Terror in Paris

„Die Franzosen müssen sich bis zur EM mehr öffnen“

Ein Sicherheitsexperte beklagt einen Mangel an Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich. Er hat Erfahrung mit Großereignissen.

Zwei Polizisten stehen mit Passanten an einer der Absperrungen nach den Terroranschlägen am Stade de France

Zwei Polizisten stehen mit Passanten an einer der Absperrungen nach den Terroranschlägen am Stade de France

Foto: Pressefoto ULMER / picture alliance / Pressefoto UL

Berlin.  Helmut Spahn war lange Jahre Sicherheitschef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und gilt als einer der größten Experten für Sportsicherheit weltweit. Der 54-Jährige war der Sicherheitschef der WM 2006 in Deutschland und ist derzeit Generaldirektor des Internationalen Zentrums für Sicherheit im Sport (ICSS) mit Sitz in Doha/Katar.

Berliner Morgenpost: Welche Schlüsse ziehen Sie mit Ihrer Erfahrung aus den Terroranschlägen von Paris?

Helmut Spahn: Noch nie ist der Terror einem Stadion so nahe gekommen. Das, was am Freitag in Paris passiert ist, war eine konzertierte, lange geplante Aktion. Die Behörden können auch bei der EM 2016 vor den Spielen nicht jeden Veranstaltungsort im Umkreis des Stadions und erst recht nicht jeden öffentlichen Platz oder andere Treffpunkte im Land kontrollieren. Aber es gibt dennoch Möglichkeiten, technische und über die Nachrichtendienste, Gefahren zu minimieren. Man muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Gefahr so gering wie möglich zu halten.

Was bedeutet dieser Anschlag bezüglich der Planungen für die EM-Endrunde 2016 im kommenden Sommer?

Es ist, wie bei der WM 2006 erfolgreich praktiziert, möglich, die Gefahren zu minimieren. Ich denke, dass die Franzosen im Blick auf einen internationalen Austausch vor dem Turnierstart im kommenden Jahr noch deutlich mehr machen können und müssen. Man hat bei den Anschlägen in Paris einmal mehr das Gefühl gewonnen, dass sich die Franzosen in diesen Fragen zu sehr abschotten und auf Ratschläge anderer verzichten. Die Franzosen müssen sich bei diesem Thema der Welt öffnen, damit sich die Gäste sicher fühlen.

„Die Verantwortlichen haben besonnen reagiert“

Was empfehlen Sie denn konkret?

Wir haben vor der WM 2006 etwa Vertreter aus allen Nachbarstaaten eingeladen, um die Terrorabwehr zu koordinieren und konkrete Maßnahmen abzusprechen. Das muss auch Frankreich vor dem EM-Start tun und darf sich nicht nur auf sich selbst verlassen.

Wie bewerten Sie das Krisenmanagement im Stadion selbst?

Ich hatte den Eindruck, dass die Verantwortlichen im Stadion recht besonnen und gut reagiert haben. Und das nicht nur im Umgang mit den Zuschauern, sondern auch mit den Mannschaften. Es kann aber nicht sein, dass alle Stadiondurchsagen zur Sicherheit nur auf Französisch waren. Das war für mich erschütternd.

„Ich warne vor einer Überreaktion“

War es aus Ihrer Sicht richtig, dass das Spiel zu Ende gebracht und nicht abgebrochen wurde?

Das war absolut richtig. Die Gefahr einer Massenpanik war einfach zu groß. Das muss man abwägen. Ich bin der Meinung, dass absolut richtig entschieden wurde.

Wie kann man Menschen denn die Angst vor solchen Großveranstaltungen nehmen?

Ich glaube, dass es im Moment sehr schwer ist, die Emotionen aus der Diskussion rauszunehmen. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass unser Leben überall verwundbar ist. Ich warne aber vor einer Überreaktion. Wir dürfen uns nicht unserer Werte und unserer Freiheit berauben lassen. Diese Leute, die solche Anschläge verüben, wollen einen Keil in unsere Gesellschaft treiben. Das müssen wir entschieden verhindern. Dazu gehört auch, dass wir unsere Persönlichkeitsrechte wie das Recht am eigenen Bild und den Datenschutz weiter achten.

„Wir müssen zeigen, dass wir dem Terror nicht weichen“

Hamburg bewirbt sich um die Olympischen Spiele 2024. Was muss die Hansestadt aus den Ereignissen von Paris lernen?

Ich glaube, dass Hamburg, wenn es seine Hausaufgaben gemacht hat, keine Änderungen an seinem Sicherheitskonzept vornehmen muss. Dazu gehört eine optimale Risikobewertung, wovon ich aber in Hamburg ausgehe.

Waren Sie für oder gegen eine gegen Absage der Länderspiels Deutschland-Niederlande am Dienstag in Hannover?

Wir müssen zeigen, dass wir dem Terror nicht weichen. sid