Aachen –

Triumphzug mit glücklichen Pferden

Britin Dujardin widerlegt mit ihrem EM-Titel die aggressive Reitmethodik ihrer Konkurrenten

Aachen.  Es war der bislang schönste Moment dieser EM in Aachen: wie Ingrid Klimke mit Escada von der Geländestrecke kommt, über den Sandweg hinein ins große Stadion galoppiert. Die letzten Sprünge der Prüfung stehen im Stadion an. Alle hier fiebern mit. Menschen halten sich an der Hand. Tatsächlich Gänsehaut, nasse Augen. Das letzte Hindernis ist überwunden, Ingrid Klimke lässt die Zügel lang, und Escada, diese in sich selbst ruhende, so sichere Stute, schaut sich die Kulisse an. Entspannt, interessiert, klug.

Das ist guter Pferdesport. Der Weltverband FEI und die Veranstalter sollten Ingrid Klimke die Füße küssen. Sie gewann die Vielseitigkeitsprüfung mit Escada, wurde Zweite mit Hale Bob, und beide Pferde sahen nach so einer anstrengenden Prüfung aus, als ob sie die Runde einfach noch mal drehen könnten. Jeder konnte sehen: Diese Tiere sind zufrieden mit sich und der Welt. Nicht nur Klimke, sondern viele der Buschreiter zeigten, warum Pferdesport Menschen fasziniert. Wie Reiter ihrem Pferd auf Augenhöhe begegnen. Warum ein Ritt das Herz berühren kann.

Ganz anders die Serie von Desastern in der Dressur. Totilas lahmt in einer Prüfung. Edward Gal gewinnt erst Gold mit der Mannschaft, dann blutet am nächsten Tag in der Prüfung sein Pferd Undercover aus dem Maul. Das sind Bilder, die hängen bleiben. Die dem Sport einen Bärendienst erweisen und manchen Laien schließen lassen: Reiten gleich Tierquälerei.

Es ist Halbzeit bei der EM in Aachen, die Wettbewerbe der Dressursportler und der Westernreiter sind abgeschlossen. Die Vielseitigkeitsreiter haben separat ihren Nationenpreis ausgetragen. Ab Mittwoch sind die Springreiter, Kutschfahrer und Voltigierer dran. Klar ist danach: Die Buschreiter haben für ihren Sport begeistert. Die Reining-Reiter konnten dank prominenter Hilfe von Gina Schumacher, der Tochter des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher, viele Menschen erreichen, die vorher nie von diesem Sport gehört hatten. Die Dressurreiter haben die krasseste EM seit Zeiten hingelegt. Zudem sind die Deutschen hier keine Kandidaten für Mannschaftsgold mehr. Die stärksten Länder heißen England und die Niederlande.

Dass diese sich im Medaillenspiegel abwechseln, ist abstrus. Denn beide machen völlig unterschiedliche Sachen, werden aber oft ähnlich punktstark bewertet. Die klassischen Ritte der Engländer versus die neuartigen Ritte der Niederländer: Das liefert Stoff für Diskussionen. Die Frage, wie spektakulär darf Dressurreiten werden, ohne unfair dem Pferd gegenüber zu werden, ist damit brisanter denn je.

Silber für Bröring-Sprehe

Denn der Deutsche Matthias Rath, der nach niederländischer Lehre reitet, und Edward Gal haben den Bogen überspannt. Totilas ist in der Tierklinik, hat ein Knochenödem. Der Niederländer Edward Gal ritt seinen Undercover im Training am Freitag in extremster Rollkur-Manier. Schön weit von den Zuschauern entfernt unter dem Zeltdach, das auf der Geländewiese steht. Am nächsten Tag wird er wegen Bluts am Pferdemaul disqualifiziert. Blut sieht schrecklich aus, ist aber gar nicht mal das Schlimmste. Tatsächlich kann ein Pferd sich versehentlich auf die Zunge beißen. Der Ritt an sich war jedoch eine Katastrophe. Gal setzte Undercover so stark unter Druck, dass das aufgedrehte Pferd noch nicht mal zum Richtergruß stehen blieb. Seine Hinterbeine traten nach oben gezogen ins Leere, statt – wie in der höchsten Dressurklasse essenziell – Gewicht aufzunehmen. Es war eine Persiflage eines Dressurpferdes. Der Reiter hat das zu verantworten. Gal zeigte Totilas zu besten Zeiten in Perfektion. Totilas kam mit Gals Reitmethodik mental klar – er sah nie unzufrieden aus. Aber dieses niederländische System der extremen Kontrolle des Pferdes hat eine hohe Verlustquote. Es macht viele Pferde unglücklich.

Wie es anders geht, das zeigten die Britin Charlotte Dujardin und Kristina Bröring-Sprehe aus Dinklage. Beide gewannen im Grand Prix Special und in der Grand Prix Kür jeweils Gold (Dujardin) und Silber (Bröring-Sprehe). Sie lieferten sehr harmonische und gute Ritte. Die Deutsche Jessica von Bredow-Werndl zeigte, dass auch eine Newcomerin über 80 Prozent gehen kann. Ebenso Fiona Bigwood. All diese sind auf klassisch ausgebildeten Pferden unterwegs. Reiten die Niederländer milde, dann entstehen gut ansehliche Ritte – die aber bislang nicht zu den vorderen Plätzen reichen.

Die Rangierung in der Dressur entsteht aus der Summe der technischen Einzellektionen, bei der Kür kommt der Schwierigkeitsgrad noch hinzu. Im Vergleich dazu wenig Gewicht bekommt die Harmonie zwischen Reiter und Pferd, die Losgelassenheit des Pferdes. Doch diese Wertung deckt sich nicht mit der generellen Idee von Pferdeausbildung. Die zentrale Idee von Dressur ist Einheit zwischen Mensch und Pferd. Harmonie. Das Ergebnis des Wertungssystems: auf der einen Seite Reiter, die Mechanik und Kontrolle in den Vordergrund stellen, auf Kosten der Harmonie und Partnerschaft. Auf der anderen Seite Reiter, die Gymnastik und Losgelassenheit in den Vordergrund stellen, auf Kosten von maximaler Ausdrucksstärke. Verrückt: Sind sie gut in ihrem jeweiligen System, ist die Notenvergabe ähnlich. Soll beste Mechanik oder beste Gymnastik ausgezeichnet werden, das fragte das Fachmagazin „Eurodressage“ kürzlich, und genau das ist die zentrale Frage, die im Hinblick Olympia auf Rio entschieden werden muss.

Aachen hat für die Dressur die Antwort geliefert. Wird der Bogen überspannt in Richtung Mechanik, dann gibt es nur noch Verluste. Nicht nur für einzelne Reiter, sondern auch für den gesamten Reitsport. Bleibt zu hoffen, dass die Offiziellen sich nicht noch mehr blaue Augen holen wollen. Und endlich im Sinne der Pferde und des Reitsports handeln.