Doping

Harting gegen den Weltverband - "Ihr zerstört unseren Sport"

Der Berliner Robert Harting steht an der Spitze einer spektakulären Aktion. Sportler werfen dem Verband lasches Engagement gegen Doping vor.

Diskus-Olympiasieger Robert Harting im Video, das über die sozialen Netzwerke weltweit unter den Sportlern sehr große Verbreitung  gefunden hat

Diskus-Olympiasieger Robert Harting im Video, das über die sozialen Netzwerke weltweit unter den Sportlern sehr große Verbreitung gefunden hat

Foto: twitter/Harting

Berlin.  Gehütet wurde das Ganze wie ein Staatsgeheimnis. Am Montag absolvierte Robert Harting, 30, im Trainingslager in Kienbaum noch ein paar Würfe unter Wettkampfbedingungen, um ganz sicher zu gehen. Am Dienstag wird der Berliner Diskusstar bekannt geben, ob er nach seiner Knieoperation und monatelanger Rehabilitation nun doch an der Weltmeisterschaft in Peking (22. bis 30. August) teilnehmen wird. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass der Titelverteidiger in China starten wird.

Doch das Sportliche ist – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – erst einmal völlig in den Hintergrund getreten. Wie berichtet, hatten Harting und andere Athleten mit einem 77 Sekunden langen Video auf YouTube den Leichtathletik-Weltverband IAAF massiv attackiert. „Liebe IAAF, wir können euch nicht mehr trauen. Ihr zerstört unseren Sport“, heißt es auf Englisch.

Seit gut einer Woche wird die Leichtathletik von neuen Doping-Enthüllungen erschüttert. Die ARD mit dem Berliner-Dopingexperten Hajo Seppelt an der Spitze hatte gemeinsam mit der britischen Zeitung „Sunday Times“ von einer geheim gehaltenen Datenbank der IAAF mit 12.000 Tests von rund 5000 Läufern berichtet. 800 von ihnen sollen dopingverdächtige Werte aufgewiesen haben.

Am Dienstag Entscheidung über WM-Teilnahme

Bei fast 150 dieser Athleten soll es sich um Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen handeln. Die Reaktion der IAAF bestand in Abwiegeln und heftigen Vorwürfen gegen die Rechercheure.

Harting und die anderen – darunter seine Freundin und Deutsche Meisterin im Diskuswerfen Julia Fischer, die die Idee zu der Aktion hatte – werfen der IAAF vor, den Doping-Missbrauch nicht entschieden genug bekämpft zu haben, im Gegenteil, es werde weiter vertuscht.

Harting („Wir müssen jetzt handeln“), Fischer („Ihr habt meinen Kindheitstraum zerstört“), Hammerwerferin Katrin Klaas („Euch ist das Geld wichtiger als die Athleten“) oder 800-Meter-Läufer Robin Schembera („Ich möchte gegen saubere Athleten laufen – nicht gegen Monster“) und der ehemalige Berliner Weltklasse-Geher Andre Höhne („Ich bin Opfer von Geher-Betrügern“) finden klare Worte.

Viel Zustimmung von Spitzensportlern

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich über die sozialen Netzwerke weltweit unter den Sportlern die Kampagne ­#hitIAAF (hit = schlagen, treffen) mit dem Video. Als wenn sehr viele nur darauf gewartet hätten, dass endlich jemand aufsteht gegen das System. „Leute, ich bin stolz auf euch“, twitterte der Brite Greg Rutherford, Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 2014 von London im Weitsprung.

Julian Reus, mit 10,05 Sekunden Deutschlands schnellster Sprinter, forderte via Twitter von der IAAF: „Denken sie über die Konsequenzen ihres Verhaltens nach!“ Das Vertrauen eines Großteils der Athleten in die IAAF ist dahin.

Weltverband lädt Harting zu Gespräch ein

Zumindest hat der Verband, aufgeschreckt vom großen Echo der Aktion, erstaunlich schnell reagiert. Er lädt den Olympiasieger, dreimaligen Welt- und zweimaligen Europameister Harting ein: „Robert ist ein großer Champion und eine aufrichtige Stimme im Kampf gegen Doping. Wir würden uns freuen, wenn wir Robert in unserem Hauptsitz begrüßen oder bei einem Wettbewerb mit ihm zusammensitzen könnten. Dann könnten wir ihm erklären, was wir tun und welchen Einschränkungen wir unterliegen“, teilte die IAAF mit: „Wir wären für sein Verständnis und seine Unterstützung dankbar.“

Eine Möglichkeit zum Meinungsaustausch gäbe es ja bei den Weltmeisterschaften in Peking.