Nationalmannschaft

Entwarnung für Jogi Löws Problemzone

Auch gegen Schottland soll mit den neuen Außenverteidigern ein Sieg her. Jonas Hector ist dem Stammplatz wohl näher als Emre Can.

Debüt auf ungewohnter Position: Emre Can (Nr. 14), gelernter Mittelfeldspieler,  spielt in seinem ersten A-Länderspiel gegen Polen rechter Außenverteidiger

Debüt auf ungewohnter Position: Emre Can (Nr. 14), gelernter Mittelfeldspieler, spielt in seinem ersten A-Länderspiel gegen Polen rechter Außenverteidiger

Foto: Federico Gambarini / dpa

Glasgow.  Der „Fan Club Nationalmannschaft“ ist so etwas wie das ­betreute Dicht-Dran-Sein an der deutschen Auswahl. Als Mitglied, erhält man Karten für Länderspiele und kann Reisen dorthin buchen. Der DFB hat ihn 2003 zusammen mit einem Sponsor ins Leben gerufen. Das ist wichtig zu wissen, um zu verstehen, warum jener Kreis am Sonntag für eine Überraschung gesorgt hat.

Am Tag vor der EM-Qualifikations­partie gegen Schottland an diesem Montag in Glasgow (20.45 Uhr, RTL), in der der Weltmeister unter Umständen schon das Ticket für Frankreich lösen kann (wenn Irland gegen Georgien patzt), veröffentlichte der „Fan Club Nationalmannschaft“ also das Ergebnis einer Umfrage. Wer war der beste Spieler beim 3:1 gegen Polen am Freitag? 6074 Leute wählten mit. Nicht etwa Doppeltorschütze Mario Götze landete vorn. Für ihn stimmten 24,5 Prozent. Mehr als doppelt so viele Stimmen (55,4 Prozent) erhielt Jonas Hector.

Vor Götze zum besten Spieler gewählt

Dieser Hector hat kein Tor geschossen, und wohl nicht viele seiner Wähler hätten ihn vor der Partie auf der Straße erkannt. Der 25-Jährige ist noch nicht lange Teil des DFB-Teams. Gegen Polen bestritt er sein sechstes Länderspiel. Aber der Kölner spielt auf einer Position, auf welcher die treuen Begleiter der Nationalelf seit Bestehen ihres Fan-Klubs einen großen Mangel beobachtet mussten. Hector ist Außenverteidiger.

2004 debütierte Philipp Lahm. Aber der hatte den Makel, dass er nicht auf zwei Positionen gleichzeitig spielen konnte. Also verschob ihn Bundestrainer Joachim Löw später von links in der Viererkette auf rechts. Doch mit Lahm war das wie mit einem zu kurzen Bettlacken: Zog ihn Löw auf die eine Seite, sprang der Schutz auf der Gegenseite wieder ab. Am deutlichsten wurde der Mangel an guten Außenverteidigern bei der WM 2014. Weil Löw Lahm zunächst im Mittelfeld benötigte, ließ er außen mit Innenverteidigern spielen. Lahm ist seit einem Jahr aus der Nationalelf zurückgetreten, und das hat die Baustelle auf den Außenpositionen in der Defensive für Löw noch einmal vergrößert.

Hummels lobt Jonas

Seit Freitagabend allerdings sieht es so aus, als sei zumindest auf der einen Seite der Baugrube etwas Neues im Entstehen. Hector spielte als Linksverteidiger gegen Polen so formidabel, bereitetet die ersten beiden Treffer vor, dass sich im Anschluss Hector-Fan-Klubs bildeten. Einen gründete Mats Hummels. Der Dortmunder Innenverteidiger schwärmte: „Jonas ist ein fantastischer Linksverteidiger, technisch gut und aufmerksam.“ Dem Fan-Klub Nummer zwei saß Löw vor. Er lobte: „Jonas machte in allen Spielen für uns einen sehr guten Eindruck mit seiner Klarheit, seinem einfachen, sehr gelösten Spiel.“

Hectors Karriere ist heute so gar nicht mehr vorgesehen. Bis er 20 war, spielte er in seinem Heimatort Auersmacher noch in der Oberliga – und zwar als Zehner. Vier Jahre später ließ ihn Löw nach wenigen Bundesligapartien für Köln im Nationalteam als Linksverteidiger debütieren. Und die Werte von Freitag dürften dazu führen, dass er ihn so schnell nicht wieder aus der Mannschaft nehmen wird: 72 Prozent seiner Zweikämpfe gewann Hector (nur Jerome Boateng und Ilkay Gündogan waren besser). An vier Torschüssen war er beteiligt. „Ich werde mich nicht darauf ausruhen. Das wird kein Selbstläufer“, sagte Hector artig. Als sicher darf gelten, dass er nun auch gegen Schottland links spielen darf.

Can: Karriere im Schnelldurchgang

Auf rechts allerdings läuft die Fahndung weiter. Emre Can gab dort gegen Polen sein Debüt. Aber seine Werte lasen sich deutlich schlechter: 50 Prozent gewonnene Zweikämpfe, an keinem Torschuss beteiligt, dazu oft unsicher und nicht unschuldig am Gegentor. Der 21-Jährige ist der 76. Neuling unter Löw, und bei der Bewertung seines Erstlingswerks sollte man nicht vergessen, dass er sonst beim FC Liverpool in der Premier League im zentralen Mittelfeld spielt. Weil alles so ungewohnt war, habe ihm das Stellungsspiel Probleme bereitet, gestand Can. Dazu kam: „Ich habe vor dem Spiel gesagt, dass ich nicht so ­nervös bin. Aber ich glaube schon, dass ich ein bisschen nervös war“, sagte er.

Cans Karriere steht der von Hector diametral gegenüber. Schon mit 15 ging er zum FC Bayern, spielte in allen U-Nationalteams und wechselte nach nur einer Saison bei Bayer Leverkusen nach England. Vor allem zu Beginn der U21-EM im Sommer wurde er als kommender A-Nationalspieler gepriesen. Doch der Sprung sei doch ganz schön groß, fand er nun. Er würde es auf rechts aber trotzdem gern noch ­einmal probieren.

Löw weist Lehmanns Kritik zurück

„Für Emre war es das erste Spiel. Mit seinem Debüt war ich grundsätzlich zufrieden“, meinte Löw. Ob er Can gegen die Schotten eine zweite Chance geben wird, wollte Löw aber erst nach dem ­Abschlusstraining entscheiden. Es könnte also auch sein, dass er wieder auf den Hoffenheimer Sebastian Rudy zurückgreift. Der ist aber eigentlich ebenfalls im Mittelfeld daheim und nicht auf der Außenverteidiger-Position. Und einen Fan-Klub „Rudy als ­Rechtsverteidiger“ hat Löw bisher nicht gegründet.

Entschieden wies Löw aber die Kritik des TV-Experten Jens Lehmann zurück, dem Team fehle es an Schnelligkeit. „Natürlich haben wir schnelle Spieler. Entscheidend ist, wer ist schnell im Kopf?“, so Löw. Beim Gegentor der Polen hätte ein anderer Spieler eher erkennen müssen, dass er Can helfen muss, indem er den Raum zustellt.