Berlin

Vettel geht die Luft aus

Reifenschaden kostet den Deutschen Podestplatz in Spa. Hamilton siegt souverän vor Rosberg

Berlin.  Sebastian Vettels Miene sagte alles. Während sich die Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg im Hintergrund mit Champagner duschten, versuchte der Ferrari-Fahrer das Drama zu erklären, das ihn den Podestplatz beim Großen Preis von Belgien und wohl auch die letzte Chance auf den WM-Titel gekostet hatte. Er atmete einmal durch, zweimal, dann polterte er: „Die Qualität der Reifen ist miserabel. Das darf nicht passieren.“ Nach einer kurzen Pause sagte er mit Blick auf den Reifenschaden, der ihn kurz vor Schluss heimgesucht hatte: „Das war kein normaler Schaden. Passiert das 200 Meter früher, knalle ich mit Vollgas in die Wand.“ Die Formel 1 steuert geradewegs in ihre nächste Reifendebatte.

Gummi platzt bei Tempo 300

Weniger als zehn Kilometer oder anderthalb Runden fehlten dem viermaligen Weltmeister bis ins Ziel und zu einem echten Coup. Von Startplatz acht aus ins Rennen gegangen, war er zu einer riskanten Boxenstrategie mit nur einem Reifenwechsel gezwungen. 26 Runden ging die auf: Die Gummis hielten, Vettel war unterwegs in Richtung Platz drei. Dann hielt der rechte hintere Pneu dem Zweikampf mit dem Franzosen Romain Grosjean nicht mehr Stand und explodierte. „Es war ein tolles Rennen von Sebastian. Ich kann ihm keinen Vorwurf machen, dass es am Ende nicht gereicht hat. So ist die Formel 1“, sagte Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene. Auch er wirkte irritiert ob des überraschenden Reifenschadens. Das gleiche Missgeschick wie Vettel war am Freitag bereits Nico Rosberg im Training zum Verhängnis geworden; nur mit Glück hatte der Mercedes-Pilot nach einem Reifenplatzer bei Tempo 306 einen Unfall verhindern können. Pirelli hatte anschließend einen spitzen Gegenstand auf der Strecke als Ursache benannt und eigene Konstruktionsfehler ausgeschlossen.

Der einzige Pilot, der ein makelloses Rennwochenende erlebte, war einmal mehr Lewis Hamilton. Der Brite hatte seinen Urlaub mit Karnevalfeiern auf Barbados und Poolplantschen mit seinen Hunden verbracht. Offenbar war das genau die richtige Therapie gegen die schwachen Starts, die ihn in Budapest und Silverstone jeweils früh unter Druck gesetzt hatten. Am Sonntag flog er zwar auch nicht wie vom Katapult geschnellt nach vorn, als die Ampeln ausgingen. Trotzdem verteidigte er seine Führung gegen den Mexikaner Sergio Perez und verwaltete diese Position fortan souverän. Rosberg hingegen legte den dritten Katastrophenstart in Serie hin und fand sich nach der ersten Kurve auf Position fünf wieder. Ein heftiger Rückschlag im Titel-Zweikampf, den er doch eigentlich mit einem Sieg hatte wieder spannend machen wollen. Das Verbot der fremden Hilfe beim Anfahren, das die Fahrer wieder zu mehr Selbstständigkeit im Cockpit erziehen soll, wollte der 30-Jährige jedoch nicht allein dafür verantwortlich machen. Stattdessen sagte er: „Das habe ich ganz allein vermasselt. Dieser Fehler hat mich das ganze Rennen lang extrem genervt, das muss ich künftig noch etwas mehr üben.“ Anschließend habe er alles versucht zurückzukommen: „Aber es war nicht genug heute.“

Grosjean überraschend Dritter

Als Rosberg nach einem Viertel der Renndistanz Platz zwei zurückerobert hatte und die Verfolgung seines Mercedes-Kollegen aufnehmen konnte, war der bereits neun Sekunden enteilt. So sehr er sich in der Folge auch mühte, den Rückstand mit einer ganzen Serie an schnellsten Runden reduzierte – attackieren konnte er den Weltmeister nicht mehr. Wie schon in der Qualifikation, in der Hamilton mit großem Vorsprung der Beste war, beschleunigte der Mann aus Stevenage immer dann, wenn es darauf ankam. „Für mich war es ein unglaubliches Rennen“, jubelte der 30-Jährige nach seinem Sieg: „Alles hat geklappt, ich kann mich nur bei meinen Leuten bedanken.“ Der Rest des Feldes konnten dem silbernen Duo diesmal nicht folgen.

Davon profitierte ein Mann, der in diesem Jahr noch gar keinen Grund zum Jubeln hatte. Romain Grosjean fuhr mit seinem Lotus-Boliden, der in den vergangenen Monaten eines der anfälligsten Autos im Feld gewesen war, sensationell bis auf Platz drei vor. Für den Franzosen war es der erste Podestplatz seit November 2013.