Stuttgart –

Der Fußball trauert um Mayer-Vorfelder

Früherer DFB-Präsident und Politiker stirbt mit 82 Jahren: „Eigentlicher Vater des WM-Erfolgs“

Stuttgart. Sein Lieblingslied „I did it my way“ von Frank Sinatra war so etwas wie Programm für Gerhard Mayer-Vorfelder. Der Ehrenpräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ging immer seinen Weg – auch gegen viele Widerstände. Am Montag endete dieser Weg. „MV“, wie ihn Kritiker wie Bewunderer meist verkürzend nannten, verstarb im Kreise seiner Familie in einem Stuttgarter Krankenhaus im Alter von 82 Jahren. Er hinterlässt Ehefrau Margit und vier Kinder.

„Mit Gerhard Mayer-Vorfelder geht eine prägende Figur des deutschen Fußballs. Ich habe ihn in all den Jahren immer als gradlinigen, entschlossenen und kompetenten Menschen kennen gelernt“, sagte der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Bequem war der gebürtige Mannheimer Mayer-Vorfelder nie, rhetorisch beschlagen ging er keiner Konfrontation aus dem Weg. Nicht als streitbarer CDU-Politiker, immerhin Kultus- und Finanzminister in Baden-Württemberg, nicht als Präsident des VfB Stuttgart, nicht als langjähriger Ligaausschuss-Vorsitzender im DFB und nicht als Chef des größten Sportfachverbandes der Welt. „Ich glaube nicht, dass Wegducken und Leisetreterei Politik und Demokratie befördern. Vielmehr heißt es, aufrecht zu bleiben, zu seiner Auffassung zu stehen, Mut und Flagge zu zeigen“, lautete seine Maxime. Mit der er sich auch schon mal gehörig vergaloppierte. So als Kultusminister im Ländle, als er Schüler von der Abiturprüfung ausschließen ließ, weil sie Turnschuhe trugen.

Von vielen Kritikern häufig verdammt, gehörte „MV“ zu den prägendsten Fußball-Funktionären. Ein Machtmensch sicherlich, aber einer, der auch wusste, wo er herkam. Und notfalls auch Ikonen wie Beckenbauer mal verbal abwatschte: „Nicht jedes Wort vom Franz ist das elfte Gebot vom Berg Sinai.“

Löw den Weg mehrfach geebnet

Von 1975 bis 2000 stand er dem VfB Stuttgart vor. „Ohne ihn würde es den Verein gar nicht mehr geben“, sagte Trainer Jürgen Sundermann einmal über den Workaholic und Genussmenschen, der sich in den vergangenen Jahren jedoch merklich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Von 1986 bis 2000 führte Mayer-Vorfelder daneben den DFB-Ligaausschuss. Im Jahr 2001 war er auf dem DFB-Bundestag in Magdeburg als Nachfolger von Egidius Braun zum DFB-Präsidenten gewählt worden. 2006 schied er aus dem Amt aus und wurde 2007 DFB-Ehrenpräsident; zwischenzeitlich führte er mit Theo Zwanziger als Doppelspitze. Auch im internationalen Fußball genoss „MV“ hohes Ansehen. Der Stuttgarter war Mitglied im Exekutivkomitee des Weltverbandes Fifa und der Europäischen Fußball-Union (Uefa). „Ein ganz Großer, hat uns verlassen. Dein Lebenswerk bleibt in Erinnerung“, twitterte Fifa-Präsident Joseph S. Blatter am Dienstag.

Als DFB-Präsident war Mayer-Vorfelder maßgeblich an der Installierung des Talent- und Nachwuchsförderprogramms beteiligt. Das Netz der DFB-Stützpunkte wurde auf sein Betreiben ausgebaut, daneben wurden die heute etablierten Nachwuchsleistungszentren für Lizenzvereine verpflichtend gemacht. „Ohne diese Maßnahmen hätten wir Spieler wie Mesut Özil, Mario Götze und Mats Hummels überhaupt nicht gefunden“, erklärte Zwanziger: „Der Ausbau der Leistungszentren ist sein Verdienst – und damit ist er für mich der eigentliche Vater des WM-Erfolgs 2014.“

„Er war eine starke Persönlichkeit mit einer riesigen Fußballkompetenz, mit ihm konnte man wunderbar über Fußball diskutieren. Für uns hatte er immer ein offenes Ohr, sein Blick ging über den Tellerrand hinaus. Ich bin ihm sehr dankbar“, sagte Joachim Löw. Für den Weltmeister von 2014 war Mayer-Vorfelder eine entscheidende Person in der Karriere, schließlich verschaffte er ihm beim VfB 1996 den ersten Posten als Chefcoach - die spätere Entlassung inklusive. Und nach der WM 2006 ermöglichte er ihm sogar den Aufstieg zum Bundestrainer.

„Früher haben drei, vier Leute auf der Ehrentribüne mitgesungen, und der Text der Nationalhymne wurde an die Wand geworfen. Heute wird kein Text mehr an die Wand geworfen, aber das Volk singt mit“, hatte Mayer-Vorfelder während des Sommermärchens geschwärmt. „Das war das Highlight in meinem Leben“, sagte er, nachdem die DFB-Auswahl das Spiel um Platz drei ausgerechnet in seiner Heimat Stuttgart gewonnen hatte.

Mayer-Vorfelder galt immer als Mann des Profi-Fußballs, der aber den Spagat hinbekam und sich auch für die Belange des Amateur- und Nachwuchsfußballs einsetzte. Gleichzeitig war „MV“ immer ein Kämpfer für die Einheit von Profis und Amateuren – gerade nach der Gründung der Deutschen Fußball Liga (DFL). Als DFB-Chef regierte er dennoch gern nach Gutsherrenart. Als er die Bundestrainersuche 2004 nach dem Rücktritt Rudi Völlers in Folge der EM in Portugal zur Chefsache erklärte, verlor er den Rückhalt. Zwanziger nutzte die Kritik am Führungsstil und schwang sich nach einer DFB-internen Rebellion zum Co-Präsidenten einer Doppelspitze auf. 2006 trat der einstige Fallschirmjäger und begeisterte Weißweintrinker Mayer-Vorfelder als DFB-Präsident ab.