Paris –

Vorfreude und Titellust

In der EM-Gruppenphase ist Deutschland gegen Nordirland, Polen und die Ukraine favorisiert

Paris.  Am Ende eines langen Abends im Palais des Congrès im 17. Arrondissement von Paris stand plötzlich Joachim Löws Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Ob er denn glücklich darüber sei, in der EM-Vorrunde im kommenden Sommer auf Polen zu treffen, wurde der Bundestrainer im Anschluss an die Gruppenauslosung zur Fußball-Europameisterschaft von einem triumphierenden Journalisten aus Polen auf englisch gefragt. „Ja, bin ich“, antwortete Löw kurz und knapp, um sich rasch in der proppenvollen Mixedzone der nächsten Gruppe von Medienvertretern zuzuwenden. Doch so schnell wollte der Pole nicht locker lassen. „Really?“, fragte er ungläubig, und hielt Löw kurz aber bestimmt am Arm fest. „Sie sind glücklich?“ Kurzes Nachdenken. Dann konterte Deutschlands Nationaltrainer: „Ja, wirklich. Immerhin kennen wir die Polen gut. Das kann auch ein Vorteil sein.“

Oliver Bierhoff fungiert in Paris als Glücksfee

Die Polen also. Mal wieder. Das Glücksfee-Quartett mit Oliver Bierhoff, Antonin Panenka, David Trezeguet und Angelos Charisteas hatte Minuten zuvor im großen Amphitheater des Veranstaltungszentrums ganze Arbeit geleistet. Wie so oft in der Vergangenheit bei Auslosungen war der DFB-Delegation auch am Sonnabend das Losglück treu geblieben. In der Gruppe C wird die deutsche Mannschaft im kommenden Juni auf Fußballzwerg Nordirland und die eher biederen Ukrainer, die sich erst im Play-off gegen die noch biederen Slowenen knapp durchsetzen konnten, treffen. Und eben auf Polen.

„Politisch korrekt muss ich sagen: Natürlich muss man jeden Gegner ernst nehmen“, sagte DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball, der aber keinen Hehl daraus machte, was er politisch unkorrekt dachte. Ob Polen der stärkste Gruppengegner sei? „Eigentlich will ich die Gegner nicht gewichten.“ Pause. „Aber wenn Sie mich so direkt fragen, und ich hier jetzt auch nicht mehr ausweichen kann, dann muss ich Ihre Frage ja beantworten. Also: ein klares Ja!“

Der Grund für all die Polen-Nachfragen lag auf der Hand. So ist es gerade mal ein gutes Jahr her, dass die polnische Mannschaft von Nationaltrainer Adam Nawalka den immer noch euphorisierten Weltmeister beim überraschenden 2:0-Sieg in Warschau relativ zügig wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt hatte. Dass es in 20 Aufeinandertreffen Deutschlands einzige Niederlage gegen den Nachbarn war, wurde in der Folge schnell mal vergessen. „Vor allem über Robert Lewandowski müssen wir wohl noch mal reden“, sagte Glücksfee Bierhoff, der daran erinnerte, dass Bayerns Stürmerstar die Polen mit 13 Qualifikationstoren beinahe im Alleingang nach Frankreich geschossen hatte.

Polen wird der zweite Gruppengegner der deutschen Mannschaft am 16. Juni (21 Uhr) sein. In dieser Partie ist allerdings nicht nur der Gegner sondern auch der Austragungsort von Bedeutung. So ergab das nicht unkomplizierte Auslosungsprozedere, dass die DFB-Auswahl erneut im Stade de France von Saint-Denis antreten muss. Es ist das Stadion, in dem die Mannschaft vor vier Wochen gegen Frankreich spielte, als 130 Menschen den bestialischen Terroranschlägen von Paris zum Opfer fielen. „Wir werden immer in den Köpfen behalten, was am 13. November in Paris passiert ist. Man kann das vielleicht verdrängen, aber irgendwann wird man an das alles erinnert“, sagte Löw, der zugab, ein komisches Gefühl gehabt zu haben, als er vor der Auslosung erneut im Flugzeug nach Paris saß. „Davon kann man sich auch nicht freimachen.“

Die Rückkehr in das Stade de France wird sehr emotional

Bevor Deutschland allerdings in das Stade de France zurückkehren muss, steht zunächst mal das erste Gruppenspiel am 12. Juni (21 Uhr) gegen die Ukraine in Lille auf dem Programm. „Die Ukrainer legen sehr viel wert auf ihre Defensive und aufs Konterspiel“, wusste Löw umgehend über den eher unbekannten Gegner zu berichten. Noch unbekannter sind wohl nur die Fußballzwerge aus Nordirland, die erstmals bei einer Europameisterschaft dabei sein werden und die am 21. Juni (18 Uhr) in Paris auf Deutschland treffen. Lauffreudig seien die Insulaner, lobte Löw. Gut bei hohen Bällen und gefährlich bei Standards. Vor allem aber der wohl größte Außenseiter, auf den eine deutsche Mannschaft jemals bei einer EM-Endrunde getroffen ist.

Zumindest für Oliver Bierhoff war EM-Exot Nordirland dann doch nicht so ganz unbekannt. Einen Hattrick habe er doch irgendwann mal gegen die Briten geschossen. „Innerhalb von acht Minuten“, erinnerte sich Bierhoff – und lag damit fast richtig. Genau genommen waren es nämlich nur sieben Minuten, die der frühere Stürmer beim 3:1-Sieg am 20. August 1997 zwischen der 73. und der 79. Minute gebraucht hatte. Besonders besonders wurde die ganze Geschichte dadurch, dass Bierhoff erst in der 70. Minute beim Stand von 0:1 eingewechselt worden war. Für Jürgen Klinsmann.

Aber das ist Vergangenheit. In der Gegenwart freuen sich Deutschlands Fußballrepräsentanten vor allem darüber, dass man in der nahen Zukunft zunächst mal Angstgegner Italien aus dem Weg geht. „In der Vorrunde wollte ich Italien gerne vermeiden. Gerne können wir im Endspiel auf Italien treffen“, sagte Rauball, dem allerdings noch nicht aufgefallen war, dass die Spielplanarithmetik vorsieht, dass ein direktes Duell bereits im Viertelfinale droht. Vorausgesetzt, dass sich sowohl Deutschland als auch Italien als Gruppenerste für das Achtelfinale qualifizieren. In der Runde der letzten 16 dürfte sich Deutschland in diesem Fall – erneut in Lille – auf einen Gruppendritten als Gegner freuen. „Zweimal Lille, zweimal Paris – logistisch ist das eigentlich ideal“, sagte Rauball, der das Achtelfinale nach dieser Auslosung offenbar schon fest eingeplant hat. Trotz Polen.