New York

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Italienerin Flavia Pennetta gewinnt mit 33 Jahren erstmals die US Open und beendet ihre Karriere

New York.  Als die „längste Umarmung der Tennisgeschichte“ (tennis.com) gerade vorbei war, musste die neue US-Open-Siegerin Flavia Pennetta ihrer Freundin Roberta Vinci noch ein kleines Geheimnis anvertrauen. Auf zwei Pausenstühle hatten sich die Hauptdarstellerinnen dieses Endspiels gesetzt, es war ein Bild der Vertrautheit. Was die Freundin erfahren sollte: Dass dies das letzte Grand-Slam-Spiel von Pennettas Karriere gewesen sei und dass zum Ende der Saison Schluss sei mit dem Profitennis. Vinci war zunächst verblüfft, „doch dann habe ich Flavia gesagt: Alles gut. Geh’, wenn es okay für dich ist.“

Genau das war es, der ideale Moment, der ideale Tag, die ideale Stunde. „Ich gehe, wenn es am schönsten ist“, sagte die stolze New Yorker Tenniskönigin nach dem 7:6, 6:2-Erfolg. 49 Anläufe bei Grand-Slam-Turnieren hatte sie gebraucht, mehr als jede andere Spielerin der Tennisgeschichte, doch nun spürte die 33-Jährige nur noch große Zufriedenheit. „Ein Abschied, wie man ihn schöner nicht erleben kann“, befand aus der Ferne Kollegin Maria Scharapowa. Und selbst die Frau, deren strahlender Festtag dieser 12. September hatte werden sollen, meldete sich zu Wort – die am Grand Slam gescheiterte Serena Williams: „Du hast es verdient“, rief sie der sympathischen Mitstreiterin Pennetta zu, „viel Glück in deinem neuen Leben.“

Die rührende Schluss-Pointe beendete einen Finaltag, an dem alles anders war als gedacht – für Tennis-Amerika, das sich eigentlich an der Krönungsmesse für Serena Williams ergötzen wollte. Und für das übliche Promiaufgebot mit Stars wie Robert Redford, Queen Latifah oder Michael Douglas, alle gekommen, um dem sporthistorischen Moment beizuwohnen. Der geplante Spiel-Film war abgesetzt, der Ersatzplot allerdings keine Verlegenheitslösung – sondern eine Melange aus spielerischer Raffinesse und wunderbaren Freundschaftsbeweisen in aller Tennis-Rivalität. Ausgerechnet jetzt, wo das Welttennis gerade die Verrohung der Sitten beklagt hatte, in der Beleidigungsaffäre um den australischen Jungstar Nick Kyrgios, erlebten die Fans zwei Spielerinnen, die beste Freundinnen sind, hart um einen Titel fighteten und danach wieder die besten Freundinnen sind. „Sie haben gezeigt, wie sich Vorbilder im Sport verhalten“, sagte Billie Jean King, die Namenspatin des National Tennis Centers zu Flushing Meadow.

Beinahe unglaublich erschien es ja, dass diese beiden am Finaltag der Saison 2015 und im letzten Grand-Slam-Match Pennettas zusammen auf dem Platz standen – zwei Freundinnen, die als Teenagerinnen aus dem Süden Italiens zusammen ins italienische Leistungszentrum nach Rom gingen, fast vier Jahre gemeinsam ein Zimmer bewohnten und dann auch die ersten Schritte auf der Profitour machten. „Irgendwie gab es heute keine Siegerin und keine Verliererin für mich“, sagte Vinci nach dem Finale, „es war ein Sieg für alle.“

Auch Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi verlieh dem Wir-Gefühl Ausdruck bei seiner hastig inszenierten Reise ins Ashe-Stadion: „Das ist ein großer, ein sehr großer Tag für den italienischen Sport“, sagte Renzi, „wir sind stolz auf diese beiden Frauen.“ Renzi hatte in seiner Maschine noch Pennettas Freund Fabio Fognini, selbst Profi, mittransportiert – der bereitete sich in Rom mit dem Davis-Cup-Team auf die Partie im sibirischen Irkutsk vor, nahm dann aber das Angebot an. „Ich wusste von nichts“, sagte Pennetta, „ich war wie vom Donner gerührt, als ich ihn eine Stunde vor dem Match im Player Garden sah. Die Überraschung war gelungen.“

Finten und Finessen anstelle des üblichen Haudrauf-Tennis

Es war eine der vielen unvorhergesehenen Drehungen und Wendungen an diesem Tag, der auch sportlich ein bestauntes Alternativ- und Kontrastprogramm lieferte. Pennetta und Vinci, die verschworenen Gegnerinnen, boten nicht das gewohnt eintönige Haudrauf-Tennis dieser Tage, sondern reichlich Finten, Finessen und Feinheiten in einem Spiel, das wieder mal ein Spiel war. Und nicht die stupide Demonstration von Wucht und Power. Es war ein italienisches Vergnügen – durch und durch.