DFB-Team

Anführer können auch witzig sein

Thomas Müller verhilft nach den Bayern auch der Nationelf zu einem gelungenen Neustart. Der soll nach Frankreich zur Europameisterschaft führen

Mann im Mittelpunkt: Thomas Müller

Mann im Mittelpunkt: Thomas Müller

Foto: Federico Gambarini / dpa

Glasgow.  Thomas Müller hat ein Problem. Wenn der Münchner spricht, erwartet man immer, dass er lustig ist. Dass er einen raushaut, seinen Worten genüsslich hinterherschaut, weil er weiß, dass Journalisten seine Witze lieben. Müller bedient gern die Idee, die man von ihm hat. Da ist er berechenbar.

Aber nach dem 3:2 gegen Schottland am Montagabend in der EM-Qualifikation, zeigte er mal wieder, dass die Formel, anhand derer man Müller berechnen könnte, erst noch gefunden werden muss. Müller hatte zwei Treffer und eine Vorlage auf Ilkay Gündogan zum Sieg beigesteuert. Aber Witz präsentierte er erst einmal nicht. Der 25-Jährige stellte sich da in die Tiefgarage des Glasgower Hampden Park mit ernstem Blick und analysierte: „Ich fand’s eigentlich ganz gut von uns. Aber dann stand es plötzlich 2:2“, sagte der Angreifer. Die Schotten hatten dank zweier Slapstick-Einlagen des weltbesten Torhüters Manuel Neuer getroffen. Eigentlich ja wie bestellt für einen Quatschmacher wie Müller, der aber sprach nur von „blöden Situationen“. Entscheidend sei gewesen, „dass wir die Ruhe nicht verloren haben. Deshalb haben wir verdient gewonnen und ein sehr souveränes Spiel gemacht.“

Große Erwartungen

Souveränes Spiel? Wenn es bis gegen unterklassige Schotten bis zum Ende spannend bleibt, kann davon eigentlich keine Rede sein. Und das entspricht der gängigen, humorlosen Haltung gegenüber dem DFB-Team. Wie bei Müller erwartet die Öffentlichkeit stets große Unterhaltung – besonders, seit es Weltmeister ist. Wird diese aber nicht in Opulenz geliefert, ist man enttäuscht und mosert. Meistens tragen das dann TV-Experten vor, die sich auch gern mal wieder profilieren möchten.

Dabei gibt es nichts zu meckern. Die deutsche Nationalelf steht dank der Siege gegen Polen und Schottland vor dem Erreichen der EM-Endrunde 2016. Sie wird nach den Partien gegen Irland und Georgien zum zwölften Mal bei einer EM dabei sein. Das wäre Rekord.

Will man erklären, warum Löws Team sich beim Erreichen der eigenen Ziele einfach keine Blöße gibt, selbst dann nicht, wenn nach dem WM-Triumph eine Zeit lang die Luft raus ist, dann landet man schnell bei Thomas Müller. Denn dieser Müller spielt ja nie richtig schlecht. Kann sein, dass ihm mal ein paar Sachen misslingen. Aber er schießt trotzdem seine Tore – und gern in einer Art, die man nicht berechnen kann. Auch bei ihm sieht das ja manchmal wie Slapstick aus. „Thomas hat einfach ein wahnsinniges Gefühl für Situationen, für Räume“, schwärmte Löw. „Er hat im Blut, wo der Ball hinkommt. Er riecht das. Und das ist für uns Gold wert.“ Tore in der Nase also.

Identität stiften kann er auch

Für das DFB-Team ist Müller (30 Tore in 65 Länderspielen) in der Zeit des nicht ganz einfachen Übergangs vom WM-Titel zum EM-Turnier besonders wichtig, weil er verlässlich ist. Aber auch bei seinem Klub FC Bayern, wo er sich in der Vorsaison öfter über Auswechslungen durch Trainer Pep Guardiola ärgerte, hat sich diesbezüglich etwas getan. Manchester United soll im Sommer bis zu 100 Millionen Euro geboten haben. Er wäre damit der teuerste Spieler aller Zeiten gewesen. „Wenn ich Bankdirektor wäre, hätten wir das machen müssen“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge der „SZ“, hatte Müller aber für unverkäuflich erklärt. Denn: Müllers Rolle hat sich von einem herausragenden Spieler zu einem identitätsstiftenden Anführer weiterentwickelt. „Er übernimmt jetzt noch mehr Verantwortung“, sagte Sportvorstand Matthias Sammer neulich. Seit Bastian Schweinsteiger den Klub verlassen hat, sorgt man sich beim FC Bayern ja um die bayrische Identität. Müller steht für sie. Und er trifft: fünf Mal bereits.

Im DFB-Team hat Müller in beiden Partien vier Tore gegen die Schotten erzielt. Die liegen ihm wohl, wurde Müller gefragt. Und diesmal enttäuschte er die Erwartungen nicht: „Ja“, grinste er: „Vielleicht sollten wir die Schotten mit zur EM nehmen.“