Hannover –

Der berührte Bundestrainer

Für Joachim Löw wird das Spiel gegen die Niederlande zum Symbol für Freiheit und Demokratie

Hannover. Auf dem Kröpcke, dem zentralen Platz in der Innenstadt von Hannover, stellen Bauarbeiter am Montagvormittag eine Weihnachtspyramide mit mannsgroßen Figuren auf. Doch die Menschen nehmen das mit weniger Vorfreude wahr als sonst, sie haben anderes im Sinn, drei Tage nach den Terroranschlägen in Paris. „Standpunkt vertreten“, „Zeichen setzen“, diese Wortfetzen von Passanten sind zu hören, wenn man sich nur fünf Minuten in die Fußgängerzone stellt. Als um zwölf Uhr die Menschen mit einer Schweigeminute den Opfern gedenken sollen, stellen Cafés die Musik ab, zum Innehalten und Nachdenken.

Im Fanshop von Hannover 96 nebenan in der Rathenaustraße herrscht bereits ordentlich Betrieb. „Die Nachfrage für das Länderspiel hat angezogen“, sagt eine Verkäuferin. Erst 31.000 Tickets waren bis Montag verkauft, auch wegen der happigen Preise. 300 Meter weiter wirbt der Fanbus der Fußball-Nationalmannschaft für das Länderspiel am Dienstag gegen die Niederlande (20.45 Uhr, ZDF) und verteilt Gutscheine. Der Ticketpreis halbiert sich, wenn man dem Fanklub der Nationalmannschaft beitritt. Am Sonnabend kamen einige Menschen, die ihr Ticket zurückgeben wollten. Aber das ist die Minderheit. Ein Ehepaar aus Hildesheim verlässt gerade zufrieden den Laden. „80 Euro inklusive Rentnerrabatt pro Karte“, freut sich der Mann und sagt augenzwinkernd zum Besuch der Bundesregierung: „Direkt über der Angela, Block O3 auf der Haupttribüne. Wir werden auf sie aufpassen.“ Zum Abschied beruhigt die Fanshop-Angestellte noch: „Das Stadion ist doch am Dienstag der sicherste Ort, den man sich vorstellen kann. Ein Hochsicherheitstrakt.“

Aktion mit Holländern geplant, das Ergebnis ist allen unwichtig

An der Arena am Maschsee herrscht ruhige Betriebsamkeit am Tag vor dem Spiel. Polizei? Oder sogar Militär? Nichts zu sehen. Zu erfahren ist aber, dass die Beamten kurzfristig im Stadion eine ausführliche Sicherheitsbegehung angesetzt haben. „Ich habe keine Bedenken“, sagt Ingo Cramer, der Leiter des Stadionfanshops, fast trotzig. „Seien wir ehrlich: Es kann doch überall etwas passieren. Wir erledigen hier ganz normal unseren Job.“ An Tor drei, bei der Einlasskontrolle, sitzt Michael G., ohne Ausweis darf niemand den Stadionbereich betreten, das gilt vor allen Spielen. „Aber es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein normaler Spieltag wird das nicht“, glaubt er.

Kurz darauf bestätigt der Polizeipräsident von Hannover, Volker Kluwe, dass sowohl am Stadion als auch in der Stadt und der Region Hannover am Dienstag deutlich mehr Polizisten eingesetzt werden als sonst. Einige Beamte seien auch mit Maschinenpistolen bewaffnet. Für eine erhöhte Gefahrenlage gebe es derzeit keine Hinweise. Genaue Angaben über das Aufgebot werden aus Sicherheitsgründen nicht gemacht. Auch das Teamquartier, ein Sporthotel in Barsinghausen, ist noch extremer gesichert. Spürhunde suchen vor dem Eintreffen der Spieler nach Gefahrenquellen.

Um 13 Uhr haben Joachim Löw und Oliver Bierhoff ins Rittergut Eckerde bei Barsinghausen geladen. Im umgebauten Kuhstall betonen Bundestrainer und Teammanager die veränderte Bedeutung des Spiels. „Die sonstige sportliche Rivalität zwischen beiden Nationen sollte an diesem Abend in den Hintergrund rücken“, sagt Löw und fügt an: „Dieses Länderspiel hat eine klare Botschaft und ein Symbol – für Freiheit und Demokratie. Wir wollen die Trauer und Solidarität mit unseren französischen Freunden in Europa und in der ganzen Welt ausdrücken. Wenn wir es schaffen, das Spiel im Kontext dieser Werte zu verstehen, dann haben wir unabhängig vom Ergebnis gewonnen.“

Franzosen wollten ihr Quartier mit den Deutschen teilen

Der Fußballtrainer wirkt noch immer emotional aufgewühlt, berührt von der gemeinsamen Nacht mit den Franzosen in den Stadionkatakomben. Er erzählt, wie sein Kollege Didier Deschamps dort anbot, dass man die Deutschen mit ins Quartier nach Clairefontaine nehmen und für sie ihre Zimmer räumen würde. Offen beschreibt Löw, wie er nach der Ankunft in Frankfurt noch geglaubt hatte, dass das Spiel abgesagt werden müsse. „Ich habe mich gefragt: Gibt es nichts Wichtigeres als den Fußball? Aber mit einer Nacht Abstand war uns allen klar, dass wir ein Zeichen setzen und dieses Spiel mit voller Überzeugung angehen wollen.“ Vom Publikum erhofft sich der Bundestrainer sensiblen Umgang: „Die La Ola, Gesänge oder Partystimmung sind sicher nicht angebracht. Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen im Stadion eine Einheit bilden, Zusammenhalt demonstrieren.“

Bierhoff schildert, dass die Mannschaft eine Fülle an Mails erreicht habe mit Vorschlägen für mögliche Aktionen: „Das ging vom gemeinsamen Singen der französischen Hymne bis zum Tragen der Trikots der Equipe tricolore.“ Der DFB will die Symbolik des Spiels mit entsprechenden Maßnahmen aufgreifen, auch die Niederländer möchten sich beteiligen. Welche Maßnahmen das sein werden, ist noch offen. Fest steht nur, dass eine Lichterkette am Stadion geplant ist, zu der die Stadt, Kirchen und weitere Religionsgemeinschaften aufriefen.

Gesprochen wird bis zum Abend auch ausgiebig mit den Spielern. Am Nachmittag tauscht sich Löw mit dem Teampsychologen Hans-Dieter Hermann aus, schließlich müssen die Fußballer einen Spagat hinbekommen: sich der Vorbildfunktion bewusst sein und dennoch professionell und konzentriert in die Partie gehen. „Ich weiß nicht, ob das jedem Spieler gelingen wird“, sagt Löw. Er wird dieses Spiel nicht mit dem Trainerblick betrachten, niemand braucht sich für die EM empfehlen. Ähnlich wie 2009 gegen die Elfenbeinküste (2:2) wenige Tage nach dem Suizid von Torhüter Robert Enke wird auch Löws 128. Spiel als Nationalcoach ein Spiel sein, in dem es um vieles geht, aber nur sehr bedingt um Sieg oder Niederlage.