. Bernd Schuster hat seine eigene Meinung.

Foto: Sergio Perez / REUTERS

Barcelona.  Vorige Woche schwärmte Toni Kroos in höchsten Tönen über seinen Trainer bei Real Madrid. Keiner beherrsche die spezifischen Anforderungen eines Spitzenklubs so gut, vom taktischen bis zum zwischenmenschlichen Bereich.

„Es fiel kein negatives Wort über ihn”, so Kroos – in der Vergangenheitsform. Denn um die Vergangenheit ging es ja auch. Der deutsche Weltmeister sprach über Carlo Ancelotti. Seine Meinung zum aktuellen Übungsleiter Rafael Benitez hingegen ist nicht öffentlich überliefert.

Dass sie sich am Sonntagabend nicht gerade verbessert hat, darf wohl trotzdem behauptet werden. Kroos verbrachte das Schlüsselspiel des Tabellendritten beim Fünften Villarreal über die vollen 90 Minuten auf der Bank. Die Partie ging für Real mit 0:1 verloren – wohl kein wirklicher Trost.

Opfer der taktischen Vorliebe für die Absicherung

„Weil Casemiro gespielt hat“: diese vier Worte waren alles, was Benitez nach dem Spiel zur Begründung anführte, dabei ging es immerhin um den Akteur, der unter Ancelotti noch die meisten Spielminuten im Team hatte.

Für den Italiener war Kroos sein Quarterback, postiert direkt vor der Abwehr, aber dennoch mit voller Lizenz zur Spielgestaltung über das ganze Feld, ein bisschen wie Andrea Pirlo. Im System des neuen Trainers, der von seinen defensiven Mittelfeldspielern eher Absicherung als Fantasie fordert, hat er seinen Platz hingegen nie gefunden.

Benitez ließ sein Faible für Zerstörer Casemiro schon länger durchblicken, insofern handelte er nur konsequent. Allerdings fand er für Kroos nicht mal Verwendung, als er während Reals meist ideenlosem Anrennen noch zwei weitere Mittelfeldspieler einwechselte.

Schuster: „Benitez hat ihn abgesägt“

„Benitez hat ihn abgesägt“, analysierte Reals Ex-Trainer Bernd Schuster im Radiosender „Onda Cero“ – und nährte damit den Verdacht, dass es sich bei dem Deutschen um ein Bauernopfer handeln könnte. Kroos ist ja nicht der einzige, der unter Benitez nicht seine Topform findet.

Nicht der einzige, der Ancelotti hinterher trauert. Cristiano Ronaldo und Sergio Ramos etwa haben ihr Missfallen über den Trainerwechsel im Sommer noch sehr viel deutlicher kundgetan. Aber im Vergleich zu so heiligen Kühen wie Superstar und Kapitän lässt sich der stille Mecklenburger, erst seit anderthalb Jahren im Verein, dann eben doch noch ein bisschen leichter schlachten.

Debatten wird es trotzdem geben. Zu deutlich erinnern sich die Anhänger noch an die teils überragenden Darbietungen des Deutschen in der Vorsaison, zu oft haben sich die Experten ohnehin schon gefragt, warum er seine Qualitäten diese Spielzeit nicht so zur Geltung bringen kann.

Real taumelt an allen Fronten

Ohne Kroos wirkte der Benitez-Fußball in Villarreal jedenfalls kein bisschen unbürokratischer. Auch der Mythos, wonach die Abwehr mit Casemiro vor ihr sicherer stehe, wurde wiederlegt. In ihrer starken Anfangsphase stießen die Gastgeber immer wieder durch Lücken im Zentrum vor und hätten noch mehr Tore erzielen können als den Siegtreffer durch Roberto Soldado.

Und so taumelt Real weiter an allen Fronten. Nach Clasico-Debakel gegen Barcelona und Pokalausschluss wegen eines Aufstellungsfehlers wurde nun die Chance verpasst, in der Meisterschaft den Anschluss zu halten.

Zwei Remis in Folge brachte Tabellenführer Barca zuletzt nur zustande – doch die Schwächeperiode des katalanischen Überteams, diese Woche bei der Klub-WM in Japan aktiv, konnte nur ein Madrider Team nutzen: Atletico, das jetzt punktgleich an der Spitze liegt. Real rangiert fünf Punkte dahinter.

Probleme mit der Intensität lähmen die Mannschaft

Dass sein Team trotz der großen tabellarischen Chance so entkoffeiniert in die Partie ging, ja die gesamte erste Hälfte verschlief, fand nicht nur Benitez „schwer zu erklären“. Auch die Spieler verstanden sich selbst nicht. „Wir müssen viel heißer sein“, sagte Abwehrmann Pepe.

„Ein Problem der Intensität“, diagnostizierte auch Torwart Keylor Navas. „Ohne Malmö diskreditieren zu wollen, aber in Partien wie hier müssen wir unsere Klasse zeigen“, befand Luka Modric. Gegen Malmö wurde zuletzt in der Champions League ein 8:0 herausgeschossen.

Anstelle des erhofften Therapieeffekts schrieb Real jedoch nur seine schwache Bilanz gegen Spitzenteams fort. Vier von 15 möglichen Punkten gab es gegen die Tabellennachbarn in der Primera Division. Insgesamt steht Real bei 30 Punkten aus den ersten 15 Saisonspielen – der schlechteste Start seit 2008/09.

Damals bezahlte Trainer Schuster mit der Entlassung. Weil das persönliche Prestige von Präsident Florentino Perez stark an der von ihm forcierten Personalie Benitez hängt, dürfte es soweit aber erst mal nicht kommen. „Benitez hat die volle Macht“, versicherte Perez kürzlich. Gewandt hat sich diese Macht gegen Toni Kroos.