Terror in Paris

Es wird Zeit, die Marseillaise zu lernen

Die Absage der Europameisterschaft 2016 ist keine Option für Frankreich. Seine Equipe will Dienstag wieder in London spielen.

Foto: Marcus Ericsson / dpa

Paris/Montpellier.  The Games must go on – die Spiele müssen weitergehen: Seit dem Olympia-Attentat von München 1972 ist dieser Satz immer wieder Leitmotiv für den Sport gewesen, und es gab seither viele Großereignisse, die unter unmittelbarem Eindruck des Terrors stattfanden.

So liefen die Winterspiele in Salt Lake City 2002 ohne Probleme ab, nur fünf Monate nach den New Yorker Anschlägen vom 11. September. Der Afrika-Cup 201o wurde ausgetragen, obwohl der Terror den Fußball hart wie nie getroffen hatte: Der Pressesprecher und ein Assistenztrainer waren zwei Tage vor Turnierbeginn beim Anschlag auf den Mannschaftsbus von Togo gestorben, zwei Spieler verletzt. Togo zog zurück, das Turnier fand dennoch statt.

OK-Chef: „Absage wäre ein Gefallen für die Touristen“

Der Terror von Paris ändert nun auch für die Organisatoren der EM 2016 alles. Vier Wochen vor der Gruppenauslosung ist die Vorfreude auf das Fußballfest mit einem Schlag verflogen, die Sorgen sind groß. „Terror ist kein theoretisches Risiko mehr, sondern ein mögliches“, sagte Jacques Lambert, Präsident des Organisationskomitees.

Eine Absage des Turniers schloss der EM-Chef aber aus: „Wenn wir diese Frage stellen würden, würden wir den Terroristen einen Gefallen tun.“ Und doch: 100-prozentige Sicherheit kann es für ein Großereignis mit zehn Stadien in zehn Städten niemals geben - auch dies war eine Erkenntnis, als der erste Schock sich gelegt hatte.

Noël Le Graët, Präsident des französischen Fußball-Verbandes FFF, ließ anderweitige Illusionen noch in den Katakomben des Stade de France platzen. „Wir haben sehr viele Vorsichtsmaßnahmen ergriffen“, sagte er nachdenklich, „aber man sieht jetzt, dass Terroristen jederzeit zuschlagen können. Wir hatten vorher bereits eine gewisse Unruhe bezüglich unserer Europameisterschaft. Diese ist natürlich noch stärker geworden.“

Rhein-Neckar-Löwen spielten in Montpellier – trotz Bedenken

Aber der Sport geht weiter. Während in Paris am Wochenende alle Spiele abgesagt waren, spielten beispielsweise die Handballer der Rhein-Neckar Löwen am Sonntag in Montpellier und gewannen 30:28. Ganz wohl war Andy Schmid dabei nicht. „Man reist nicht gern in ein Land, in dem ein Ausnahmezustand verhängt wurde“, sagte der Löwen-Spielmacher. „Aus Respekt vor den Opfern hätte ich es besser gefunden, an diesem Wochenende nicht zu spielen“, sagte sein Trainer Nikolaj Jacobsen.

Doch es war der ausdrückliche Wunsch der Franzosen, dass das Gruppenspiel der Königsklasse stattfindet. „Zuerst haben wir eine Verlegung in Betracht gezogen wegen des Ausmaßes des Dramas und der dadurch hervorgerufenen Gefühlswellen“, teilte Montpellier mit, „aber das wäre ein Sieg gewesen für die Initiatoren dieser unbeschreiblichen Taten, die ein Klima von Furcht und Angst auslösen wollen.“

Die Sportfans solidarisieren sich mit Fahnen und Schweigeminuten in den Stadien in aller Welt, doch das stärkste Zeichen setzen Frankreichs Sportler selbst. Trotz der Trauer, trotz der bedrückenden Erinnerungen an das gespenstische Länderspiel gegen Deutschland will die Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag (21 Uhr) im Londoner Wembley-Stadion gegen England wie geplant auflaufen.

Engländer sollen französische Nationalhymne singen

„In Zeiten des Terrors müssen alle, die ihr Land und dessen Vielfältigkeit repräsentieren, zusammenzustehen gegen den Horror, der keine Farbe und keine Religion hat“, sagte Nationalspieler Lassana Diarra. Für den 30-Jährigen von Olympique Marseille wird die Partie gegen England besonders emotional: Er trauert um seine Cousine, die am Freitag in Paris ums Leben kam.

In sozialen Netzwerken werden die englischen Fans dazu aufgerufen, im Wembley-Stadion die französische Nationalhymne zu singen. „Wenn du ein Ticket für das Spiel hast, ist es jetzt an der Zeit, die Marseillaise zu lernen“, twitterte TV-Reporter Mark Pougatch: „Es ist Zeit, der Welt zu zeigen, was Brüderlichkeit bedeutet.“ Vor Anpfiff soll es eine Schweigeminute geben.