Glasgow

Pauline Schäfer stiehlt Hambüchen und Bretschneider die Schau

Die 18-jährige gewinnt bei Turn-WM einzige deutsche Medaille

Glasgow.  Bei Pauline Schäfer waren die Freudentränen über WM-Bronze gerade getrocknet, da verstolperten Fabian Hambüchen und Andreas Bret-schneider ihre Reck-Abgänge. Der erkältete Hambüchen verpasste bei den Turn-Weltmeisterschaften in Glasgow als Siebter (13,500 Punkte) seine 25. Medaille bei Top-Ereignissen deutlich – und auch Bretschneider brachte nach perfekter Übung seinen Abgang nicht in den Stand und wurde Fünfter (14,966). Der Sieg ging an Mehrkampf-Champion Kohei Uchimura aus Japan (15,833) vor dem US-Amerikaner Danell Leyva (15,70) und Manrique Larduet aus Kuba (15,60).

So stahl Pauline Schäfer den Turn-Recken die Schau, als sie das erste deutsche WM-Edelmetall am Schwebebalken seit 34 Jahren holte. Die 18-jährige Saarbrückerin gewann in ihrem ersten WM-Gerätefinale die Bronzemedaille. Mit dieser Riesen-Überraschung erkämpfte sie zugleich ihr Einzel-Ticket für den Olympia-Start in Rio. Als letzte Deutsche hatte die Berlinerin Maxi Gnauck an dem Zittergerät eine Medaille gewonnen. In Moskau holte sie 1981 WM-Gold für die DDR.

Nach ihrem unerwarteten Erfolg war Pauline Schäfer völlig überwältigt. „Ich kann es nicht in Worte fassen, es ist so unglaublich“, sagte sie nach ihrem ersten Gerätefinale bei einer WM. 14,133 Punkte reichten der 18-Jährigen zum Sprung auf das Podest, weil viele Konkurrentinnen nicht fehlerfrei durch ihre Übungen kamen. Der Sieg ging an Titelverteidigerin Simone Biles aus den USA (15,358), die mit vier Goldmedaillen zur erfolgreichsten Turnerin der Titelkämpfe avancierte. Sanne Wevers aus den Niederlanden (14,333) holte sich die Silbermedaille.

„Ich habe mich mit Wasser betrunken“

Das Schlimmste sei für sie die Warterei nach der eigenen Übung gewesen, meinte Pauline Schäfer. „Ich habe mich mit Wasser betrunken, weil ich so aufgeregt war“, schilderte sie ihre Nervosität. Vor 8000 Zuschauern in der ausverkauften Arena hatte sie auf den von ihr kreierten „Schäfer-Salto“, einen Seitwärts-Salto mit halber Drehung, verzichtet. „Das war ärgerlich, aber er war im Training einfach zu instabil“, meinte sie. Bundestrainerin Ulla Koch hatte ihrem Schützling dringend empfohlen, auf Sicherheit zu turnen. Auch sie vergoss ein paar Freudentränen: „Medaillen werden im Training gemacht, und Pauline hat sich diesen Erfolg verdient“, sagte Koch.

Andreas Bretschneider hingegen zeigte am Reck den von ihm entwickelten „Bretschneider“-Doppelsalto mit zwei Schrauben in perfekter Manier – strauchelte aber bei der Landung und konnte einen Sturz nur knapp vermeiden. Den leistete sich aber Fabian Hambüchen beim Abgang vom Reck. Schwer atmend rang der 28-Jährige anschließend nach Worten. „Am Ende hat mir ein bisschen die Luft gefehlt, ich will das aber nicht auf meine Erkältung schieben“, sagte der immer noch leicht verschnupfte Olympia-Zweite erstaunlich gelassen.

Weniger ruhig reagierte DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam. Er bezeichnete die Turn-WM aus deutscher Sicht als „mittleren Betriebsunfall“, weil die avisierten Olympia-Tickets nicht gebucht wurden. Auch hier war Pauline Schäfer die rühmliche Ausnahme.