Berlin

Die Stunde der Jäger

Die Chance, Kiel als Meister abzulösen, scheint so groß wie lange nicht mehr

Berlin.  War das jetzt ein Zeichen für die kommende Saison? Ist und bleibt der THW Kiel die Nummer eins in der besten Handball-Liga der Welt? Oder haben die anderen, ganz speziell die Rhein-Neckar Löwen und vor allem die SG Flensburg-Handewitt, diesmal gute Karten, den Abonnementmeister abzulösen? Klar, die Mannschaft von der Förde hat vier Tage vor Saisonstart den Supercup gewonnen. Doch eine Demonstration der Stärke war das 27:26 gegen die Flensburger (noch) nicht.

Dass mit Blick auf die 50. Saison in der Bundesliga nach dem Supercup gleich die Psychologie eine Rolle gespielt hat, ist auch logisch. „Wir haben einen weiten Weg vor uns und müssen noch sehr viel besser machen“, sagte Kiels Trainer Alfred Gislason. „Man hat schon gesehen, wie eng es in dieser Saison werden wird.“ Der Isländer ist eh zurückhaltend, seine Nachdenklichkeit normal. Der Flensburger Rückraumspieler Rasmus Lauge hingegen demonstrierte eine breite Brust: „Es sieht bei uns richtig gut aus, wir sind schon super weit mit unseren Zugängen.“ So spricht ein entschlossener Jäger.

Flensburg hat sich gut verstärkt

Dennoch tippen 15 der 18 Bundesliga-Trainer auf Kiel als Meister, auch Füchse-Coach Erlingur Richardsson. Lediglich Florian Kehrmann (Lemgo), Christian Prokop (Leipzig) und Geir Sveinsson (Magdeburg) sehen Flensburg als 50. Champion.

Und was sagt der oberste Experte, Bundestrainer Dagur Sigurdsson? „Es könnte richtig spannend werden. Kiel ist zwar schon Favorit, sie haben eine starke erste Sieben und sind eingespielt, aber es darf bei ihnen verletzungsmäßig nicht viel passieren.“ Für die Flensburger, die 2004 ihre bislang einzige Meisterschaft gewannen, spreche der vergrößerte Kader „mit sehr guten Spielern. Das könnte sich in einer langen Saison auszahlen“, sagte Sigurdsson. Die SG hat sich in der Sommerpause mit Petar Djordjic, Kentin Mahé, Henrik Toft Hansen (alle HSV Handball) und Rasmus Lauge (Kiel) verstärkt.

Die Kieler haben in den vergangenen elf Bundesliga-Spielzeiten zehn Mal den Titel geholt. Nur der HSV konnte die Serie der „Zebras“ 2011 unterbrechen. Zum Erfolgsgaranten des Förde-Klubs soll nach den Abgängen von Kapitän Filip Jicha (FC Barcelona) und Spielmacher Aron Palmarsson (MKB Veszprem/Ungarn) vor allem der von den Rhein-Neckar Löwen geholte dänische Weltklasse-Keeper Niklas Landin werden. Vor allem Jicha, den Geldnöte nach Spanien trieben, wird fehlen. Der ehemalige Welthandballer hatte seit 2007 in 311 Punktspielen 1724 Treffer für den THW erzielt. Hinter den großen Drei, Kiel, Flensburg und Löwen, rangelt ein Quintett: Magdeburg, die Füchse, Göppingen, Melsungen und der HSV, alle wohl auf Augenhöhe.

THW hat den höchsten Etat

Eine Poleposition hat Kiel auf alle Fälle nicht abgegeben. Der Klub plant mit einem Etat von 9,5 Millionen Euro. Da liegt fast eine Welt zwischen dem THW und dem Erzrivalen Flensburg (6,5 Millionen). Die Füchse liegen im Mittelfeld mit 4,5 Millionen, Aufsteiger Eisenach ist Schlusslicht: 1,85 Millionen.

Der Ligaverband HBL stellt den Vereinen für ihr seriöses Arbeiten ein gutes Zeugnis aus. Nach den Änderungen bei der Lizenzierung und dem Verbot der Neuverschuldung stehen die Klubs wirtschaftlich auf soliden Füßen. „Das hat sich mittelfristig bewährt. Wir haben eine ganz andere Ausgabenkultur“, freut sich HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. Der Trend ist klar: Die Zeit der Hasardeure und des Geldausgebens auf Teufel komm’ raus ist vorbei.