Frankreich-Deutschland

Coman spielt wie ein genialer Zocker im Casino des Fußballs

Kingsley Coman hat sich in kurzer Zeit beim FC Bayern unverzichtbar gemacht. Jetzt steht der 19-jährige vor der Premiere für Frankreich

Der Franzose Kingsley Coman steht vor seinem Debüt für die Nationalmannschaft

Der Franzose Kingsley Coman steht vor seinem Debüt für die Nationalmannschaft

Foto: dpa Picture-Alliance / Szwarc Henri / picture alliance / abaca

Diesen Teenager nimmt Pep Guardiola nicht mehr einfach so aus der Mannschaft. In den letzten fünf Pflichtspielen des FC Bayern stand Kingsley Coman in der Startelf. Der Trainer verzichtete lieber auf Arjen Robben, selbst in den wichtigen Partien des DFB-Pokals in Wolfsburg (3:1) und in der Champions League gegen den FC Arsenal (5:1). Coman, 19 Jahre jung, wirbelt die linke Außenbahn entlang.

Wirbeln – ein viel zu verniedlichendes Verb als Beschreibung seiner Kunst. Der dynamische Aufreißer und seine Vabanque-Dribblings sprengen große Lücken in die Abwehr des Gegners. Er macht den Weg frei – für die Vollstrecker im Sturmzentrum. Kingsley, dieses Leichtgewicht mit nur 71 Kilo bei 1,78m, ist ein Zocker im Eins-gegen-Eins. Das Spielfeld ist sein Casino.

Nun will er an die ganz dicken Fische. Nationaltrainer Didier Deschamps hat ihn erstmals für die Landesauswahl nominiert, in Paris könnte Coman am Freitag im Testspiel zwischen Frankreich und Deutschland (21 Uhr, ARD live) sein Debüt geben.

Coman hat die Jugendakademie von Paris St. Germain durchlaufen

Coman entstammt der Jugendakademie von Paris St. Germain, er durchlief alle französischen Juniorenteams. „Er hat ein sehr großes Potenzial”, sagt Deschamps, „trotz der großen Konkurrenz spielt er bei Bayern.“ Comans Bilanz: Sieben Ligaspiele, zwei Tore, zwei Assists. In der Champions-League steuerte er bei drei Auftritten jedes Mal eine Torvorlage bei. Nach seiner bravurösen Leistung gegen Arsenal meinte Coman: „Es war okay für mich, aber ich kann noch viel besser spielen.“ Der Mann – pardon – der Teenager, weiß, was er will und was er kann. „Er hat sich bei den Bayern sehr schnell beeindruckend präsentiert. Ihn zu kontrollieren, ist enorm schwer“, sagt Bundestrainer Joachim Löw über den jungen Franzosen. „Ich möchte mich überall durchsetzen, das ist normal. Ich kenne jetzt die großen Klubs. Auch wenn die Nationalmannschaft noch mal etwas anderes ist, der Druck ist auch hier nicht höher. Ich bin gekommen, um zu bleiben.“ Große Leistung, große Klappe. Vive le courage!

Schon bei seiner Präsentation Ende August in München war ein Satz des Flügelspielers hängen geblieben: „Ich bin ein Spieler, der den Unterschied machen kann, in jeder Minute des Spiels.“ Die Vergangenheit lehrte oft: Wer so prahlt, scheitert. Vor allem bei Bayern. Doch Sportvorstand Matthias Sammer war sich schon im Sommer sicher: „Sein Potenzial ist außergewöhnlich. Wenn der Trainer ihn aufstellt, dann wird er explodieren.“ Man fragt sich nun: Warum um alles in der Welt hat Juventus Turin, die alte Dame, einen ihrer heißesten Jünglinge abgegeben? Nur ausgeliehen zwar und für stattliche sieben Millionen Euro, ein stolzer Preis für einen Versuch. Doch die Bayern haben eine Option, sie können ihr Juwel im Sommer 2017 nach zwei Jahren Testphase für 21 Millionen Euro ganz ihr eigen nennen. Nach lediglich etwas mehr als zwei Monaten gilt seine Probezeit als bestanden. „Ohne Zweifel“, sagte Guardiola, würde er Coman fest verpflichten wollen.

Dessen erste Eindrücke bei Bayern: „Hier ist es etwas ruhiger, etwas weniger streng, die Spieler sind ein bisschen freier - und das spürt man auf dem Platz.“ Er habe Juventus verlassen, „um in einer Mannschaft zu spielen, die besser zu meinem Spielstil passt. Ich habe dort nicht so viel gespielt, wie ich wollte. Trotzdem habe ich dort viel gelernt“, sagte Coman der Sportzeitung „L’Équipe“. „Jetzt wollte ich aber als Profi-Spieler gesehen werden und nicht mehr als kleiner Junge. Ich bin jetzt sehr glücklich.“ Vor allem mit Linksverteidiger David Alaba harmoniert Coman prächtig.

Der 19-Jährige tritt in die Fußstapfen von Franck Ribéry

Einst war der Franzose Franck Ribéry dessen kongenialer Partner. Der Reha-Patient, seit März außer Gefecht, half seinem Landsmann bei der Eingewöhnung und sagt über ihn: „Ein guter Junge!“ Der Linksaußen, dessen Comeback für Dezember erwartet wird, ist im August 2014 aus der französischen Nationalelf zurückgetreten. Nach einer ewigen, gegenseitigen Hassliebe. Kingsley Coman könnte sein Erbe antreten, das positive Erbe.

Coman lebt in München gemeinsam mit seinen Eltern. „Sie kochen für mich und kümmern sich um alles, was ich brauche.“ Er sei „ein häuslicher Typ. Ich gehe nicht oft aus, das war auch in Turin oder Paris schon so. Ich schaue gerne TV-Serien, zum Beispiel Game of Thrones.“ Der junge Mann ist eben ein Spieler.