New York

Kleines Land ganz groß

Die Schweiz hat nur acht Millionen Einwohner, ist aber zur Weltmacht im Tennis aufgestiegen

New York. Als Roger Federer vor einem Jahrzehnt seine ersten ­US-Open-Titel holte, erschien in der „New York Post“ die provozierende Schlagzeile: Roger Who? (deutsch: Roger Wer?). Inzwischen kennen sie ihn mehr als gut im Big Apple, in ganz Amerika. Federer, einst ein anonymer Champion im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ist zum adoptierten Sohn geworden. Ein Welt- und Megastar besucht nun das Grand-Slam-Spektakel, einer, den sie so verehren, dass er wahre Menschenaufläufe verursacht, wenn er sich mit Frau und vier Kindern in den Wolkenkratzerschluchten Manhattans bewegt. Ganz zu schweigen von der echten Liebe, die er im Billie Jean King Tennis Center empfängt, bei seinen Auftritten tags und nachts. Selbst wenn er gegen einen Amerikaner wie John Isner siegt, so wie am Dienstag in der Abendshow (7:6, 7:6, 7:5).

Federer ist längst zum Phänomen der US Open geworden. Aber das vielleicht noch größere Phänomen ist das Land, aus dem der Maestro stammt: Denn die kleine Schweiz mit ihren acht Millionen Einwohnern ist zu einer Weltmacht in einem Sport aufgestiegen, der den ganzen Globus umspannt – von Neuseeland bis Norwegen, von Kolumbien bis Kroatien. Fast schon selbstverständlich wird hingenommen, dass zwei Schweizer Asse in der Männerkonkurrenz stets bis zuletzt in der Pokalauslosung vertreten sind – neben Federer auch dessen einstiger Schattenmann Stan Wawrinka. „Ich schüttele selbst mit dem Kopf, wenn ich sehe, was die Schweiz im Tennis für Erfolge produziert“, sagt Federer.

Neben Paris-Sieger Wawrinka greifen noch zwei Frauen an

Umso mehr, wenn man auf die Viertelfinalkandidaten hier in New York schaut: Kein Deutscher ist dabei, kein Australier, kein Brite, kein Russe. Und auch kein Amerikaner, keiner aus dem Gastgeberland. Keiner der Erben von Sampras, Agassi, Courier und Co. Dafür aber Federer und Wawrinka, die Helden des letztjährigen und historischen Davis-Cup-Erfolgs der Schweiz. „Davor ziehe ich meinen Hut“, sagt John McEnroe, früher mal der beherrschende Tennisspieler des Welt, „das sind Ergebnisse, die fast verrückt sind.“

Zufall oder nicht: Vor den Augen einer staunenden Tennis-Öffentlichkeit spielt sich eine goldene Schweizer Ära ab. Oder „Wunderjahre“, wie der Titel eines populären Buches von eidgenössischen Fachjournalisten lautet. Denn auch bei den Frauen vermeldet die Alpennation neuerdings wieder spektakuläre Erfolge und Siegergeschichten, allem voran in Gestalt der schlagkräftigen 18-jährigen Teenagerin Belinda Bencic. Die frühere Nummer eins bei den Juniorinnen wird in Expertenkreisen längst auch als kommende Nummer eins der Welt bei den Profis gehandelt, umso mehr nach einem rasanten Vormarsch in dieser Saison bis auf Platz zwölf der Rangliste.

Bencic schaffte es in dieser Saison sogar als eine von nur zwei Spielerinnen, die allmächtige Serena Williams zu besiegen – auf dem Weg zum aufsehenerregenden Turniersieg in Toronto. Bencic hat eine kaum weniger erfolgreiche Weggefährtin in der Weltspitze: Die 26-jährige Timea Bacsinszky, die vor zwei Jahren ihre Karriere beenden wollte. Und die 2015 plötzlich als French-Open-Halbfinalistin und Wimbledon-Viertelfinalistin grüßte. „Unglaublich“ findet die aufgeweckte Bacsinszky das Schweizer Tennis-Gesamtkunstwerk: „Viele auf der Tour schütteln mit dem Kopf, fragen sich, wie das geht.“ Zumal ja auch schon die jüngste Nummer eins aller Zeiten aus der Schweiz kam, jene Martina Hingis, die gerade wieder bei ihrem dritten Comeback serienweise große Doppeltitel abräumt.

Mit Bencic, Bacsinszky und Wawrinka können sich die Schweizer durchaus noch auf lange Jahre des Erfolgs freuen. Auch der 34-jährige Federer sieht das Ende seiner Karriere noch nicht gekommen, auch nicht mit den Olympischen Spielen des Jahres 2016. „Ich arbeite und spiele so, als ob es noch lange weitergeht“, sagt er. Federers Coach Severin Lüthi befindet, es gebe „nicht die geringste Notwendigkeit“ einen Rücktritt ins Auge zu fassen: „Roger hat noch viel Gutes vor sich. Und sein Leben als Tennisprofi macht ihm immer noch Riesenspaß.“ Lüthi, auch der Davis-Cup-Trainer, sieht einen Grund der wundersamen Schweizer Erfolgsgeschichte in der Größe des Landes. Oder besser: Der fehlenden Größe. „Der Druck in anderen Nationen auf Talente ist viel größer als bei uns“, sagt er, „einen Federer, eine Hingis kann man aber auch nicht auf Plan produzieren.“ Tennis, so Lüthi, „ist eine sehr individuelle Sache. Es kommt auf die Person, nicht zwangsläufig auf ein System an.“

Eidgenossen haben schon 165 Einzeltitel gewonnen

165 Einzeltitel haben Schweizer Tennisprofis gewonnen, Federer allein 87 davon. Natürlich, das weiß auch jemand wie der nationale Verbandschef René Stammbach, „wird das nicht so weitergehen. Das kann es ja gar nicht.“ Trotzdem bemüht sich seine Organisation gerade wieder um die Austragung eines Frauenturniers, man will die Gunst der Stunde nutzen, mit Bencic, mit Bacsinszky. Weit in die Zukunft zu schauen und ewig zu jammern, dass „vielleicht alles anders und schlechter wird“, sagt Federer, „bringt nichts“: „Man muss den Augenblick genießen.“