Aachen –

Wunderhengst Totilas darf endlich in Rente gehen

Der Hengst Totilas wird nicht mehr in den Turniersport zurückkehren. Die Pferdebesitzer haben der Dressur dennoch geschadet.

Aachen. Wohl jeder hätte diesem Pferd einen besseren Abgang aus dem Sport gewünscht. Einen gesunden. Einen, der ihn noch mal strahlen ließe. Und wenn das nicht auf höchstem Parkett funktionierte, wäre es doch ehrenhafter gewesen, den Hengst noch auf kleineren Terminen zu zeigen und dann in die Zucht gehen zu lassen. Zu spät. Totilas Auftritt in Aachen bei der EM am Wochenende, als das lahmende Pferd im Ring zu sehen war, erzürnte viele Menschen. Wieso es möglich war, er in dieser Verfassung startete, darüber wird es noch Diskussionen geben.

Wegen seines Knochenödems am linken Hinterbein wird das teuerste Dressurpferd der Welt nicht mehr in den Sport zurückkehren. Das beschlossen die Besitzerfamilie Rath/Linsenhoff sowie Mitbesitzer Paul Schockemöhle. „Wir haben gemeinsam eine Entscheidung gegen den aktiven Sport getroffen“, hieß es in einer Mitteilung. Der Rapphengst solle seine Verletzung ausheilen und einen sanften Übergang in den Ruhestand erhalten.

Isabell Werth schont ihr Pferd

Dass Totilas nie wieder auf einem Turnier starten wird, könnte ein Signal sein. Für den Beginn einer dem Pferd gegenüber faireren Zukunft. Vielleicht eine naive Hoffnung. Doch wenn die Verbände ein wenig Gespür für die Basis haben, wenn sie die Berechtigung für diesen Sport nicht verlieren, sondern stärken wollen, sollten sie diesen Weg gehen. Hinsehen. Seilschaften prüfen. Vorher wissen, wo man sportlich steht und nicht alte Meriten um jeden Preis verteidigen wollen. Dass jetzt kein Totilas mehr da ist, verschafft anderen Kandidaten Platz. Auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio 2016. Es ist etwas entschieden, dass man sich schon vor Aachen gewünscht hätte. Nämlich: Lieber mit Anstand ein Bronze-Kandidat sein oder sogar aus der Platzierung fallen, als ohne Rücksicht auf Verluste eine Chance auf Gold pachten zu wollen.

Vielleicht verschiebt sich der Fokus dann wieder auf eine exzellent reitende Kristina Bröring-Sprehe. Oder auf Isabell Werths Bella Rose. Die Reiterin hatte ihr bestes Pferd nicht mit nach Aachen genommen, Bella Rose hatte sich am Knie verletzt. Hätten das doch auch andere mal so gesehen.

Die Pferdebesitzer haben ihrem Image Schaden zugefügt. Ob Paul Schockemöhle das noch juckt, der durch sämtliche Skandale erhobenen Hauptes gegangen ist, vom Barren bis zur aktuellen Impfdebatte auf seinem Gestüt Lewitz, sei dahingestellt. Europas größter Pferdehändler hatte den Hengst 2010 dem Niederländer Edward Gal für geschätzte zehn Millionen Euro abgekauft. So weit wie möglich soll das Pferd weiterhin als Deckhengst zur Verfügung stehen. Ein Einsatz kostet Züchter 4000 Euro, im Erfolgsfalle werden 4000 weitere Euro fällig.

Zur Not hilft auch Eitelkeit

Die Rath-Familie könnte ihren Ruf aufpolieren. Fotos aus dem Rentnerleben von Totilas, diesmal von der Weide? Durfte er ja bisher nicht. Dafür würden sie Zustimmung bekommen. Matthias Rath, heißt es, sei in die Ferien aufgebrochen. Vielleicht denkt er ja auch noch mal nach. Über sein Reitsystem und seine jungen Pferde, zum Beispiel. Es gibt wenige, die so viele gute Tiere im Stall haben wie er. Falls die Vernunft nicht sein Ding ist, könnte auch die Eitelkeit entscheiden: Es tut dem Ego viel weniger weh, wenn man Zustimmung für seine Reiterei erhält, statt immer nur in der Kritik zu stehen.

Übrigens, Ingrid Klimke, die so vorbildlich ritt und die Vielseitigkeitsprüfung mit Escada gewann und mit Hale Bob zugleich noch Zweite wurde, sagte nach ihrem Sieg: „Aachen ist so ein fantastisches Turnier. Vielleicht bin ich ja eines Tages auch in der Dressur noch mal hier dabei!“ Im internationalen Dressurviereck würden so einige Gemüter besänftigt. Schließlich ist sie ist die Galionsfigur, wenn es um pferdefreundliches Reiten geht.