Berlin –

Putin macht den Dopingskandal in Russland zur Chefsache

Der Weltverband entscheidet heute über mögliche Suspendierung

Berlin. Zuckerbrot und Peitsche – Wladimir Putin mischt im Doping-Skandal in Russland entscheidend mit. Öffentlich reicht der mächtige Staatspräsident den Ermittlern die Hand, doch als Strippenzieher erhöht er im Hinterzimmer den Druck auf IAAF-Präsident Sebastian Coe.

Einen Tag vor der Entscheidung über eine Suspendierung Russlands hat die IAAF völlig überraschend einen ihrer wichtigsten Geldgeber verloren. Die halbstaatliche russische Bank VTB wird ihren Sponsoren-Vertrag nicht verlängern. „Wir haben nicht die Absicht, ihn zu erneuern“, sagte VTB-Vizepräsident Witali Titow am Donnerstag. Die zweitgrößte Bank Russlands befindet sich zu 60,9 Prozent in Staatsbesitz, also entscheidet immer auch der Kreml mit. Aber mit dem drohenden Ausschluss Russlands aus der IAAF habe das alles – natürlich – nichts zu tun.

Doch die Warnung an Coe könnte vor der mit Spannung erwarteten Telefonkonferenz des IAAF-Councils am Freitagabend nicht klarer sein. Auch wenn Putin selbst im Spiel um die Macht moderate Töne anschlug. In seiner ersten offiziellen Stellungnahme zum Vorwurf des systematischen und staatlich geschützten Doping-Betrugs in der russischen Leichtathletik versprach der 63-Jährige Aufklärung. Das Dopingproblem existiere „nicht nur in Russland. Aber wenn unsere ausländischen Kollegen Fragen haben, ist es notwendig, dass keine offen bleiben“, sagte Putin und kündigte die „offenste und professionellste Zusammenarbeit mit internationalen Anti-Doping-Behörden“ an.

Ein Ausschluss der russischen Leichtathleten von Olympia 2016 wäre auch für Putin, den leidenschaftlichen Sportler, eine beispiellose Blamage. „Wir müssen alles tun, um uns von diesem Problem zu befreien“, sagte er. IOC-Präsident Thomas Bach hielt sich in der Diskussion bedeckt. Eine mögliche Suspendierung sei Sache der IAAF, die aufsehenerregenden Enthüllungen der unabhängigen Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada seien aber „traurig und schockierend“. Er stellte harte Strafen in Aussicht: „Medaillen könnten aberkannt und neu vergeben, Sportler und Athleten bestraft und von der IAAF ausgeschlossen werden.“

Ed Warner, Chef des britischen Leichtathletik-Verbandes, wirbt für die drastischste aller Strafen – einen kollektiven Ausschluss der russischen Leichtathleten von Olympia 2016. Um ein Zeichen zu setzen. Auch auf die Gefahr hin, dass das gesamte russische Team und befreundete Länder die Spiele in Rio dann boykottieren könnten. Der Boykott sei „ein Risiko“, sagte Warner, aber „keines, das mich interessiert“.

Nun sind alle Augen auf Coe gerichtet: Wie entscheidet der Lord? Freitagabend gegen 19 Uhr wird der IAAF-Präsident seine 26 Kollegen im Council zur Krisensitzung per Telefonkonferenz begrüßen. Eine einfache Mehrheit im höchsten Gremium der Welt-Leichtathletik reicht, um die Frage aller Fragen zu beantworten. Sollen die russischen Leichtathleten angesichts des Doping-Skandals für die Olympischen Spiele 2016 gesperrt werden? „Es ist klar, dass ich unseren Sport wieder auf ein Niveau von Vertrauen und Glaubwürdigkeit bringen muss, das wir lange nicht mehr hatten“, sagte Coe.