Ironman-Triathlon

Berliner Frommhold startet 2. Angriff auf Hawaii

Im Vorjahr war der Triathlet Sechster, diesmal ist er noch besser in Form dank Hitztetraining in Texas: „Ich will irgendwann gewinnen.“

Nils Frommhold gewann in Roth, musste aber viele  Qualen auf der Laufstrecke erleiden

Nils Frommhold gewann in Roth, musste aber viele Qualen auf der Laufstrecke erleiden

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Ein bisschen Veränderung tut gut. Ein paar Sachen bleiben trotzdem so, wie gehabt. Das Apartment zum Beispiel ist dasselbe wie im vergangenen Jahr. Es hat sich bewährt, etwas abseits vom Wahnsinn zu logieren. Was da nicht alles los ist in Kona, wenn der Ironman auf Hawaii ansteht. Also erst einmal will Nils Frommhold wieder ein bisschen weg vom Alii Drive, bevor der große Tag kommt und das Leiden seinen Höhepunkt erreicht.

Ganz so ruhig wie vor einem Jahr wird es sich der Berliner diesmal jedoch nicht mehr machen können. Damals, bei seinem ersten Auftritt bei der Mutter aller Ironman-Wettbewerbe, reiste Frommhold als Nobody an. Fast zumindest. Da nahm kaum jemand Notiz von ihm. Diesmal stehen viele Termine vor dem Rennen an. Das ist ein Zeichen, dass etwas passiert sein muss. „Du wirst interessanter für Sponsoren. Von außen kommt eine ganze Portion mehr rein, wenn man zwei, drei größere Erfolge hatte. Damit muss man erst einmal umgehen können“, sagt der 29-jährige Triathlet. Kann er. Spurlos ist das trotzdem nicht an ihm vorübergegangen.

Die äußeren Einflüsse sind das eine, wenn jemand eine starke Saison, wie Frommhold sie im Jahr 2014 erlebte, noch einmal übertrifft. Nach Platz sechs beim Debüt in Hawaii folgte Rang fünf in Melbourne im März, der Sieg in Roth im Juli, Platz eins bei einem Mitteldistanz-Rennen in Gdynia im August.

Innere Faktoren gibt es auch noch. „ Vor Rennen gerät man mehr in Drucksituationen, will sich etwas beweisen, weil die Messlatte höher liegt. Man geht nicht mehr als der Unbekümmerte ins Rennen, man hat etwas zu verteidigen. Das ändert schon ziemlich viel. Meine Denkweise ist jetzt eine andere“, erzählt Frommhold. Was selbst im starken Vorjahr noch überwiegend als Zufallsprodukt entstand, wurde jetzt zum Resultat gezielten Kalküls. „Vergangenes Jahr wollte ich große Rennen abliefern, aber einen genauen Plan hatte ich nicht. Dieses Jahr habe ich geschaut, wo meine Chancen sind, um zu gewinnen, und auch so agiert.“

Einfacher wurde es dadurch nicht. In Roth, einem der bedeutendsten Ironman-Rennen, fraß ihn sein Plan fast auf. Auf dem Rad musste der in Freiburg lebende Athlet seinen Vorsprung herausholen, um beim Marathon vorn bleiben zu können. Frommhold griff an, vielleicht etwas zu stark. Im zweiten Teil des Marathons rächte sich das. „Ich musste teilweise gehen. Die Kräfte haben einfach gefehlt, die letzten vier, fünf Kilometer waren das Härteste, was ich bisher erlebt habe. Der Tank war komplett leer, ich habe mich über die Strecke gequält.“

Nicht aufgeben, weitermachen, immer wieder zurückkommen nach einem Moment der totalen Erschöpfung. Frommhold schleppte sich über die Ziellinie. Er wisse gar nicht, ob man so oft sterben könne, sagte er danach. Als großer Sieger über das Leiden.

Er merkt, wie ihn das viele Training immer besser macht

Dass er den Marathon überhaupt so gut überstehen konnte, hat seine Ursache in verändertem Training. Ende 2012 wechselte Frommhold auf die Langdistanz und passte seine Übungseinheiten an. Dabei kam ihn die Fähigkeit abhanden, auf Teilstrecken mit dem Tempo zu variieren. Das erwies sich ein paar Mal als nachteilig. „Wenn man lang kann, kann man meistens nicht schnell. Da habe ich versucht gegenzusteuern und im Training viele Einheiten gemacht, die schneller und kürzer waren. Das hat mir koordinativ und von der Geschwindigkeit her noch einmal einen schönen Schub gegeben. Ich habe einen Schritt gemacht, der mir vieles ermöglichen kann“, erzählt der Berliner. Ohnehin merkt er gerade, dass die zahllosen Kilometer im Wasser, auf dem Rad und im Laufen sich stetig auszahlen. Wer mit den Jahren immer mehr davon in den Knochen hat, wird härter, belastbarer – und letztlich besser.

Um sich speziell auf Hawaii vorzubereiten, schlug Frommhold diesmal auch örtlich eine andere Richtung ein. Texas erkor er als Ziel für das Trainingslager aus. „Nach drei Jahren in Florida habe ich für mich selbst nach Alternativen gesucht. Da war schon eine gewisse Routine drin, die wollte ich etwas aufbrechen, um für Hawaii auf alles vorbereitet zu sein“, sagt er. Hitze und Luftfeuchtigkeit kamen ihm teilweise sogar schlimmer vor als auf Big Island. Gute Wahl also. Er fühlt sich genauso präpariert, wie er es sein wollte.

Im Vorjahr gewann Kienle, Frodeno wurde Dritter

Es darf also etwas mehr werden diesmal. „Ich träume schon von ziemlich viel, ich will das Rennen irgendwann gewinnen“, so Frommhold. Nach 3,86 Kilometern im welligen Pazifischen Ozean, nach 180,2 Kilometern auf dem Rad im Duell mit fiesen Winden, nach 42,195 Marathon-Kilometern durch vor Hitze flimmernden Lavafeldern als Erster durchs Ziel zu laufen, traut sich der Berliner jetzt zu.

Vor einem Jahr, als die Deutschen Sebastian Kienle (Mühlacker), 31, und Jan Frodeno (Saarbrücken), 34, Platz eins und drei belegten, wollte er nur dabei sein, das Rennen erleben und kennenlernen: „Sportlich war es ein Traum. Weil ich gesehen habe, dass mein Körper, dass ich dazu in der Lage bin, in Hawaii gut zu performen. Die Platzierung war gar nicht so wichtig. Wegen der extremen Bedingungen dort war ich mir nicht sicher, ob das überhaupt etwas für mich ist. Jetzt weiß ich es.“ Was nicht heißt, dass er schon bereit ist für den Sieg. Hawaii ist nicht nur ein Mythos, weil der Ursprung dieses Sports dort liegt. Hawaii ist unberechenbar. „Man weiß eigentlich nie, was abgeht“, erzählt der Berliner: „Die Strecke ist wirklich gemein.“ Weil die ohnehin harten Bedingungen so schnell wechseln.

Vielleicht passt dieses Rennen aber deshalb so gut zu ihm. Frommhold lässt sich auch nur schwer kontrollieren. Weil er alle drei Teildisziplinen sehr gut beherrscht und nicht groß eingeschränkt ist in seinen Möglichkeiten, einen Ironman zu gestalten. Und weil er mutig ist. „Wenn ich die Chance auf einen Angriff sehe, werde ich es machen. Da bin ich viel zu viel Racer, um auf die sichere Schiene zu gehen“, erzählt er. Obwohl das sichere Qualen bedeutet. Vielleicht schlimmer als alle, die er schon überstanden hat.