Leipzig

Notfalls ohne Spaß

Ralf Rangnick steht mit RB Leipzig beim Gastspiel in Berlin am Freitag bereits unter Druck

Leipzig.  Im Hintergrund spiegelt sich die Sonne in den Scheiben des neuen Trainingszentrums. Davor liegen sauber aufgereiht vier Rasenplätze nebeneinander, das Gras millimetergenau geschnitten. Doch Ralf Rangnick, 57, blickt ein wenig mürrisch drein in all dem neuen Glanz. „Das Drumherum hier ist vom Niveau her Champions League“, sagt der Sportdirektor von RasenBallsport Leipzig, der nach vier Jahren Auszeit dort nun auch wieder als Trainer arbeitet: „Aber vor einer Woche haben wir uns noch im Container umgezogen – und am Wochenende gewonnen. Und genau das ist und bleibt auch das Entscheidende.“

Die unerwartete 0:1-Heimpleite gegen St. Pauli schlägt dem nächsten Gegner des 1. FC Union (Freitag) fraglos auf die Stimmung. „Nach so einer unnötigen Niederlage laufe ich nicht fröhlich durch die Gegend“, sagt Rangnick: „Jetzt gilt es, das zu analysieren, was schief gelaufen ist. Wir müssen in jedem Fall auch schauen, dass unser eigener Ballbesitz noch stabiler wird.“ Nach einer starken halben Stunde fing seine Mannschaft plötzlich an, die Bälle hoch nach vorne zu knüppeln, verlor die Geduld vor dem gegnerischen Tor, verschenkte Standardsituationen. Rangnick, der im September 2011 noch wegen eines Burnout-Syndroms als Schalke-Trainer hinschmiss und im Juni 2012 zunächst als Sportdirektor für RB Salzburg und RB Leipzig anheuerte, ist wieder voll angekommen im stressigen Trainer-Alltag. Der Saisonstart der Leipziger verlief mit sieben Punkten aus vier Spielen ordentlich – aber mehr auch nicht. Im DFB-Pokal entging das Millionen-Ensemble gegen Drittligist Osnabrück einer möglichen Blamage, als das Spiel nach einem Feuerzeugwurf auf den Schiedsrichter abgebrochen und – entgegen Rangnicks Wunsch, der ein Wiederholungsspiel bevorzugte – für RB gewertet wurde. Es bleibt unter dem Strich auch für den Perfektionisten die Erkenntnis: Das Restrisiko liegt auf dem Platz.

Trainingsstätte für 35 Millionen

Dabei hat Rangnick als Sportdirektor mit dem Geld des Red-Bull-Konzerns im Hintergrund bereits alles Planbare unternommen, um den Klub für die ganz große Fußballbühne schick zu machen. Das neue Gelände am Cottaweg, das der Verein vorige Woche bezog, kostete 35 Millionen Euro. In dem über 13.500 Quadratmeter großen Gebäude hat jeder Spieler einen eigenen Ruheraum, es gibt eine Kältekammer, selbst ein Internat für die Jugendspieler ist integriert.

Die Akzeptanz für den Klub ist zumindest in Leipzig selbst geschaffen, das WM-Stadion war zuletzt mit 41.795 Zuschauern ausverkauft. Und vor der Saison stießen noch einmal Zugänge für insgesamt über 15 Millionen Euro zum ohnehin hochklassig besetzten Kader. Als Königstransfer kam mit Davie Selke, 20, für acht Millionen Euro ein Stürmer aus Bremen, dem man langfristig den Sprung in die Nationalelf zutraut. Der Zugang weiß, was von ihm erwartet wird, sagt: „Wir haben immer den Anspruch, unsere Spiele zu gewinnen.“ So richtig rund läuft es bislang dennoch nicht. „Der Trainer ist neu, die Mannschaft ist neu – wir müssen uns erst einmal finden und zusammenwachsen“, sagt Mittelfeldspieler Stefan Ilsanker, 26. Berechtigte Einwände. Das Problem: Geduld ist nicht die Stärke von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz, 71. Auf die Frage nach einer möglichen Meisterschaft der Leipziger sagte der: „Ein paar Jahre vergehen ja schnell, aber irgendwann wird es so sein.“ Das war vor gut einem Jahr, als Leipzig in die Zweite Liga aufgestiegen war. Der Mann denkt groß.

Nicht umsonst sind vor dem Trainingszentrum auch Skatborad-Rampen aufgebaut. Der Getränkekonzern formt sein Image sonst mit Extremsportlern: BMX-Fahrern, Skatern, Surfern. Den lässigen Jungs. Selbst der Weltraum ist nicht sicher vor Red Bull, wie Felix Baumgartners Fallschirmsprung zeigte. Auswärtsfahrten nach Bielefeld und Sandhausen passen da nicht so ins Bild vom Spektakel.

„Natürlich, unser Spiel soll auch den Zuschauern Spaß machen“, sagt Rangnick: „Trotzdem wäre es mir für den Moment auch recht, wenn wir jedes Spiel mit 1:0 gewinnen.“ Er weiß, dass das Verpassen des Aufstiegs in die Bundesliga für Red Bull ein sportlicher GAU wäre. Dementsprechend hoch ist der Druck nach der ersten Saisonpleite. „Durch die Niederlage haben wir jetzt eine Situation, in der wir bei Union Berlin tunlichst drei Punkte holen sollten“, sagt Rangnick. Dass er seine Mannschaft bereits seit Dienstag abgeschottet und unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren ließ, unterstreicht die Bedeutung der Begegnung.

Fanproteste werden ignoriert

Störfeuer von außen kommen da ungelegen. Und lodern doch munter vor sich hin. So wütete zuletzt Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, über Leipzigs Abwerbe-Praktiken im Jugendbereich: „Nach dem Abpfiff standen die Herren aus Leipzig mit ihren großen Geldkoffern am Spielfeldrand. Das ist scheiße. Ich wehre mich gegen diesen nicht-echten Fußball. Solche Klubs gehören nicht in die Liga.“

Und auch Teile der traditionell eingestellten Union-Fans kündigten Protest gegen den vermeintlichen „Kommerz-Klub“ an und wollen in der ersten Viertelstunde des Spiels am Freitag schweigen. Für Rangnick sind derartige Aktionen nichts Neues. Er zeigt sich unbeeindruckt: „Das perlt von uns ab“, sagt er: „Ich beschäftige mich einzig und allein mit unserem Spiel, mit dem Sportlichen.“ Er weiß: Dort gibt es momentan genug zu tun. Eine weitere Niederlage gegen Union, und die Stimmung könnte schnell kippen. Da hilft auch das schönste Drumherum nicht.

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