Wolfsburg

Draxler zahlt zurück, die Zuschauer nicht

Auch wenn Herthas nächster Gegner VfL Wolfsburg in der Champions League überzeugt – die Imageprobleme bleiben

Wolfsburg.  Erstes Champions-League-Spiel seit sechs Jahren, und dann auch noch ein Siegtor durch den frisch verpflichteten Rekordzugang bei dessen erstem Auftritt im heimischen Stadion – viel mehr kann sich die Fan-Seele eigentlich nicht wünschen. Sollte man meinen, doch in Wolfsburg rückte das 1:0 (1:0) gegen ZSKA Moskau am Dienstagabend tatsächlich in den Schatten von Imagesorgen.

Dem 35-Millionen-Euro-Mann Julian Draxler dürfte zum Auftakt der Champions League jedenfalls klar geworden sein, dass er nicht mehr in stets emotionaler Stimmung bei Schalke 04, sondern nun beim Werksklub in der niedersächsischen Provinz kickt. „Das war schade, aber wir müssen uns professionell verhalten“, sagte Draxler in Bezug auf die Wolfsburger Minuskulisse von nur 20.126 Zuschauern. Darunter waren noch 400 russische Fans und 1200 eingeladene Flüchtlinge.

„Das ist enttäuschend, das hat die Mannschaft nicht verdient“, schimpfte Sportchef Klaus Allofs. „Ich habe die Hymne vor dem Spiel gar nicht mitbekommen. Ich musste erst mal gucken, wo die ganzen Zuschauer sind.“ Eine Erklärung dafür hatte der VfL-Manager nicht wirklich. „Vielleicht müssen wir die Leute hier zwangsverpflichten“, meinte Allofs mit ironischem Unterton. Neu ist das Phänomen der schlecht besuchten Wochentagsspiele nicht in Wolfsburg. Zu DFB-Pokalpartien an einem Dienstag oder Mittwoch kommen manchmal nur 10.000 Zuschauer.

Diesmal aber ging es um Europas Fußball-Elite, und da hätte sich Allofs gerne mehr Unterstützung auch außerhalb der Stadt gewünscht. Trainer Dieter Hecking hielt sich in der Bewertung des Problems noch zurück, eine Spitze konnte er sich aber nicht verkneifen. „Ich finde, dass unsere Kurve überragend war. Und die anderen, die da waren, gehen hoffentlich zufrieden nach Hause“, sagte der Coach nach seinem ersten Spiel in der Champions-League.

Allofs und Hecking dürfte klar sein: Solange der VfL den mangelhaften Zuschauerzuspruch abseits der Bundesligaheimspiele nicht in den Griff bekommt, wird es der Klub immer schwer haben, Stars dauerhaft zu halten. Trotz aller Finanzkraft und möglicher weiterer Titel wird der VfL niemals an die Strahlkraft traditioneller europäischer Top-Klubs heranreichen.

Teams wie der FC Barcelona, Real Madrid oder der nächste Gruppengegner Manchester United (30. September) müssen da noch nicht mal bemüht werden. Der Fußballer des Jahres, Kevin De Bruyne, bestand auf seinen Wechsel zu Manchester City, obwohl die Engländer nicht unbedingt mehr sportlichen Erfolg versprechen. Zumindest nicht aktuell: Dienstag verloren die Engländer 1:2 gegen das kriselnde Juventus Turin – ohne De Bruyne in der Startelf.

Nicht jeder ambitionierte Profi beim VfL ist so bescheiden wie De-Bruyne-Nachfolger Draxler, der sich nach chaotischen Jahren auf Schalke nach Ruhe sehnte. „Wer ihn hier jeden Tag sieht, sieht einen ganz geerdeten jungen Fußballer, der eigentlich nur eins will: Mit Spaß Fußball spielen“, sagte Hecking.

Dies stellte der Neuzugang gegen Moskau eindrucksvoll unter Beweis. Nach schwachem Debüt für den VfL beim 0:0 am vergangenen Wochenende in Ingolstadt brachte der 21-Jährige gegen ZSKA all seine Erfahrung aus 23 Champions-League-Partien auf den Platz. Er agierte umsichtig, souverän und dominant. Der verdiente Lohn für den starken Auftritt: Sein Siegtreffer in der 40. Minute.

Für Hertha BSC, am Sonnabend (15.30 Uhr) zu Gast in Wolfsburg, sollte Draxlers Leistung eine zusätzliche Warnung gewesen sein – zumal den Berlinern nach den Verletzungen von Peter Pekarik und Mitchell Weiser ein ausgebildeter Rechtsverteidiger fehlt. Ein Umstand, der auch Dieter Hecking nicht entgangen sein wird. Unabhängig davon hatte der Trainer viel Lob übrig für seinen neuen Star. „Heute hat Julian schon etwas zurückgegeben“, sagte der VfL-Coach. Ob das Wolfsburger Publikum in den kommenden Wochen etwas mehr zurückgibt, wird sich zeigen.