Barcelona –

Vom Scheitern der Götter

Der FC Barcelona unterliegt im spanischen Supercup Bilbao. Ter Stegen landet auf der Ersatzbank

Barcelona.  Eher selten kommt der Supercup in Spanien als gediegener Saison-Aperitif daher. Der Mix aus Prestige, Sommertermin und Modus mit Hin- und Rückspiel pflegt vielmehr für explosive Cocktails zu sorgen. Nach Fingerbohrer (José Mourinho, 2011) und Schiedsrichterohrfeige (Diego Simeone, 2014) machte sich diesmal Barcelonas Verteidiger Gerard Piqué durch eine Linienrichterbeleidigung unsterblich („Ich scheiße auf deine Hurenmutter“). Vor allem war allerdings zu bestaunen, welch Emotionen diese zweitrangige Trophäe freisetzen kann: Spieler, Betreuer und Anhänger des neuen Titelträgers Athletic Bilbao feierten, als gäbe es kein Morgen.

„Das Größte, was uns passieren kann“, sagte Mittelstürmer Aritz Aduriz vor der Rückreise nach Bilbao, durch dessen Zentrum die Mannschaft dann paradierte. Dass am Donnerstag im slowakischen Zilina das Hinspiel in der Europa-League-Qualifikation ansteht, ja, dass sich Athletic nur als Pokalfinalverlierer für den Supercup qualifiziert hatte – wen kümmert das schon, wenn dieser traditionsreiche Verein, achtfacher Meister und 23-facher Pokalsieger, nach 31 Jahren mal wieder etwas gewonnen hat? Wenn sich dadurch das so romantische wie archaische Modell, nur mit baskischen Spielern anzutreten, gegen alle Wahrscheinlichkeit als konkurrenzfähig erweist? Wie Trainer Ernesto Valverde schon vor dem Rückspiel gesagt hatte: „Für Barca geht es nur um einen weiteren Titel. Für uns geht es um alles.”

Natürlich lebte dieser Supercupsieg auch vom Gegner. Bilbao schaffte in zwei Finals, woran alle Megaklubs zuletzt krachend gescheitert waren: die Überirdischen des FC Barcelona auf die Erde zurück zu holen – und das, obwohl diese sich wegen des möglichen Titel-Sextetts motiviert gaben. Nun bleibt Pep Guardiola der einzige Trainer, dem 2009 dieses Trophäenmaximum gelang. Das aktuelle Barca zeigte beim 1:1 (1:0) im Rückspiel bis zum Platzverweis Piqués (55.) zwar eine gewohnt kunstvolle Vorstellung – ein 0:4 erwies sich als unaufholbar.

Deutscher verkürzte den Urlaub

Denn: Fallen bei Barca ein paar Stammspieler aus (derzeit Jordi Alba und Neymar) und fehlt die hundertprozentige Physis, greifen die Automatismen nicht mehr, schirmt insbesondere das Mittelfeld nicht die Abwehr ab. Dann kollabiert Barca phasenweise wie schon im europäischen Supercup-Finale gegen Sevilla (5:4), als die Andalusier ein 1:4 zum 4:4 ausglichen. Und wie in jener magischen Viertelstunde von Bilbao, als Aduriz, 34, ein Hattrick gelang. Im Camp Nou bekam der Veteran sein Tor von Jérémy Mathieu direkt aufgelegt. Barcas zweite Garde gehörte schon nach dem Hinspiel zu den besonders häufig benannten Verlierern des Horrortrips ins Baskenland – neben Torwart Marc-André ter Stegen. Der Deutsche wurde im Rückspiel durch Claudio Bravo ersetzt und wird womöglich auch den am Wochenende beginnenden Ligabetrieb wie schon vorige Saison auf der Bank erleben. Von acht Gegentoren gegen Sevilla und Bilbao kann ihm zwar nur eines angelastet werden. Doch dieses, das 0:1 in Bilbao, gilt Kritikern umso mehr als exemplarisch für eine gewisse Übermotivation. Sein Job bestehe in erster Linie darin, das Tor zu sichern und nicht Feldspieler zu sein: „Irgendwer muss ihm das mal sagen“, leitartikelte die klubnahe Zeitung „Sport“. „Wenn Selbstvertrauen zu Übermut wird“, philosophierte „Mundo Deportivo“. Tatsächlich hat dem 23-Jährigen der Ehrgeiz wohl einen Streich gespielt. Anderthalb Wochen Urlaub hatte er sich selbst nach der U21-EM gekürzt, um sich einen Vorteil gegenüber Konkurrent Claudio Bravo zu erarbeiten; der Liga-Stammkeeper der Vorsaison gewann mit Chile die Copa América und nahm erst vor zwei Wochen als Letzter das Training wieder auf. Trotz Ter Stegens Kampfansage. „Um in Form zu kommen, muss man sich erst mal gut erholen“, so der 32-Jährige

Nun lieferte Bravo im Rückspiel gegen Athletic eine abgeklärte Performance und gab der Abwehr damit Ruhe, die sie in den kommenden Wochen wohl brauchen wird. Alba verletzt, Dani Alves noch im Urlaubsmodus, Piqué droht eine Sperre von vier bis zwölf Spielen und Javier Mascherano ist eigentlich gar kein Innenverteidiger – das klassische Trainerlatein würde da eher einen Routinier im Tor bevorzugen. Luis Enrique folgt allerdings nicht immer einschlägigen Interpretationsmustern. Typisch ist schon eher, dass von ihm in dieser Hinsicht keine Aussagen zu erwarten sind. „Es kann so laufen wie letzte Saison oder auch nicht“, sagte er über das Rotationsprinzip zwischen Bravo (Liga) und Ter Stegen (Pokal, Champions League). „Das entscheide ich nach Gefühl. Ich sage ihnen vorher sowieso nie, wer spielt.“

Im verdunkelten Panorama um das Camp Nou wird auch auf den Trainer jetzt wieder genauer geschaut. Dabei ist sein Handlungsspielraum begrenzt, weil die Neuzugänge Arda Turan und Aleix Vidal wegen der Fifa-Sanktion gegen den Klub erst ab Januar eingesetzt werden dürfen. Dummerweise muss Barça jedoch vorher bei allen Titelkonkurrenten antreten, Real Madrid, Atlético, Valencia, Sevilla. Los geht die Liga für die Katalanen am Sonntag. Mit einem Auswärtsspiel in Bilbao.