Profiboxen

Sauerland-Juiläum - Rocky war der erste Volltreffer

Am 26. September präsentiert Sauerland in der Max-Schmeling-Halle ehemalige und aktuelle Welt- und Europameister.

Der Berliner Graziano Rocchigiani (l.) gewann 1988 gegen den Aamerikaner Vincent Boulware den ersten WM-Titel für das Sauerland-Team

Der Berliner Graziano Rocchigiani (l.) gewann 1988 gegen den Aamerikaner Vincent Boulware den ersten WM-Titel für das Sauerland-Team

Foto: imago/Horstmüller

Berlin. Boxen und Bibel gehören definitiv nicht zu den Wortpaaren, bei denen einem nach der Nennung des ersten automatisch das zweite einfällt wie Tag und Nacht oder voll und leer. Und doch passt es bisweilen. „Geben ist seliger als nehmen“ – in der Bibel empfohlen, ist auch beim Faustkampf eine empfehlenswerte Verhaltensweise. Und dann gibt es noch die Geschichte vom verlorenen Sohn.

Die Bibelversion kurz erzählt: Intakte Familie, impulsiver Sohn, der weiß irgendwann alles besser, geht weg, scheitert, kommt reumütig wieder, wird mit offenen Armen aufgenommen. Amen. Die Boxversion: Profiteam Sauerland, Weltmeister Marco Huck, sieht sich plötzlich als eigener Herr, geht weg, scheitert. Reumütige Wiederkehr, und offene Arme fehlen noch.

Die Tür ist zu, aber nicht verriegelt

Ob es dazu je kommt, sieht Wilfried Sauerland, Chef und Gründer des Berliner Boxstalls mit einer Wahrscheinlichkeit von „nullkommanulleins Prozent“. Die Tür für den mittlerweile 30-jährigen Huck, am vergangenen Wochenende bei seiner 14. Titelverteidigung in Newark/New Jersey vom Polen Krzysztof Glowacki fürchterlich verprügelt, ist zu. Aber der Riegel ist noch nicht vorgeschoben.

„Ich spreche mit jedem Menschen“, hatte sich Wilfried Sauerland bereits kurz nach dem Debakel seines Ex-Schützlings geäußert. Zwei Tage später geriet der 75-Jährige in Fahrt: „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Marco sich so bedingungslos einordnen würde, wie er es tun müsste. Ich weiß auch nicht, wie seine vertragliche Situation mit seinen Partnern aussieht. Er hat meiner Meinung nach im und außerhalb des Rings alles falsch gemacht. Er müsste wieder lernen einfach und sauber zu boxen, gewaltig an seiner Kondition arbeiten, sich selbst und die zu verdienenden Börsen realistischer einschätzen und sich auf den Sport konzentrieren.“ Und wenn doch? „Wie gesagt, ich spreche mit jedem.“

1980 noch leere Kassen

Dass es mal einen Cruisergewichts-Weltmeister Marco Huck geben würde, war am 26. September 1980 nicht im Ansatz zu ahnen. An diesem Tag trat der gebürtige Wuppertaler Sauerland erstmals in Deutschland als Box-Veranstalter in Erscheinung. In den Satori-Sälen in Köln, bei Karnevalssitzungen stets bis zum Rand gefüllt, verloren sich 600 Zuschauer – 400 davon stolze Besitzer einer Freikarte. Sauerlands Boxbegeisterung war dennoch größer als das Loch in der Kasse. 35 Jahre später, am 26. September 2015, steigt in der Max-Schmeling-Halle in Berlin die Geburtstags-Party für den Boxstall.

Gefragt nach drei herausragenden Momenten in dieser Zeit, denkt der Chef nicht lange nach. „Der Kampf von Graziano Rocchigiani 1988 gegen Vincent Boulware war sensationell, wir hatten unseren ersten Weltmeister. Dann, fünf Jahre später, Henry Maskes Titelgewinn gegen Charles Williams. Vielleicht das i-Tüpfelchen war der erste Schwergewichtstitel, als Nikolai Valuev in Berlin in der Schmeling-Halle gegen den Amerikaner John Ruiz (am 18. Dezember 2005, d.R.) gewinnen konnte und sogar Muhammad Ali am Ring saß.“

Culkay boxt an seinem 30. Geburtstag

Zur Geburtstags-Gala werden fast alle Europa- und Weltmeister, die jemals im Team gestanden haben, eingeladen. Huck wird fehlen. Die Art und Weise der Trennung verhindert das.

Für den Sport ist an diesem Tag der „Nachwuchs“ zuständig. Unter dem Titel „The Next Generation“ werden Jack Culcay und Tyron Zeuge in den Hauptkämpfen zu sehen sein. Culcay muss, an seinem 30. Geburtstag, seinen Interims-WM-Titel im Halb-Mittelgewicht gegen den noch ungeschlagenen Australier Dennis Hogan (22 Siege, 1 Unentschieden) verteidigen. Für den Amateur-Weltmeister von 2009 ist das „nicht nur wegen meines Geburtstages ein besonderer Anlass. Ich habe fast alle Kämpfe der Top-Boxer bei Sauerland auf Video gesehen. Es ist schon eine Ehre, da dazuzugehören.“

Titelverteidigung in Dresden

Tyron Zeuge, 23, bekommt es im Kampf um den Intercontinental-Titel der WBO im Super-Mittelgewicht mit Ex-Europameister Eduard Gutknecht zu tun. Der ehemalige Sauerland-Boxer ist zehn Jahre älter und erhofft sich seiner Karriere noch einmal einen Anstoß geben zu können. „Ich muss, und ich werde gewinnen, denn ich will auch Weltmeister werden“, sieht Zeuge keinen Spielraum für Experimente. Für seinen Trainer Karsten Röwer ist Gutknecht „die größte Herausforderung, der Tyron je gegenübergestanden hat.“

Schließlich unterlag Ex-Europameister Gutknecht gegen Weltmeister Jürgen Brähmer, der ebenfalls von Röwer betreut wird, nur nach Punkten. Brähmer dürfte bei der Geburtstags-Gala aber ganz entspannt am Ring sitzen, schließlich ist er bei seiner anstehenden Titelverteidigung am 5. September in Dresden gegen Konny Konrad aus Köln, eindeutiger Favorit.

Ziel ist die Schwergewichts-WM

Für Ulli Wegner, Taktgeber am 26. September für Culcay, stehen die nächsten Aufgaben ebenfalls fest. Denn mit dem ehemaligen Schwergewichts-Europameister Kubrat Pulev, relativ neu an seiner Seite, verbindet ihn eine Zielstellung: „Ich glaube an Kubrat, auch nach seiner heftigen Niederlage gegen Wladimir Klitschko. Deswegen ist unser Ziel der WM-Titel.“ Außerdem soll Arthur Abraham, Champion im Super-Mittelgewicht, in diesem Jahr auch noch einmal boxen.

Wo Abraham war, war zehn Jahre lang auch Huck. Ulli Wegners Arme sind weit offen. Er wird definitiv versuchen, die Tür für „Hukka“ wieder zu öffnen. Bleibt die Frage, ob dieser das auch will?