Köln

Mallorca muss warten

Trainer Huub Stevens kehrt aus dem Ruhestand zurück und will mit der TSG Hoffenheim den nächsten Bundesligisten wieder flott machen

Köln. Fünf Monate können eine kleine Ewigkeit sein – oder auch nur ein Wimpernhauch im ständigen Kommen und Gehen. Bei Huub Stevens ist die Sache eindeutig. 161 Tage nach seinem zweiten erfolgreich abgeschlossenen Notarzteinsatz in Stuttgart war der Niederländer zurück auf seiner liebsten Spielwiese, der Fußball-Bundesliga. Er machte das, was er dort immer schon getan hat. Erst knurrte er ein bisschen in die Runde, präsentierte im nächsten Augenblick aber sein kehliges Lachen und umgarnte die Journalisten, die er eben noch angefaucht hatte, dabei wie Kumpel, mit denen er jahrzehntelang unter Tage malocht hat.

Ein kurzer Vertrag ganz nach dem Geschmack des Holländers

Auch in Hoffenheim, seiner sechsten Trainerstation in Deutschland, wird das nun eine Zeitlang so gehen. Läuft alles glatt, bis zum 14. Mai 2016. Dann endet diese Bundesligasaison, und der einstige Hertha-Trainer (2002/2003) wird Platz machen für den 28-jährigen Julian Nagelsmann, den neuen, in Vorschusslorbeer eingelegten Wunderknaben der Fußballlehrerbranche. So haben es der Spezialist für schwierige Fälle und die Vereinsführung der Kraichgauer vereinbart – ein Pakt ganz nach dem Geschmack von Stevens.

Der feiert Ende des Monats seinen 62. Geburtstag – und sprach nach dem 0:0, das er zum Einstieg mit seiner neuen Mannschaft in Köln erreichte, offen über die natürlichen Grenzen der Begeisterungsfähigkeit. „Ich bin in ein Alter gekommen, wo ich sage: Ein halbes Jahr kann ich überblicken, aber mehr auch nicht. Das will ich auch nicht“, betonte der rettende Holländer, dem in Hoffenheim später niemand vorwerfen kann, er habe die Leute nicht vor seinen Launen gewarnt. Denn, so verdeutlichte Stevens: „Jetzt fühle ich mich noch wohl. Aber ich weiß nicht, was in einem halben Jahr ist. Da musst du ehrlich sein – zum Verein und zu dir selbst.“

Das unverblümte Wort schätzt auch Dominique Heintz. Kölns Innenverteidiger hatte das Flair des Gegners unter dessen neuem Vorturner 90 Minuten lang inhaliert und erklärte nun spitz: „Ich habe bei Hoffenheim keinen Trainereffekt gesehen. Normalerweise müsste eine Mannschaft da doch mit mehr Schwung daherkommen. Stattdessen spielt ihr Torwart Baumann am Ende auf Zeit – die wollten einfach nur den Punkt.“ Beim Versuch, sich in die Kicker der TSG hineinzuversetzen, wirkte Heintz wie ein enttäuschter Liebhaber nach der ersten Nacht. Doch der alte Fahrensmann Stevens konnte dem 22-Jährigen alles erklären.

„Man fängt bei einer Mannschaft an, sie von hinten aufzubauen“, erwähnte der frühere Abwehrspieler und verwies sarkastisch auf das vom schwachen Saisonstart zerbeulte Selbstbewusstsein seiner Spieler: „Wenn du vorn mit dem Aufbauen anfängst – super!“ Den Hoffenheimer Schnitt von zwei Gegentreffern pro Partie hatte er mit den bekannten Erste-Hilfe-Maßnahmen – mannschaftliche Geschlossenheit, geringe Abstände zum Gegner, jeder ackert für jeden – schon mal rapide gesenkt, untermauerte so seinen Ruf als kundiger Toreverhinderer.

Am vergangenen Montag war Trainer Markus Gisdol bei der TSG freigestellt worden, schmutzige Wäsche wollte Oliver Baumann nach der dezent angedeuteten Kehrtwende in der Domstadt aber nicht waschen. „An unserer Einstellung hat sich nichts verändert, die war immer top“, versicherte der 25-jährige Keeper und verriet wenig Überraschendes über die ersten Tage unter Gisdols Nachfolger: „Wir haben viel über Defensive gesprochen.“

Dass er mit dem ihm frisch anvertrauten Ensemble aber nicht nur Tore verhindern, sondern auch erzielen kann, das will Stevens ab sofort beweisen. Hoffnungen setzt der 18-malige niederländische Nationalspieler in dem Punkt vor allem auf Kevin Volland, der in Köln wegen seiner fünften Gelben Karte gesperrt war. „Wenn er dabei ist, hast du vorn Qualität“, betonte der Coach der 1899er, der mit erkennbarem Genuss sofort in den üblichen Disput mit den Medienvertretern einstieg. „Ihr wisst immer, was zu tun ist – das stört mich“, giftete er zum einen, murrte aber andererseits: „Dann bin ich halt mal wieder der Defensivdenker. Ich hab‘ damit kein Problem.“

Bei allem Spaß vermisst der Großvater seine Familie

Ein Problem könnte allerdings werden, dass die Rettungsmanöver in Stuttgart und das soeben begonnene in Hoffenheim einem Vergleich nicht standhalten. So sieht es zumindest Stevens, der erklärte: „In Stuttgart hatte ich eine ganz andere Mannschaft, ganz andere Qualität.“ Und: „Das sind zwei Vereine, die zwar geografisch nah beieinander liegen, aber ganz große Unterschiede haben.“

Als er das sagte, stand Stevens im Stadion des 1. FC Köln – jenes Klubs, den er nach dem Aufstieg im Sommer 2005 verließ, um seiner schwerkranken Frau in der Heimat beizustehen. Der mehrfache Großvater erzählte, dass er bei allem Spaß am neuen Job seine Familie vermisse, plauderte über die Enkelkinder und seine ursprünglichen Pläne Anfang letzter Woche. „Eigentlich wollte ich am Montag nach Mallorca fliegen“, berichtete Huub Stevens und schmunzelte Gemahlin Toos hinterher: „Jetzt geht sie ohne mich – und ich weiß nicht, mit wem.“