Barcelona

Leverkusens 92-Sekunden-Blackout

Bayer verpasst in Camp Nou die Sensation gegen den Champions-League-Sieger FC Barcelona

Barcelona.  Bayer Leverkusen hat dem mächtigen FC Barcelona einen gehörigen Schrecken eingejagt, aber ein Wunder knapp verpasst. Mit ihrem unorthodoxen Spielstil ließen die Rheinländer den Titelverteidiger phasenweise regelrecht leiden und lagen bis zehn Minuten vor Schluss durch ein Kopfballtor von Innenverteidiger Kyrgiakos Papadopoulos im Camp Nou sogar in Führung. Doch letztlich musste der Bundesligist für seinen enormen physischen Aufwand bitter bezahlen. Sergi Roberto und Luis Suárez drehten das Spiel innerhalb von 92 Sekunden noch zu einem 2:1 (0:1) für die favorisierten ­Katalanen.

Duell zwischen Bernd Lenound Marc-Andre ter Stegen

Vom Anpfiff hinweg entwickelte sich ein höchst unterhaltsames Fußballspiel, und schnell wurde klar, dass hier nicht nur ein Barça ohne Lionel Messi auf dem Platz stand, sondern auch eines, dass zwischen seinen Abwehrposten bisweilen ganze Lagunen freiließ. Schon in der ersten Minute durfte Marc-André ter Stegen nach all der Kritik der vergangenen Wochen mal eine richtig gute Parade zeigen. Den Versuch von „Chicharito“ Hernández aus nächster Distanz nach Flanke des exzellenten Karim Bellarabi parierte er vor allem, weil er am kurzen Pfosten richtig stand.

Leverkusens Bernd Leno, sein Rivale und Intimfeind aus diversen Jugendnationalmannschaften, konterte in der 9. Minute: Der Schlenzer des für Messi aufgebotenen Sandro Ramírez hätte gegen jeden handelsüblichen Profi­keeper zum Treffer gereicht – Leno brachte jedoch seine Hand an den Ball.

Leverkusen hatte eine optimale Ausgangssituation mit in dieses Spiel gebracht: drei Punkte schon auf dem Konto nach dem Auftaktsieg gegen Borissow und die vermeintlich entscheidenden Duelle um das Weiterkommen gegen den AS Rom erst demnächst im Terminkalender (tatsächlich schlugen die Weißrussen die Italiener gestern mit 3:2). Dazu ein Barcelona ohne Messi, der Leverkusen beim letzten Besuch 2012 mit fünf Toren traktiert hatte.

Bayer hatte allen Grund, mutig mitzuspielen – und tat genau das. Durch die gewohnt aggressive Deckungsarbeit und sein Offensiv­pressing, unverhandelbares Markenzeichen der Elf von Roger Schmidt, ­provozierte es viele Abspielfehler. Und durch schnelles Aufrücken mit vielen Spielern schlug Bayer daraus immer wieder Kapital in Form von Chancen.

Nachdem Kevin Kampl, aufgeboten auf Rechtsaußen in einem 4-2-3-1-­System, noch minimal vorbeigeschlenzt hatte, musste eben eine andere Bayer-Spezialität in der 22. Minute zur Führung herhalten – die Standardsituation. Hakan Calhanoglu trat eine Ecke von links, der Ball flog in die Mitte des Fünfmeterraums, wo Papadopoulos unbedrängt einköpfte. Ter Stegen und Suárez warfen sich danach gegenseitig schuldhaftes Unterlassen vor, doch wie immer die Zuordnung verabredet war: ein Torwart hat keine guten Argumente, wenn er die Zone unmittelbar vor sich nicht bespielt.

Murren und erste Pfiffe des Publikums begleiteten dann eine Phase, aus der Bayer womöglich mehr hatte machen können, als das Ergebnis nur zu halten. In der 36. Minute verhinderte ter Stegen durch eine Blitzreaktion gegen Bellarabi das 0:2, nachdem der Deutsch-Marokkaner Piqué wie den Altherrenverteidiger aussehen lassen hatte, zu dem Leverkusens Tempofußball den katalanischen Abwehrchef an diesem Abend oft degradierte. Auf der anderen Seite kam auch die Heroik kam nicht zu kurz: wie bei der Klärungsaktion von Papadopoulos in ­vollem Tempo, mit dem Gesicht zum Tor und kurz vor Linie gegen einen Nachschuss von Sandro (39.). Neymar hatte zuvor den Pfosten getroffen.

Doch die Leverkusener behielten zunächst ihre Konterchancen. Wie Chicharito einen perfekten Flankenball von Bellarabi aus wenigen Meter weit übers Tor schoss, konnten Spötter als Beweis nehmen, warum Manchester United den Mexikaner nicht mehr haben wollte (49.). Fünf Minuten später hatte er genug Chancen vergeben und wurde durch Altmeister Stefan Kießling, 31, ersetzt. Schmidt nahm bald weitere Wechsel vor – denn Bayer wurde jetzt zunehmend müde.

Lange erspielte sich Barça aus seiner Belagerung dennoch keine echten Torchancen, doch in der 80. Minute initiierte der eingewechselten Sergi Roberto eine Kombination, die er nach Lenos Parade gegen den ebenfalls eingewechselten Munir selbst abschloss. Zwei Minuten später entschied die Klasse von Suárez die Partie. Nach Vorarbeit von Munir platzierte er einen Drehschuss unhaltbar im ­Kreuzeck. „Wir sind sehr enttäuscht“, sagte Kevin Kampl. „Es ist extrem bitter, in so ­kurzer Zeit zwei Gegentore zu bekommen. Da sieht man, wie ­abgebrüht ­Barcelona ist.“