Berlin

Azubi mit tragender Rolle

Für den 20-jährigen Alba-Spielmacher Ismet Akpinar macht sich seine Geduld langsam bezahlt

Berlin.  Die Kollegen haben ihn ganz schön durchgeschüttelt und herumgeschubst. „Das hat schon ein bisschen wehgetan“, sagt Ismet Akpinar lachend. Aber gut getan hat er ihm trotzdem, dieser „Ausdruck der Freude“, wie er es nennt. Direkt nach dem 104:71 bei den Gießen 46ers hatten die Basketballprofis von Alba Berlin ihren Jüngsten umringt und abgefeiert, nachdem er mit 21 Punkten zu Berlins Topscorer geworden war.

„Das war das beste Spiel in meiner bisherigen Profikarriere“, sagt der 20-Jährige. 21 Zähler in lediglich gut zwölf Minuten Einsatzzeit, dabei alle vier Würfe von jenseits der Drei-Punkte-Linie verwandelt. Aber schon fast reflexartig fügt er gleich an: „Ich kann natürlich nicht erwarten, dass das jetzt immer so geht.“ Bloß nicht abheben, bloß keine großen Sprüche machen.

Ruhig und konzentriert hört er sich die Fragen an, um dann ebenso ruhig, konzentriert und fast druckreif zu antworten.

Ismet Akpinar ist einer, der klare Vorstellungen von dem hat, was er erreichen will. Der aber auch erst lernen musste, dass er im Profigeschäft eine Charaktereigenschaft besonders benötigt: Geduld.

Im Sommer 2013 kam er, gerade 18 Jahre alt geworden, vom Drittligisten Rist Wedel zu Alba. Die Berliner sahen in dem wohl größten deutschen Talent auf der Spielmacherposition ein Langzeitprojekt. Daher gaben sie dem in Hamburg geborenen jungen Mann gleich einen Vertrag über vier Jahre.

Trainer Obradovic lobt die Einstellung des Jungprofis

„Eigentlich ist Geduld nicht so meine Stärke“, gibt er ehrlich zu. Beim Autofahren zum Beispiel könnte es im Berliner Verkehr doch bitteschön oft etwas schneller vorangehen. „Ich kann es auch nicht leiden, wenn andere nicht pünktlich sind und ich auf die warten muss.“ Er selbst hingegen ist pünktlich und lässt generell andere nicht warten.

Als er seine Ausbildungszeit bei Trainer Sasa Obradovic begann, musste er sich sehr umstellen. Im ersten Jahr spielte er zwar auch noch im U19-Team in der Nachwuchs-Liga NBBL, dabei führte er Alba sogar zum Titelgewinn. Bei den Profis jedoch war es sehr hart. Alle im Team waren größer, schneller, erfahrener. Der Auszubildende musste ganz unten anfangen.

Die Meriten der Vergangenheit, dass er bereits mit 16 Jahren erfolgreich in der 3. Liga aktiv war, dass er in Hamburg in der NBBL mal in einem Spiel 49 Punkte erzielt hatte, dass er in der deutschen U16 und U18 eine feste Größe war, zählten nicht mehr.

„Er hat eine sehr gute Einstellung“, lobt Obradovic, „das zahlt sich aus.“ Gute Einstellung, das bedeutet, immer hart zu arbeiten, eben geduldig zu sein, „daran zu glauben, dass meine Zeit kommen wird“ (Akpinar). Nun hofft er zu Beginn seiner dritten Saison in der Hauptstadt: „Es sieht so aus, als sei jetzt das Jahr, wo es passiert.“

Immer öfter und früher schenkt ihm Obradovic sein Vertrauen. Akpinar glaubt den Grund dafür zu kennen: „Weil ich es jetzt schaffe, richtig gut zu verteidigen.“ Das will der Coach vor allem anderen sehen: Diese unbedingte Hingabe, den Gegner zu zermürben. Alles Weitere, so die Philosophie des ehemaligen Weltklasse-Spielmachers Obradovic, sei dann Produkt davon.

Akpinar und seine Lehrzeit. „Von Cliff habe ich sehr viel gelernt“, erzählt er. Zwei Jahre lang musste er im Training immer wieder – in der Offensive – gegen Cliff Hammonds spielen, der zweimal zum besten Verteidiger in der Liga gewählt wurde. „Das hat mich richtig abgehärtet.“

Die Zahlen sprechen für sich: Im ersten Jahr kam Akpinar im Schnitt 3:11 Minuten zum Einsatz, in der vergangenen Spielzeit waren es genau fünf Minuten, jetzt sind es bisher schon 9:56 Minuten. Und er hofft natürlich, auch am Mittwoch eingesetzt zu werden, wenn das Berliner Team im Eurocup bei der französischen Spitzenmannschaft Le Mans Sarthe anzutreten hat (20.30 Uhr, kostenfreier Livestream auf www.rbb-online.de/sportplatz).

Es geht nur Schritt für Schritt. Er geht den Weg, den bei Alba einst Nachwuchsspieler wie Mithat Demirel, Jörg Lütcke oder Marko Pesic unter den Trainern Svetislav Pesic und Emir Mutapcic erfolgreich gegangen sind. In Obradovic hat er einen Coach, der sich auch als Entwickler sieht.

„Er ist ein hartnäckiger Arbeiter“, sagt Albas Geschäftsführer Marco Baldi über den Jungprofi. Mit Blick auf das Highlight gegen Gießen ist er sich sicher: „Das wird ihm einen weiteren Schub für seine Entwicklung geben.“

„Ich gebe in jeder Trainingseinheit alles, um mir meine Rolle zu verdienen“, sagt Akpinar. „Man darf nie zufrieden sein.“ Noch muss er als Jüngster im Team schon mal den Koffer des Physiotherapeuten tragen. „Das gehört dazu, so ist eben die Hierarchie.“ Zumindest hier hat Ismet Akpinar bereits eine tragende Rolle.