Peking

Bestätigung in Silber

Stabhochspringer Raphael Holzdeppe lässt mit Platz zwei bei der WM in Peking endlich das Seuchenjahr 2014 hinter sich

Peking. Als die Latte ein letztes Mal gerissen und alles vorbei war, da hockte Raphael Holzdeppe auf der dicken gelben Matte der Stabhochsprunganlage, die Beine baumelten im Einstichkasten, und auf seinem Gesicht machte sich ein „Was hätte ich denn noch tun sollen“-Lächeln breit. Genau: 6,00 Meter hätte der Deutsche bei der Weltmeisterschaft in Peking springen müssen, um dem Kanadier Shawnacy Barber im letzten Moment die Goldmedaille zu entreißen, persönliche Bestleistung. „Aber ich hatte schon alles aus mir rausgepresst in diesem Wettkampf, alles auf den Tisch gelegt“, sagte Holzdeppe. „Im Endeffekt bin ich voll zufrieden.“

Nach seinem überraschenden Sieg 2013 in Moskau ist es die nächste WM-Medaille für den 25-Jährigen. Wieder landete er vor dem überragenden Springer seiner Generation, dem Weltrekordler Renaud Lavillenie aus Frankreich, der mit 5,80 Meter ebenso Bronze holte wie die höhengleichen Polen Pawel Wojciechowski und Piotr Lisek. Und wieder hat Holzdeppe bewiesen, dass er da ist, wenn es darauf ankommt.

Wer hätte damit gerechnet nach einem Jahr zum Vergessen? Holzdeppe selbst wohl kaum. Ein Wechsel aus dem vertrauten Zweibrücken nach München in ein neues Umfeld und eine neue Trainingsgruppe erwies sich zwar als lehrreich, letztlich aber kontraproduktiv. Die Pendelei zur Freundin in der alten Heimat, Verletzungen, Formschwäche – all das führte dazu, dass der Weltmeister im vergangenen Sommer seine Saison früh beendete. Dann fällte er eine wegweisende Entscheidung: Er kehrte nach Zweibrücken zu Trainer Andrej Tivontschik zurück. „Ich habe eine kleine Selbstfindungsphase durchgemacht, in der ich mich selbst besser kennengelernt habe“, sagte er.

Heute kann der Überflieger wieder unbefangen über jene Zeit sprechen, in der er am Boden gewesen ist. Was ihm mehr bedeute, wurde Holzdeppe gefragt: Diese WM-Silbermedaille? Oder das Gefühl, wieder in der richtigen Spur zu sein? Er überlegte kurz und dann: „Dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Silberne ist dafür die Bestätigung. Nächstes Jahr sind Olympische Spiele.“

Müsste Holzdeppe dem Jahr 2015 eine Note geben, „es wäre eine 1“, lachte er. Kein Wunder, immerhin steigerte er nebenbei seine persönliche Bestmarke auf 5,94 Meter. Was möglich ist bei den Sommerspielen 2016? „Ach, da will ich mich noch gar nicht festlegen. Möglich ist immer alles – das hat man ja heute bei uns gesehen.“

Auf einen Weltmeister namens Shawnacy Barber hätten vor der WM schließlich nicht mal viele Experten getippt. Mit 21 befindet sich der Student aus Toronto ja im Grunde in seinem ersten Jahr als ernsthafter Stabhochspringer. Für ihn lief der Wettkampf überragend, erst bei 6,00 Meter ging dem Bubi die Puste aus. Holzdeppe hingegen war ein wenig von sich selbst überrascht, wie er bekannte. Normalerweise ist er nur vor Beginn eines Wettkampfs nervös, und mit dem ersten gelungenen Versuch legt sich dann die Aufregung. Nicht so Montag im gleißenden Flutlicht des Nationalstadions. Die 5,90 Meter etwa meisterte der Deutsche erst im dritten Versuch. Ein Zitterspiel. „Man hat gesehen, dass Weltmeisterschaften bei uns einen eigenen Charakter haben“, bemerkte er lächelnd. Das kann Renaud Lavillenie bestätigen.

Julia Fischer kämpft um Medaille

Erfreulich aus deutscher Sicht war die Qualifikation der Diskuswerferinnen. Julia Fischer aus Berlin (63,38 Meter), Shanice Craft (62,73/Mannheim) und die frühere WM-Zweite Nadine Müller (64,51/Leipzig) kämpfen heute um die Medaillen. Viel weiter ist da der Kenianer Ezekiel Kemboi, der zum vierten Mal in Folge Weltmeister über 3000 Meter Hindernis wurde, ein Rekord für sich. Schnellste Frau der Welt ist die Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser-Pryce, die in 10,76 Sekunden die 100 Meter gewann. Ihr am nächsten kam die Niederländerin Dafne Schippers (10,81).