Boxen

Ulli Wegner: „Wladimir Klitschko hat dem Boxen geschadet“

Trainer-Legende Ulli Wegner spricht im Interview über Klitschkos ängstliche Pleite und den Tod seines Freunds und Rivalen Fritz Sdunek.

Foto: dpa Picture-Alliance / nph / Frisch / picture alliance / nordphoto

Hamburg.  – Schweigen ist nicht die Stärke von Ulli Wegner. Das wird am Sonnabend (23.55 Uhr, Sat.1) wieder zu hören sein, wenn Halbmittelgewichtler Jack Culcay, 30, in Hamburg gegen den in Australien lebenden Iren Dennis Hogan, 30, boxt. Aber am Grab seines Kollegen Fritz Sdunek, der im Vorjahr im Alter von 67 Jahren verstorben war und auf dem Friedhof Ohlsdorf begraben ist, versinkt Deutschlands bekanntester Boxtrainer in minutenlanges Schweigen. „Weißt du, wie der Fritz mir fehlt?“, fragt er, als die Emotionen wieder unter Kontrolle sind, „es ist, als hätte man aus meinem Leben ein Stück herausgerissen.“

Berliner Morgenpost: Herr Wegner, erinnern Sie sich, was in Ihnen vorging, als Sie von Fritz Sduneks Tod erfuhren?

Ulli Wegner: Ich saß am Esstisch und las Zeitung, als ich einen Anruf von Ahmet Öner erhielt (Sduneks Schwiegersohn, d. Red.). Meine Frau schaute und fragte, was mit mir los sei. Ich konnte nicht antworten. Es war, als würde kurzzeitig alles schwarz. Alles, was ich sagen konnte, war: „So eine Scheiße, der Fritz ist tot.“

Sie waren im DDR-Sport Kollegen, danach im Profilager erbitterte Rivalen...

Er fehlt mir als Rivale, aber vor allem fehlt er mir als Mensch. Er war ein einzigartiger Charaktertyp, eine Sorte Mensch, von der es nicht mehr viele gibt. Er hat sich immer für andere aufgeopfert. Fritz und ich konnten uns immer gegenseitig beglückwünschen, wir haben immer alles ausgesprochen, was zwischen uns stand. Wir waren wirklich echte Freunde.

Ausgerechnet nach Ihrem letzten Trainerduell im August 2014 haben Sie ihm die Freundschaft gekündigt, nachdem er das knappe Urteil zugunsten Ihres Boxers kritisierte. Haben Sie das später bedauert?

Unsinn, das war ja nicht ernst gemeint. Noch im Kabinentunnel haben wir uns nach der Pressekonferenz, auf der der Streit passierte, in den Arm genommen. Fritz war sehr melancholisch, sagte nur: „Ulli, ich kenne dich doch.“ Da ist überhaupt nichts hängen geblieben. Und doch wird dieses kurze Gespräch für immer im Kopf bleiben, weil es das letzte Mal war, dass wir miteinander geflachst haben.

Glauben Sie, dass es für Ihre Boxer immer angenehm ist, wenn sie sehen und hören, dass Sie oft größeren Applaus bekommen?

Ohne mir darauf etwas einzubilden: Das, was ich oder auch Fritz an Anerkennung erhalten haben, haben wir uns erarbeitet. Das wissen die Jungs auch, und sie können es einordnen. Für mich sind aber meine Jungs die größten Stars, das ist wichtig. Nur wenn sie Erfolg haben, fühle ich mich glücklich, und jede Niederlage ist wie eine Katastrophe für mich.

Vor zwei Wochen zeichneten Sie vorm Kampf Ihres Lieblingsschülers Arthur Abraham ein dunkles Bild vom deutschen Profiboxen. Warum?

Wir haben in Deutschland großartige Fans und sind weiterhin eine sehr populäre Sportart. Ich sage nur, dass uns, wenn Arthur mal nicht mehr da ist, Typen fehlen. Männer wie Henry Maske, Sven Ottke, Dariusz Michal­czewski, die gibt es derzeit nicht.

Wie kann man das ändern?

Da sind wir Trainer und auch die Promoter gefordert, Persönlichkeiten zu entwickeln. Dazu gehört, dass wir neben boxerischen Fähigkeiten auch den Charakter schulen. Manch Talent schafft es nicht nach oben, weil es zu schnell denkt, ein Großer zu sein. Den Umgang mit Erfolg muss man auch lernen. Und den mit Niederlagen auch.

Sie ärgern sich auch öffentlich über umstrittene Urteile, greifen sogar Ihre Chefs damit an. Haben Sie Sorge, dass das Boxen durch Fehlurteile und faulen Kampfansetzungen zugrunde gehen könnte?

Ich denke, dass wir da aufpassen müssen. Es gab ein paar Kämpfe, nach denen zu Recht diskutiert wurde. Und ich sehe mich bestätigt, wenn ich ans vergangene Wochenende denke. Der Auftritt von Wladimir Klitschko gegen Tyson Fury hat dem Boxen immens geschadet. Er hat als Weltmeister eine Verantwortung für den Sport, und wenn er dann vor 50.000 Fans im Stadion und fast zehn Millionen vorm Fernseher eine solche Leistung zeigt, ist das einfach eine Farce. Dass ein so intelligenter Mann gegen einen Zirkusmenschen so ängstlich boxt, verstehe ich nicht. Wenn meine Boxer so verlieren würden, müsste das Management mich entlassen.

Mit Jack Culcay, an diesem Sonnabend in Hamburg Hauptkämpfer, trainieren Sie einen Hoffnungsträger Ihres Stalles. Warum glauben Sie, wird er Weltmeister?

Wenn ich sage, dass Jack boxerisch so gut ist wie Floyd Mayweather, kann man mir das glauben. Aber er muss lernen, seine Qualitäten mehr auszunutzen. Er muss effektiver sein, seine Energie in die richtigen Bahnen lenken. Seine Einstellung zum Training ist lobenswert, aber ob meine Worte wahr werden, ist eine Frage der Führung. Ich hoffe, ich werde es mit ihm schaffen.

Sie sind 73 Jahre alt. Wie lange können Sie auf diesem Niveau noch arbeiten?

Ich werde das oft gefragt. Aber für mich ist jeder Kampfabend ein Erlebnis und eine Erfüllung. Solange ich mit meiner Erfahrung noch einen Nutzen bringe, wären doch alle Beteiligten blöd, wenn sie das nicht nutzen.

Den richtigen Moment für den Abschied zu finden, das gelingt nur wenigen. Warum ist das so schwer?

Für mich ist das schwer, weil ich immer das Gefühl hätte, jemanden im Stich zu lassen. Als Arthur 2009 mit dem K.-o.-Sieg gegen Jermain Taylor ins Super-Six-Turnier startete, saß ich in der Kabine und dachte: Jetzt müsstest du eigentlich aufhören, besser wird es nicht. Aber es hat mich nicht losgelassen. Und so geht es fast allen. Einzig Sven Ottke hat es geschafft, er hat aufgehört, obwohl er mit einem Kampf gegen Bernard Hopkins das Olympiastadion gefüllt hätte. Aber er hat gespürt, dass er nicht mehr wollte. Ich wusste nichts von seinem Rücktritt, bis er ihn nach dem Kampf verkündet hat.

Haben Sie vor Augen, wie Sie gern aufhören würden?

Nein, weil ich Angst habe vor diesem Tag, vor allem aber vor der Leere danach. Weil ich weiß, wie sehr mir das Boxen fehlen würde.