Berlin –

Fast Food nur an Feiertagen

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Melanie Haack

Marco Koch schwimmt auch mal gegen den Strom. Dass dies richtig sein kann, beweist sein WM-Titel über 200 Meter Brust

Berlin. Marco Koch starrte nachts an die Decke und konnte nicht glauben, was ihm da gelungen war. Wieder mal. 2013 lag er schon einmal ähnlich aufgekratzt wach, als er WM-Silber über 200 Meter Brust in Barcelona gewonnen hatte. Vergangenen Sommer das gleiche Spiel nach EM-Gold in Berlin. Und jetzt erneut. Dieses Mal hat er sein Meisterstück abgeliefert und den WM-Titel in Kasan gewonnen. Andere Weltmeister würden Champagnerflaschen leeren, Koch ist da anders. „Ich war bei McDonalds, habe mir was gegönnt“, sagte er am Morgen nach dem Triumph.

Zwei Jahre nach der peinlichen Nullnummer bei den Olympischen Spielen von London und sechs Jahre nach den letzten WM-Titeln durch Britta Steffen und Paul Biedermann erlöste der 25-jährige Darmstädter sein Team. Koch ist der erste deutsche Weltmeister über die kraftraubenden 200 Meter Brust. „Traumhaft, atemberaubend, superschön“, schwärmte er nach dem Rennen. Spätestens seit diesem Gold gilt er nun als große Hoffnung auf Olympiagold 2016 in Rio. Dieser junge Mann tut dem Schwimmsport hierzulande gut. Koch ist zwar keiner, der Sprüche reißt und vor Emotionen überschäumt. Aber er ist ein Typ, sogar ein durchaus lustiger mit Hang zur Ironie.

„Ein Typ ist ja nicht nur jemand, der extrovertiert ist und rumballert wie ich“, sagt Mark Warnecke, vor zehn Jahren Weltmeister über 50 Meter Brust. „Marco geht seinen Weg, weiß ganz genau, was er will.“ Und wenn er dabei gegen die Normen schwimmt, stört ihn das wenig. Koch lässt sich auch nicht beirren. Eine Magenverstimmung wenige Tage vor dem Rennen änderte nichts. Wo andere in Panik verfallen wären, kommentierte Koch nüchtern: „Besser mal was Falsches essen und eine Nacht kotzen statt ein Magen-Darm-Virus.“ Er behielt Recht und genoss die Siegerehrung still. „Ich habe es nicht so mit dem Weinen. Ich freue mich doch, warum soll ich da weinen?“, sagte der Student der Wirtschaftspsychologie.

Koch ist in den vergangenen Jahren immer mehr zum Vorzeigeschwimmer der Deutschen gereift, füllt die Leader-Rolle im Team gemeinsam mit Biedermann aus. „Zu Marco blicken viele Athleten auf“, sagt Bundestrainer Henning Lambertz. Koch hätte beinahe bereits mit 18 Jahren sein Olympia-Debüt gefeiert, schwamm die geforderte Norm aber zwei Wochen zu spät. Vergeblich hoffte der damalige Jugend-Europameister auf eine Ausnahme. 2009 verblüffte er mit Europarekord, die Weltmeisterschaften 2011 aber fanden ohne ihn statt: Bandscheibenvorfall, wieder schaffte er eine wichtige Norm nicht. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London ging er schließlich als Medaillenkandidat ins Rennen, liebäugelte mit Gold – und schied frustriert im Halbfinale aus.

Es sah fast aus, als könne Koch sein Talent nicht ausspielen. Denn Potenzial, so viel stand fest, hat er. Und er blieb dran. Eines seiner Erfolgsgeheimnisse klingt skurril: „Vegan mit Fleisch“. Fast Food gönnt er sich heute nur als Belohnung nach EM- oder WM-Gold, früher verdrückte er mal zwischendurch Chicken Nuggets und zog das eine oder andere Gramm zu viel durchs Wasser. Schon vor der WM in Barcelona hatte er seinen Ernährungsplan umgestellt, danach wurde bei einem Bluttest eine Unverträglichkeit auf Gluten festgestellt, so dass er noch einmal nachjustierte. Seitdem verlor er mehr als fünf Kilogramm und baute Muskelmasse auf.

Erfolgsgeheimnis Nummer zwei: Koch trainiert, entgegen der allgemeinen Empfehlung, nicht an einem Stützpunkt, sondern unter weniger perfekten Bedingungen in Darmstadt bei Alexander Kreisel. „Zu Hause ist es am schönsten“, sagt er und kombiniert das mit Trainingscamps bei dem früheren Bundestrainer Dirk Lange. Dort misst er sich mit der internationalen Elite wie Olympiasieger Cameron Van der Burgh. Koch sucht den Vergleich mit den Besten wie kein anderer Deutscher, holt sich Wettkampfhärte bei unzähligen Weltcups und Langbahn-Meetings. Mark Warnecke ist überzeugt, dass in dem 25 Jahre alten Darmstädter noch einiges steckt: „Marco kann Olympiasieger werden mit Weltrekord.“