Formel 1

Streit um das schwarze Gold eskaliert

Sebastian Vettels Reifenexplosion in Spa erhitzt die Gemüter. Unterstützung bekommt er von Nico Rosberg.

Sebastian Vettel schimpfte nach seinem Reifenplatzer

Sebastian Vettel schimpfte nach seinem Reifenplatzer

Foto: Andrej Isakovic

Berlin. Die Regel ist eine einfache. Jeder Formel-1-Pilot muss in jedem Rennen jeweils einen Satz „weicher“ und einen Satz „harter“ Reifen benutzen. Sprich: Ein Reifenwechsel ist Pflicht, mehrere liegen im Ermessen der Teams. Die Annahme, man könne mit einem Reifenwechsel grundsätzlich auskommen, ist, wie der Reifenplatzer bei Sebastian Vettel am Sonntag beim Rennen in Spa gezeigt hat, eine falsche. Was den 28 Jahre alten Vierfach-Weltmeister wütend macht.

1000 Dollar pro Reifen

Aus der Vettelschen Wut ist tags darauf bereits eine Diskussion um das „schwarze Gold“, wie die rund tausend Dollar (pro Stück) teuren Reifen auch genannt werden, entstanden. Der hochemotionale Heppenheimer hatte kurz nach Rennende gegen Pirelli gestänkert. „Es muss mal gesagt werden, die Qualität der Reifen ist miserabel und das schon seit Jahren“, empörte sich der viermalige Weltmeister, der nach seinem Ausfall im Wettstreit mit dem souveränen Sieger Lewis Hamilton und dem Zweiten Nico Rosberg an Boden verloren hat. „Demnächst knallt einer in die Wand“, sagte Vettel.

Unterstützt von Mercedes-Kontrahent Nico Rosberg, 30, wetterte der empörte Ferrari-Star nach seinem Pneu-Drama von Spa gegen die Italiener, musste sich im Gegenzug aber Vorwürfe einer zu aggressiven Rennstrategie gefallen lassen. Rosberg, dem am Wochenende in Belgien wie bei Vettel der rechte Hinterreifen bei höchstem Tempo plötzlich gerissen war, gab Vettel Rückhalt. „Es kann nicht sein, dass die Reifen so ohne Vorwarnung platzen“, kritisierte er in einer Video-Botschaft und forderte Nachbesserungen. „Wir müssen da Sicherheit reinbringen.“

Pirelli, Exklusivausstatter der Formel 1, konterte die Schelte des viermaligen Weltmeisters Vettel mit einem Verweis auf das empfohlene Rennkonzept. Die betreffende Mischung sei auf höchstens 22 Umläufe ausgelegt gewesen. Vettel hingegen war im Gegensatz zur Konkurrenz mit einer mutigen Ein-Stopp-Strategie unterwegs und hatte bis zu seinem Ausfall mit den neuen Pneus schon 28 Runden gefahren. Außerdem, teilten die Italiener mit, sei ihr Vorstoß Ende 2013, eine Runden-Obergrenze für den Gebrauch von Reifensätzen zu reglementieren, nicht angenommen worden. Zu Recht.

Die Top-Teams investieren bis zu 300 Millionen Euro innerhalb einer Saison, um, bei Reifen mit Verfallsdatum, gegebenenfalls zu zusätzlichen Boxenstopps gezwungen zu werden, bei denen man viel Zeit verlieren kann. Es sollte selbstverständlich sein, dass bei einem vorgeschriebenen Reifenwechsel auch einer genügt. Die künstlich erzeugte (Pseudo)Spannung in der Formel 1, nicht zuletzt durch das Theater um die Haltbarkeit der Reifen, gehört zu den häufig genannten Gründen für die momentane Stagnation in der Popularität der Königsklasse. Das Thema reifen bleibt akut, schließlich hat sich Michelin mit Blick auf 2017 (neues Formel-1-Regelwerk) wieder ins Gespräch gebracht. Die Franzosen mischten bis 2006 in der Formel 1 mit.

Vettels Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene, 57, bemühte sich unmittelbar nach dem Reifendesaster seines Schützlings in der vorletzten Runde um Beschwichtigung. „Ich werde keinen Kampf mit Pirelli eröffnen“, stellte er besonnen klar. „Unsere Strategie war vielleicht aggressiv, aber nicht riskant. Unsere Entscheidungen zur Strategie basieren immer auf Daten und Fakten, und die Daten waren klar. Wir würden niemals ein unnötiges Risiko für einen unserer Fahrer eingehen.“

Vor allem mit Blick auf das nächste Rennen in zwei Wochen in Italien muss Pirelli die Vorfälle in Belgien restlos aufklären. „Monza ist die schnellste Strecke des Jahres. Sie müssen sich da etwas überlegen, um die Situation zu verbessern“, verlangte Rosberg. Pirelli zufolge war für seinen Unfall ein Fremdkörper schuldig, im Fall Vettel war der Verschleiß der Pneus am Ende zu hoch. Vereinzelt wurden auch Erinnerungen an Silverstone 2013 wach. Damals platzten auf spektakuläre Weise reihenweise Reifen. Ursache war aber, dass die Formel 1 vom Exklusivlieferanten Pneus mit höherem Verschleiß zur Verbesserung der Show forderte. Später waren die Italiener wieder zu sichereren Mischungen zurückgekehrt.

Noch schlimmer erwischte es das Starterfeld 2005 beim Grand Prix der USA in Indianapolis. Das Rennen wurde durch gravierende Reifenprobleme der Michelin-Teams überschattet, die alle in der Einführungsrunde in die Boxengasse fuhren. Nur die sechs Autos der Teams mit Bridgestone-Reifen (darunter der spätere Sieger Michael Schumacher und Rubens Barrichello) starteten. Vor dem Grand Prix wurde in der Steilkurve des Indianapolis Motor Speedway ein neuer Belag aufgebracht, der nachträglich sogar mit Rillen versehen werden musste, da er zu rutschig war. Michelin zog, vor allem angesichts der überhöhten Kurve 1, jede Garantie für die Haltbarkeit ihrer Reifen zurück. Es ging soweit, dass man den Einbau einer zusätzlichen Schikane diskutiert hatte.

Nur Hamilton ist glücklich

Eine ganz eigene Sicht der Vorfälle vom Rennen in Spa hat Mercedes-Aufsichtsrat Niki Lauda, 65: „Wenn Ferrari und Sebastian entscheiden, sie wollen einen Stopp machen, ist das auch in Ordnung – aber dann haben sie ein Restrisiko, dass dir die Rechnung eineinhalb Runden vor Schluss nicht aufgeht. Das kann passieren. Da tragen alle die Mitverantwortung, in erster Linie die Ferraris und die Vettels. Damit müssen sie leben, da brauchen sie sich nicht aufzuregen.“ Während sich in den Ardennen so einige in der Formel 1 in Rage redeten, genoss Lewis Hamilton, 30, still seinen Triumph. Unwiderstehlich wies der Brite seine Konkurrenten in die Schranken und rast in Richtung seines dritten Weltmeistertitels. „Ich bin so stark und glücklich wie noch nie in meinem Leben“, schwärmte er. „Ich liebe meinen Job – es ist der tollste in der Welt.“