Eisschnelllauf

Nico Ihle fährt mit voller Kraft aus der Spur heraus

Nico Ihle war auf dem Weg in die Weltspitze. Jetzt droht der Sprinter die WM zu verpassen. Beim Weltcup in Heerenveen will er starten.

Kraftpaket Nico Ihle läuft in dieser Saison noch der Weltspitze hinterher

Kraftpaket Nico Ihle läuft in dieser Saison noch der Weltspitze hinterher

Foto: dpa Picture-Alliance / Tobias Hase / picture alliance / dpa

Noch einmal kurz nach Hause, zwei Tage Ruhe bei der Familie in Chemnitz, einen Tag davon nicht mal an Eisschnelllaufen denken. Sowas hilft Nico Ihle meistens. Er muss das jetzt auch alles aus dem Kopf bekommen. Inzell, Salt Lake City, Calgary. Die ersten drei Weltcups der Saison, drei große Enttäuschungen. So groß, dass er sogar überlegte, die vierte Station auszulassen und erst im Januar in den zweiten Weltcup-Block wieder einzusteigen.

Am Mittwoch fuhr Ihle nun doch nach Heerenveen. „Weil einfach jedes Rennen eine neue Chance ist, einen guten Lauf hinzulegen“, sagt er. Ergebnisse oder Zeiten stellt der Sprinter von Freitag bis Sonntag in Holland in den Hintergrund. Er will sich auf Abläufe konzentrieren, auf seine Technik. Genau das funktionierte in dieser Saison bisher gar nicht. „Das ist, als wäre ich im falschen Film“, so Ihle. Er fühlt sich so stark, doch die Resultate bleiben schwach. Für den Olympiavierten von 2014 steht die Teilnahme an der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft in Frage.

Im Sommer hat er viel Muskelmasse aufgebaut

Gut ein Jahr ist es her, da war Ihle so glücklich wie nie in seiner Karriere. In Berlin gewann er das Weltcuprennen über 1000 Meter. Mit drei Podestplätzen an einem Weltcup-Wochenende eine Woche vor der WM reiste er im Februar als Medaillenkandidat zum Saisonhöhepunkt. Jetzt läuft er in der B-Gruppe. Mit dem ersten Lauf in Calgary fing es an, da startete er noch in der A-Gruppe, wurde aber durch den Gegner behindert und lief eine schlechte Zeit. „Seitdem habe ich keinen sauberen Lauf mehr hinbekommen“, erzählt der 30-Jährige. Dabei dachte er, dass diese Saison richtig gut werden würde.

Ihle war fleißig im Sommer, sehr sogar. Viel Krafttraining stand auf dem Programm, um mehr Muskelmasse aufzubauen. Dadurch ist der Sprinter aber auch schwerer geworden. Er muss sein Gewicht über das Eis schieben, durch die Kurven tragen. Das hatte ihm früher schon Probleme bereitet, diesmal aber kam er im Training damit klar, die ersten Tests waren in Ordnung. Inzwischen hat sich viel verändert. „Ich fühle mich ein bisschen steif“, sagt er. Seine ganze Koordination stimmt nicht. „Sein Lauf wirkt derzeit eher hölzern, der dynamische Übergang fehlt“, sagt Sprint-Bundestrainer Klaus Ebert. Etwas plastischer wird Samuel Schwarz: „Nico hat 500 PS, aber die Traktion auf dem Eis funktioniert nicht.“

Dem Olympiavierten fehlt das richtige Trainingsumfeld

Der Berliner Schwarz, Olympiafünfter 2014, trainiert normalerweise gemeinsam mit Ihle, genau wie dessen Bruder Denny. Aber beide sind verletzt und fallen diese Saison aus. Nico Ihle sieht darin einen Erklärungsansatz. Er muss sich durch alles allein durchkämpfen. Viel hat er zwar richtig gemacht, die Fitness ist sehr gut. Aber das gewohnte Trainingsumfeld fehlt. Vielleicht auch die mentale Unterstützung.

Im Prinzip, erzählt Ihle, gehe er locker an jedes Rennen: „Sobald ich am Start stehe, bin ich aber verkrampft.“ Er kann sich nicht geschmeidig genug bewegen, kriegt seine Kraft nicht auf die Kufen übertragen. Mit bizarren Auswirkungen. Nach einem Lauf ist er nicht so kaputt wie früher, wo ihm fast schwarz vor Augen wurde im Ziel. „Jetzt ist es so, dass ich nach 20 Minuten noch mal laufen könnte. Ich komme nicht an meine Grenze“, so der Sprinter. Über 500 Meter ist die Chance auf einen WM-Start deshalb fast dahin, eine minimale Möglichkeit besteht noch mit extrem guten Zeiten in Heerenveen. Über 1000 Meter sieht es etwas besser aus.

Chemnitzer setzt auf Pause bis zum Weltcup in Stavanger

Dem Verband tut es weh, dass Ihle so große Schwierigkeiten hat. Er ist einer der ganz wenigen Spitzenläufer der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG). Der Chemnitzer setzt jetzt auf die lange Pause bis zum Weltcup Ende Januar in Stavanger. Dort werden die Startplätze für die Sprint-WM vergeben. „Ich bin eher zuversichtlich“, sagt Ihle, „ich werde weniger Gewicht auflegen im Training und mehr an Schnellkraft sowie Technik arbeiten.“ Vielleicht kann er doch vermeiden, dass seine Saison ohne Höhepunkt bleibt. „Im Endeffekt ist alles da, es steckt in mir drin“, sagt Nico Ihle. Er muss nur wieder darauf zugreifen können.