Leipzig

Kruse stoppt die Verschwendung

Löws Weltmeister tun sich erneut schwer vorm Tor, buchen gegen Georgien aber das EM-Ticket

Leipzig. Hier hatte alles begonnen. In Leipzig gründete sich 1900 der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Der erste Meister kam auch aus der Stadt. Aber man kann wohl behaupten, dass sie den deutschen Fußball in Sachsen wieder hätten einreißen mögen, wenn die Nationalmannschaft am Sonntag gegen Georgien, den 110. der Fifa-Weltrangliste, verloren hätte. Ja, hätte der Weltmeister die Teilnahme an der EM in Frankreich 2016 noch im letzten Qualifikationsspiel tatsächlich in Gefahr gebracht.

Tat er aber nicht. Der deutsche Fußball darf weiter bestehen, auch wenn es zwischenzeitlich nicht danach ausgesehen hatte. Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw siegte in einem erschreckend schlechten Spiel mit 2:1 (0:0) gegen Georgien durch die Treffer von Thomas Müller (49. Minute) und Einwechselspieler Max Kruse (79.). Für Georgien traf Jaba Kankava (53.). Deutschland hat sich mit einem Zähler Vorsprung auf Polen als Erster der Gruppe D für die EM-Endrunde im kommenden Sommer in Frankreich qualifiziert. Das Parallelspiel zwischen Polen und Irland in Warschau endete 2:1 (1:1).

Löw hatte vor dem Spiel mehr Effizienz vor dem Tor gefordert. Ökonomischer mit dem umgehen, das man sich da in des Gegners Gefilden erspielt. Aber lange bekam der 55-Jährige wieder einmal nur Verschwendung zu sehen. In den ersten zwölf Minuten der Partie ließ die DFB-Auswahl vier Gelegenheiten aus, erst Müller (2. und 6.), dann Marco Reus (9.) jeweils per Fernschüssen. Wenig später stand der Dortmunder nach feinem Hackentrick von Müller vernachlässigt vor Georgiens Schlussmann Nukri Revishvili, aber drosch den Ball aus zehn Metern in den oktoberkühlen Nachthimmel (12.). Reus tat sich später noch zweimal als Verschwender hervor, als er erneut eine gute Chance im Strafraum bekam, aber zu lässig am Tor vorbeischob (31.), oder als er per Direktabnahme am starken Revishvili scheiterte (37.).

Die nach der unerwarteten 0:1-Niederlage gegen Irland wieder einmal geführte Debatte über einen echten Mittelstürmer hatte Löw geflissentlich ignoriert und für den verletzten Mario Götze im Angriffszentrum den mittelstürmer-unverdächtigen André Schürrle aufgeboten. Sonst änderte Löw nichts an seiner Mannschaft, weil Kapitän Bastian Schweinsteiger noch immer mit Muskelproblemen zu kämpfen hatte.

Dass weiterhin auch Manuel Neuer im Tor Elf stand, war zwar erwartet worden, aber auch notwendig. Denn hätte da ein gewöhnlicher Schlussmann zwischen den Pfosten gestanden, wäre Deutschland wohl nach 27 Minuten in Rückstand geraten, als Georgiens Tornike Okriashvili aus zehn Metern platziert abschloss. Und wer weiß, was das alles noch gegeben hätte. Aber Neuer fischte die Kugel aus dem unteren Toreck. Das fand das Leipziger Fußballpublikum zwar gut, aber weil es nach 45 Minuten noch kein Tor für Deutschland bejubeln durfte, pfiff es beim Pausenpfiff lange.

Auch in Halbzeit zwei verteidigte Georgien mit einer Fünfer-Abwehrkette und einem Viererblock davor. Aber das kennen sie ja schon beim DFB. Da braucht es Ideen, oder eben ein bisschen Glück. Das hatte Mesut Özil, als ihn Jaba Kankava im Strafraum ungeschickt von den Beinen holte, und es Elfmeter gab. Den schob Müller zum 1:0 ein (49.) – sein neuntes Tor in der Qualifikation.

Georgiens Kapitän Kankava allerdings musste sich nicht lange ärgern. Fast im Gegenzug glich der Verteidiger überraschend aus: Nach einer Ecke sprang der Ball zu Kankava, und der drosch ihn aus 16 Metern zum 1:1 ins Netz (53.). Und still war es in Leipzig. Totenstill wäre es geworden, hätte Neuer nicht eine weitere Weltklasseparade gegen Okiashvili gezeigt, als er den Schuss aus acht Metern über die Latte lenkte (60.).

Nun gab es immer lautere Pfiffe, und das schien die DFB-Auswahl zusätzlich zu verunsichern. Sie fand einfach kein Durchkommen. Löw brachte Max Kruse (76.) deshalb für den schwachen Schürrle – einer also, der noch am ehesten mittelstürmer-verdächtig ist. Und das erwies sich als Glücksgriff: Drei Minuten nach seiner Einwechslung traf Kruse mit seiner zweiten Ballberührung nach Vorarbeit von Özil zum 2:1 (79.). Er hatte nicht lange rumgedaddelt, wie die Kollegen zuvor und schoss aus 14 Metern direkt ins lange Ecke zum Sieg.

Das war’s. Weltmeister Deutschland fährt zur EM nach Frankreich im kommenden Juni, hat sich auf dem Weg dahin aber nicht gerade mit Ruhm bekleckert. „Wir sind zufrieden, dass wir die Qualifikation geschafft haben, aber unzufrieden mit den letzten beiden Spielen. Das ist nicht unser Standard, es liegt noch viel Arbeit vor uns“, sagte Löw bei RTL. Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach war „geschafft“: „Wir haben wunderbare Fußballer, die streicheln, schieben und passen, aber der Ball muss irgendwann mal rein.“ Und Manuel Neuer stellte fest: „Wir brauchen vorne den Killerinstinkt. Bei der EM muss das anders werden.“