Spa

Rabauken der Rennstrecke

Veränderte Regeln beleben das Duell der Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg

Spa.  Nirgendwo sind sich Zukunft und Vergangenheit Nico Rosbergs so nahe wie dieser Tage in Spa. Der Mercedes-Pilot erwartet ständig den Anruf seiner hochschwangeren Frau Vivian. Chauffeur und Privatjet stehen rund um die Uhr parat, um den 28-Jährigen aus den Ardennen so schnell wie möglich nach Nizza bringen zu können. Die Geburt des ersten Kindes, eine Zäsur in Rosbergs Leben. Gleichzeitig ist dieser Große Preis von Belgien so etwas wie die Rückkehr an einen Ort, der die Formel-1-Karriere des 30-Jährigen geprägt hat wie kein anderer.

Vor zwölf Monaten war der Deutsche dem Mercedes-Kollegen Lewis Hamilton ins linke Hinterrad geknallt, in Runde zwei wohlgemerkt. Dabei flog der Frontflügel Rosbergs meterhoch durch die Luft, der Hinterreifen des Briten wurde aufgeschlitzt. Es war eine eher harmlose Kollision, aber die Folgen immens: für die Fahrer, für das Team, für den weiteren Saisonverlauf.

Statt des erwarteten Mercedes-Doppelsiegs feierte Daniel Ricciardo seinen ersten Triumph als Red-Bull-Pilot, Rosberg wurde Zweiter, Hamilton gab auf. Der Haussegen im Lager der Silberpfeile hing schief. Die Presse monierte das Fehlen der Stallorder, der Mercedes-Vorstand verlangte Erklärungen, Rosberg war binnen eines Augenblicks vom verhätschelten Millionärssohn zum Rabauken der Rennstrecke geworden. „Es ist irgendwie normal, dass so etwas passiert. Aber gleichzeitig ist es auch komplett unnötig“, sagt Niki Lauda, der mit seinem österreichischen Landsmann Christian „Toto“ Wolff alle Mühe hatte, das Team wieder in ein ruhiges Fahrwasser zu lenken. „Der Gedanke daran kann mich immer noch irrsinnig auf Touren bringen“.

Den Crash im Vorjahr nie bereut

Am Ende erwies sich die liberale Politik der Teamführung als richtig. Sie ließen ihre hochbezahlten Protagonisten auch nach der Spa-Krise frei fahren. Erst im letzten Saisonrennen fiel die WM-Entscheidung, das Duell der beiden Mercedes-Piloten war das größte Spannungsmoment der Saison 2014. Ein Jahr später spitzt sich dieser Zweikampf nun erneut zu. Wieder heißt es Rosberg gegen Hamilton – diesmal mit anderen Vorzeichen.

„Ich bereue nix“, erinnert sich Rosberg: „Es war eine harte Zeit für alle. Ich habe daraus gelernt und bin dadurch stärker.“ In der Tat wirkt er im Cockpit abgebrühter. Gleiches gilt allerdings auch für seinen Dauerrivalen, der seinen Sommerurlaub an den schönsten Stränden der Welt zubrachte und die Öffentlichkeit mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit daran teilhaben ließ. Und sich nun genauso entspannt die sechste Polepostion in Folge sicherte. Ein Kunststück, das zuletzt in der Formel 1 Michael Schumacher 2000/01 gelungen war.

Auch das Tableau hat sich verschoben im Vergleich zu 2014: Während Rosberg damals mit elf Zählern Vorsprung in die zweite Saisonhälfte ging, hat er 2015 einen Rückstand von 21 Zählern vor der Brust. „In einem so engen Kampf kommt es auf jede Möglichkeit an, Punkte gutzumachen“, sagt der Deutsche: „Es liegt an mir, diese Chancen zu nutzen – aber auch, sie mir zu erarbeiten.“ Vor allem der Stachel vom Budapest-Rennen zuvor sitzt noch tief. Da leistete sich der phasenweise unantastbare Hamilton als Sechster ausnahmsweise mal eine Schwäche. Und trotzdem wuchs der Abstand zwischen beiden Rivalen, weil der gebürtige Wiesbadener erst als Achter ins Ziel kam.

Einen solchen Punkte-Blackout wird sich Rosberg in den verbleibenden neun Rennen nicht mehr erlauben dürfen, wenn es doch noch klappen soll mit dem ersten WM-Titel. Dass ein anderes Team Mercedes noch dazwischenfunkt wie Ferrari-Star Sebastian Vettel in Budapest und Sepang, gilt als unwahrscheinlich – Vettel startet diesmal soagr nur von Rang acht. Einer der beiden Klassement-Spitzenreiter wird sich also auch 2015 zum Weltmeister krönen. Trotz der unschönen Erfahrung aus dem Vorjahr halten die Verantwortlichen bei den Silberpfeilen an ihrer Strategie fest. Wolff und Lauda wollen, auch im Interesse der Formel 1, einen offenen Schlagabtausch. Allerdings unter dem Diktat der Besonnenheit. Der Crash soll sich auf keinen Fall wiederholen.

Zusätzliche Würze erhält der Zweikampf nun auch noch durch eine Reihe von Regeländerungen in den Bereichen Aerodynamik, Reifen und vor allem Elektronik. „Die Fahrer sollen wieder intensiver gefordert werden und mehr Verantwortung tragen. Sie müssen lernen, selbstständig unterwegs zu sein“, erklärt Lauda die Beschlüsse der sogenannten Strategiegruppe. Langfristig soll so die erdrückende Dominanz der Silberpfeile, die dieses Jahr acht von zehn und 2014 sogar 16 von 19 Rennen gewonnen haben, aufgelöst werden.

Schon jetzt in Spa lauert für die beiden Piloten, in jüngster Vergangenheit nicht gerade als überlegenen Startern aufgefallenen Piloten, eine gefährliche Hürde. Mitten in der Saison hat die Formel 1 die Startprozedur verändert. Die Einstellung der Kupplung darf nach der ersten Boxenausfahrt nicht mehr verändert werden. Zudem wird der Funkkontakt zwischen Fahrer und Team vor dem Start am Sonntag (14 Uhr, RTL und Sky) massiv eingeschränkt. Die Fahrer müssen ohne die gewohnte Unterstützung ihrer Boxencrew starten. Das betrifft zwar alle Piloten gleichermaßen, die vorn startenden Mercedes-Leute haben natürlich am meisten zu verlieren. In England und Ungarn verloren sie ihre Führungspositionen zuletzt übrigens nach schwachen Starts jeweils in der ersten Runde. Und mit weniger Elektronik wird so etwas wohl noch häufiger passieren. „Da wird es sicher noch genügend Möglichkeiten geben“, machte sich Rosberg, der bis zu einem Reifenplatzer am Freitag immer schneller war als Hamilton, deswegen auch Mut fürs anstehende Rennen.