Gelsenkirchen –

Die Bayern schultern auch die Großen

Der Meister enteilt der Konkurrenz, weil er sich gegen Topteams der Liga keine Blöße mehr gibt

Gelsenkirchen.  Alle gegen Bayern. Sogar das Wetter spielte mit und verpasste den Gästen der Schalker eine ordentliche Tracht Dauerregen – Gift fürs Kombinationsspiel der Münchner, für den schnellen Flachpass von Mann zu Mann. So unangenehm wie der Rasen. „Ein fürchterlicher Platz“ schimpfte Sportvorstand Matthias Sammer über den Untergrund im Stadion. Rutschig bis seifig, standfest bleiben war eine Herausforderung. Doch die Bayern trotzten allen Widrigkeiten. Unterm Strich stand ein 3:1 der Guardiola-Mannschaft auf Schalke, der zwölfte Sieg im 13. Saisonspiel. Es wird einsam um den Meister an der Spitze.

Bissige, mutige Schalker und ein Patzer von Bayern-Torhüter Manuel Neuer bei Max Meyers Schuss zum 1:1 konnten die Gäste nicht beeindrucken. „Ein unangenehmer Ball, trotzdem muss ich ihn halten“, gestand der Nationaltorhüter seine Schuld ein, „der Ball wird noch mal schnell. Blöd, dass der Platz so nass war.“ Zu verzeihen, schließlich war es erst sein fünfter Liga-Gegentreffer (kurioserweise alle in der ersten Hälfte). Es folgte: Bayerns Schicht auf Schalke. Aber war es wirklich ein Kampf, ein Arbeitssieg wie viele Beobachter meinten? Mitnichten!

Martínez-Tor ist ein Lehrstückin Sachen Ballbesitz

Fast unglaubliche drei Minuten lang und über sagenhafte 48 Stationen hinweg bereiteten die Passweltmeister den Kopfballtreffer von Javi Martínez zum 2:1 vor. Keine Schalker am Ball, keine Chance. Der erste Pflichtspieltreffer des Basken nach 813 Tagen war ein Meisterstück für den Ballbesitz-Lehrfilm. „Man sieht: Ein kleiner Fehler wird von den großen Bayern gleich bestraft“, meinte André Breitenreiter, Coach der Schalker. Deren Sportdirektor Horst Heldt sagte resignierend: „Wir sind noch sehr jung unterwegs. Und die Qualität der Bayern ist eben die: Sie bleiben ruhig, warten auf ihre Chance.“ Und schlagen nun sogar die Großen. Das ist der Unterschied zur vergangenen Saison: Bayern kann nun auch schwierig. 3:0 gegen Leverkusen, je 5:1 gegen Wolfsburg und Borussia Dortmund, nun das 3:1 bei Schalke.

Zum Vergleich: 2014/15 schafften die Bayern in den Duellen innerhalb der Top sechs lediglich zwölf Punkte von möglichen 30 Zählern. Am wenigsten gegen Borussia Mönchengladbach (0:0, 0:2) und den FC Schalke (1:1, 1:1). Den VfL Wolfsburg (2:1, 1:4), Bayer Leverkusen (1:0, 0:2) und den FC Augsburg (4:0, 0:1) konnte man nur in der Hinrunde besiegen. Ergo: Aus den übrigen 24 Spielen gegen die „Kleineren“ holte die Guardiola-Truppe 67 Punkte von 72 – eine unfassbare Quote. Ein 0:0 in Hamburg im September 2014 und das 1:2 in Freiburg (als der Titel schon feststand) waren die einzigen Ausrutscher.

Woran liegt die Wende, diese neue Qualität? Pep Guardiola kennt die Seinen und die Liga nach fast zweieinhalb Jahren noch besser. Auf Schalke fehlten Franck Ribéry, Mario Götze, Thiago, außerdem konnte Jérôme Boateng zunächst geschont werden. Na, und? Es fiel nicht weiter ins Gewicht. Der pure Luxus eines Kaders, der mit den Transfers von Douglas Costa, Arturo Vidal, Joshua Kimmich und Kingsley Coman (am Sonnabend ebenfalls im Ausruhe-Modus) clever verstärkt wurde. Ein weiterer Bonus: das Alleskönnen-Prinzip. Da trifft sogar ein Innenverteidiger wie Martínez in bester Horst-Hrubesch-Manier per Kopf. „Ich weiß auch nicht, was er da vorn gemacht hat, warum er da war“, rätselte Flankengeber Robben und amüsierte sich: „Er ist einfach reingelaufen und war frei. Und er macht das Ding gut rein. Vielleicht ist das ja seine neue Position.“ Qualität, Kompetenz und Flexibilität – die drei Bausteine des wohl kommenden Meisters.

„Wir haben die Liga in der letzten Saison ebenfalls deutlich gewonnen, auch wenn wir die Topspiele nicht gewonnen haben“, so Thomas Müllers Einwand. Der Torjäger findet: „Es ist doch logisch, dass einem bessere Mannschaften das Leben schwerer machen als kleinere Teams.“ Nächsten Sonnabend geht es gegen die überraschend guten Herthaner (bereits nach dem Spiel kann Bayern als Herbstmeister feststehen), am 5. Dezember folgt die wohl letzte schwierige Aufgabe des Kalenderjahres in Mönchengladbach.

Durch das 1:3 des BVB beim HSV hat Bayern nun schon acht Punkte Vorsprung, „ein schönes Polster“, meinte Müller. „Wir mussten zuschlagen“, sagte Robben, „die Botschaft vom Trainer vor dem Spiel war: Wenn man etwas erreichen will, muss man immer Vollgas geben.“ Danach tadelte der Niederländer den Verfolger – so weit ist es schon gekommen: „Am Freitag haben wir bei Dortmund gesehen, was passieren kann. Dann verliert man so ein Spiel. Ich glaube, da geht normalerweise ein bisschen mehr.“ Die acht Punkte Vorsprung seien „gut, aber nicht mehr“, so Robben. „Wir müssen weiter auf uns schauen. Trotz der Niederlage des BVB wird es ein Kampf bis zum Ende bleiben, weil Dortmund eine super Mannschaft hat.“ Wer’s glaubt.