Kuusamo/Stuttgart –

„Der Sturz hat mich stärker gemacht“

Andreas Wellinger traut sich erneut auf die Schanze von Kuusamo, wieder bei starkem Wind

Kuusamo/Stuttgart. Andreas Wellinger kann die Aufregung nicht verstehen. Und all die Fragen nicht mehr hören. Für den Skispringer aus Ruhpolding ist das zweite Weltcup-Wochenende in Finnland etwas ganz Normales. Trotzdem gibt der Bayer Antworten. Auch wenn’s dem 20-Jährigen schwer fällt, geduldig wiederholt er sie x-mal.

Vor einem Jahr war Wellinger in Kuusamo nämlich schwer gestürzt. Die Diagnose: eine heftige Stauchung der Wirbelsäule samt Schlüsselbeinbruch. Nach einer Operation kehrte der Skispringer schon bald wieder auf die Schanzen zurück. Seine ersten Wettkämpfe waren Anfang Februar die bei der Junioren-WM. Mit zwei Silbermedaillen kehrte er aus Almaty zurück. Bei den Welttitelkämpfen in Falun erreichte er Platz elf. Alles also wieder normal? „Im Moment ist es kein Thema“, sagt Bundestrainer Werner Schuster, „ich würde es aber trotzdem nicht wegwischen.“ Zumal es wieder windig ist in Finnland, für Donnerstag geplante Qualifikation musste auf Freitag vor dem Wettkampf (18 Uhr, ARD und Eurosport) verschoben werden.

Zwei Monate Pause, das hört sich wenig an. Schuster ist anderer Meinung. „Ich denke, dass wir letzten Winter gut agiert und uns diese Pause genommen haben.“ Dies sieht auch Wellinger so. „Wir haben das Ereignis bewusst bearbeitet und ich habe mich damit befasst, warum es so passiert ist, damit ich künftig weiß: Was muss ich anders machen? Was kann ich anders machen, damit das nicht wieder passiert.“ Letztlich ging es darum, dass das junge Talent seiner draufgängerischen Sprungweise etwas mehr Sicherheit verpasst. Denn schon im März 2013 war er nach einem Fehler nach dem Absprung auf der Skiflugschanze in Planica schwer gestürzt.

„Ganz vergessen werde ich die Stürze nicht können“, bekennt Wellinger. Und auch Coach Schuster gibt zu: „So einen Sturz kann man nicht löschen, man kann ihn nur überschreiben und versuchen, mit gelungenen Versuchen und einem klaren Konzept wieder Sicherheit aufzubauen.“ Dies scheint nachhaltig gelungen zu sein, wie Wellingers sechster Platz beim Saisonauftakt in Klingenthal unter nicht ganz einfachen Bedingungen zeigt. Hinzu kam der Sieg im Teamwettbewerb. Trotzdem ist Thomas Morgenstern noch skeptisch. „Für mich ist auch klar: Bei gewissen Windbedingungen wird Andi immer wieder Probleme haben“, sagt Österreichs Olympiasieger, der seine Karriere nach mehreren Stürzen beendet hat.

Wird alles wieder gut? Diese Frage lässt sich für Wellinger erst beantworten, wenn es wieder mal zu einer kritischen Situation kommt. Wenn auf die 2,60 Meter langen Ski plötzlich Luftkräfte wirken, darf man nämlich keine schnellen Bewegungen machen, in Panik geraten oder zu aggressiv agieren. „Das geht dann in die Hose“, sagt der Team-Olympiasieger von Sotschi, der ansonsten auch ein wenig auf die Vorsicht der Jury baut. „Auch wenn sich’s blöd anhört, aber ich glaube, das alles hat mich wieder ein Stück stärker gemacht“, sagt Wellinger. Auf diese neue Stärke baut auch Cheftrainer Schuster. „Seine Unbeschwertheit ist natürlich weg“, sagt der Coach. Geblieben aber ist das Bewegungstalent Wellinger. Und der Wettkampftyp. „Andi konnte sich immer dann steigern, wenn es darauf ankam.“ Zur Sicherheit wird er ihn aufmerksam beobachten. Und nicht zu vielen Fragen aussetzen.