München –

Immer öfter immer seltsamer

Wie Bayern Münchens spanischer Startrainer Pep Guardiola auf die hohen Erwartungen reagiert

München.  Irgendetwas scheint passiert zu sein im Sommer. Eigenarten in seinem Verhalten gab es immer bei Pep Guardiola. Inzwischen aber nehmen die Interpretationen seiner Auftritte fast genauso viel Raum ein wie die Analysen zum Spiel seiner Mannschaft. Die Anlässe dazu liefert der Trainer des FC Bayern beinahe täglich. Jüngst beim Audi-Cup in München im Halbfinale gegen den AC Mailand. Locker setzten sich die Bayern mit 3:0 durch, sie hätten sich gemütlich einstimmen können auf das Finale gegen Real Madrid, das sie am Mittwochabend mit 1:0 (0:0) durch den Treffer von Robert Lewandowski (88. Minute) gewannen. Stattdessen rückte Guardiolas etwas merkwürdiges Gehabe in den Mittelpunkt.

Stinksauer war er. Schon während der Partie trat er wütend eine Werbebande weg und schimpfte andauernd Richtung Nigel de Jong. Der hatte in der ersten Hälfte den Münchner Joshua Kimmich rüde gefoult. Kimmich musste ausgewechselt werden, wie sich herausstellte mit einer leichten Oberschenkelprellung. Guardiola, 44, konnte sich ob des Fouls nicht beruhigen. In der Pause lieferte er sich im Kabinengang ein hitziges Wortgefecht mit de Jong. Der musste von einem Teamkollegen zurückgehalten werden.

Einsilbig hatte der Bayern-Trainer nachher über das Spiel gesprochen, zu de Jong wollte er nichts sagen. Noch während sein Mediendirektor die Journalisten verabschiedete, stand Guardiola vom Stuhl auf, sprang vom Podium, stieß eine Tür auf und stürmte aus der Pressekonferenz. „Ich bin traurig für Kimmich“, hatte Guardiola zuvor gesagt. Was er denn zum früheren Hamburger de Jong gesagt habe, wurde er gefragt. „Ich bin traurig für Kimmich“, war die Antwort, Guardiola guckte böse. Auf nochmalige Nachfrage: „Ich bin traurig für Kimmich.“

Fragen auf dem Index

Bei dessen notgedrungenem Wechsel klatschte Guardiola hämisch in Richtung Schiedsrichter und Milan-Bank, diskutierte aufgeregt mit dem vierten Offiziellen. Bei dem Spanier liegen immer öfter die Nerven blank: Zuletzt bügelte er vermehrt Fragen über seine noch offene Zukunft ab, außerdem störte ihn Kritik an seiner Aufstellung. Die Saison hat noch nicht einmal richtig begonnen, da wirkt der Trainer des FC Bayern geladen und dünnhäutig wie noch nie in seiner zweijährigen Amtszeit in München. Und nun die Episode mit de Jong, die Milans Trainer Sinisa Mihajlovic anders bewertete. „Wir spielen hier Fußball, das ist kein Ballett!“, zürnte er. Für ihn sei das auch kein Freundschaftsspiel gewesen.

Ob sich Guardiola bei den Bayern und in Deutschland nachhaltig in Erinnerung bringt, wird sich in dieser Saison zeigen. Der Druck ist riesig. Es wird von ihm der Sieg in der Champions League erwartet. Er ist zum Erfolg verdammt, damit die Diskussionen nicht noch lauter werden. Das weiß er auch. Das Halbfinale in der Königsklasse sei bei so einem großen Verein „nicht gut genug“, meinte er.

Als Guardiola den Posten zur Saison 2013/14 antrat, war der Klub auf dem Höhepunkt, das direkt zuvor errungene Tripel wurde zum Maßstab für den ebenfalls erfolgsverwöhnten Trainer. Keine leichte Konstellation: Doch wer sollte dieser Aufgabe gewachsen sein, wenn nicht Guardiola? Mit dem Double in der ersten Saison ließ sich alles gut an. Dass im zweiten Jahr lediglich der Meistertitel zu feiern war, nagt am Selbstverständnis der Bayern. Aber offenbar auch an dem des Trainers.

Immer öfter gerät nun die Ausrichtung der Mannschaft ins Visier der Kritiker. Guardiola wird auch nicht mehr nur angebetet als der Übertrainer. Wenn er sich dann ab und zu ohne Not zu vieldeutigen Aussagen hinreißen lässt, wonach er nur mit den Spielern arbeite, die der Verein ihm gebe, heizt er zahllose Spekulationen an. Vor allem geht es derzeit um seinen Vertrag, der im kommenden Sommer ausläuft. Wird er verlängert? Geht er? „Glauben Sie mir: Bayern München wird auch ohne Pep Guardiola weiter atmen“, sagte Sportvorstand Matthias Sammer jüngst zur „SZ“. Diesen Tonfall hatte man so auch noch nicht gehört. Das Thema wird die Bayern in nächster Zeit begleiten. Das bringt Unruhe, und die wird von außen genussvoll geschürt. So brachte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke den langjährigen BVB-Coach Jürgen Klopp ins Gespräch. „Jürgen Klopp ist für jeden Topverein ein Kandidat. Klopp und Bayern, das würde zu 100 Prozent gut gehen“, sagte Watzke.

Derweil versucht Pep Guardiola mit Vehemenz, sein Team auf Kurs zu bringen. Er verschärfte die Tonart in Richtung seiner Spieler, er wirkte zuletzt auch noch verbissener. Zuweilen geht das zulasten seiner Souveränität, der sonst gern erhabene Pep kommt dann öfter wie ein gewöhnlicher Fußballtrainer daher. Ein bisschen sieht es danach aus, als würde Guardiola sich darum sorgen, seinen großen Ruf als Trainergenie aufs Spiel zu setzen, wenn es ihm mit den Bayern nicht gelänge, das Tripel zu gewinnen. Vielleicht hat sich das im Sommer in seinem Kopf verfestigt.