TV-Doku

Doping-Enthüllungen - Harter Schlag für die Leichtathletik

Ein Bericht über Hinweise auf tausendfaches Blutdoping erschüttert die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik. Die WADA ist alarmiert.

Blutdoping soll in der Leichtathletik verbreitet eingesetzt worden sein

Blutdoping soll in der Leichtathletik verbreitet eingesetzt worden sein

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/dpa

Berlin.  Eine russische Olympiasiegerin spricht über die Einnahme von Wachstumshormonen. Eine sehr erfolgreiche kenianische Marathonläuferin berichtet unverblümt über den mangelhaften Anti-Doping-Kampf in ihrer Heimat. Die Leichtathletik wird von einem neuen Skandal erfasst, der Experten zufolge an die katastrophalen Zustände im Radsport vor 20 Jahren erinnert. Fast 150 fragwürdige Olympia- und WM-Medaillen, über 800 verdächtige Blutproben: Enthüllungen einer ARD-Dokumentation erschüttern drei Wochen vor der WM in Peking die Sportart und bringen den Weltverband IAAF in Erklärungsnot.

„Die Dokumentation zeigt, dass der Sport allein generell mit dem Problem überfordert ist“, sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), „neben der nachvollziehbaren Aufklärung der Vorwürfe muss die Dopingbekämpfung auch strukturell überprüft werden, ob sie die notwendige Effizienz hat.“

Alarmierende, unnormale Werte

Das Kernstück der Dokumentation „Geheimsache Doping, im Schattenreich der Leichtathletik“ ist eine Datenbank von über 12.000 Blutproben, die von der IAAF stammt. Dies hat der Weltverband mittlerweile bestätigt, wenn auch mit vorwurfsvollem Unterton: Die „Behauptungen“ des Fernsehteams basierten demnach zum größten Teil auf „privaten und medizinisch vertraulichen Daten, die ohne Zustimmung weitergegeben worden sind“.

Nach Meinung zweier führender Experten gibt es bei einem Siebtel der Proben Hinweise auf Doping, was indes noch kein wirklicher Beweis ist. „Ich habe niemals so alarmierende, unnormale Blutwerte gesehen“, sagte der australische Anti-Doping-Experte Robin Parisotto, der mit seinem Landsmann Michael Ashenden die Daten statistisch ausgewertet hat.

Nach Analyse der Datenbank könnte insgesamt ein Drittel aller Medaillen in Ausdauersportarten bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen von 2001 bis 2012 von Sportlern mit verdächtigen Blutwerten gewonnen worden sein. Insgesamt 146, davon 55-mal Gold. In einigen Disziplinen gebe es sogar Verdachtsmomente gegen alle Athleten auf den ersten drei Plätzen. „Die Daten sind von großer, fast historischer Bedeutung“, sagte der deutsche Experte Fritz Sörgel, „wegen der Menge und weil sie aus einer Zeit des fröhlichen, unbeschwerten Blutdopings stammen.“

„Wir haben volles Vertrauen in die Wada“

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), die bereits die Anschuldigungen aus einer ARD-Dokumentation im vergangenen Dezember untersucht, reagierte alarmiert. „Die Wada ist sehr beunruhigt über die neuen Anschuldigungen. Dies wird erneut das Fundament eines jeden sauberen Athleten weltweit erschüttern“, meinte Präsident Craig Reedie. „Wir haben volles Vertrauen in die Wada“, erklärte Mark Adams, Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): „Es ist Sache der Kommission, die Details der Vorwürfe zu untersuchen.“ Die Veröffentlichung des Abschlussberichts der unabhängigen Wada-Kommission wird sich nun voraussichtlich bis zum Ende des Jahres verzögern.

„Die Werte in der Datenbank lassen aus meiner Sicht keinen Zweifel daran zu, dass die Ausdauerdisziplinen bei Weltmeisterschaften und Olympia von Blutdoping durchsetzt waren“, sagte Ashenden in der Dokumentation. Er und Parisotto hatten unabhängig voneinander die Datenbank ausgewertet. Die IAAF teilte mit, ohne genaue Kenntnis des Datensatzes könne man die Ergebnisse nicht kommentieren, verwahrte sich aber gegen den Vorwurf, nicht genug unternommen zu haben. Das überrascht etwas, denn die Daten stammen ja von der IAAF.

Auch deutsche Sportler sollen zu den Verdächtigen zählen

„Die Frage ist, ob bei den Verdachtsmomenten alle möglichen Kon­trollmechanismen angewandt wurden. Da sind noch Punkte zu klären. Wir werden als DLV beim Weltverband sicher noch einmal nachhaken, wie und mit welchen Konsequenzen damit umgegangen wurde“, sagte Prokop. Auch deutsche Sportler sollen zu den Verdächtigen zählen, aber Namen werden in der Dokumentation nicht genannt. Svein Arne Hansen, Präsident des europäischen Leichtathletik-Verbands EAA, erklärte: „Die Vorwürfe bestürzen uns. Wir fordern die IAAF auf, die Situation aufzuklären.“

Bereits die ARD-Dokumentation über systematisches Doping und Korruption im russischen Sport im vergangenen Dezember hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Erneut spielt Russland eine unrühmliche Rolle. In einer ihr zugeordneten Tonband-Aufnahme soll 800-Meter-Olympiasiegerin Maria Sawinowa die Einnahme von Wachstumshormonen zugeben.

Eine Reaktion folgte prompt. Der russische Sportminister Witali Mutko entgegnete gegenüber der Nachrichtenagentur ItarTass: „Es sieht so aus, als ob jemand die Laufwettbewerbe der Leichtathletik mit solchen Filmen ruinieren will. Auf jeden Fall ist es falsch, aus dieser Dokumentation irgendwelche Anschuldigungen herauszulesen. Es ist aber einfach nur Quatsch.“ Eine Sprecherin des russischen Leichtathletik-Verbandes sprach im Fernsehen von einer „unverschämten Lüge“.

Niemals zum Bluttest in Kenia

Ein weiterer Schwerpunkt des Berichts lag auf den Zuständen in der viel verehrten „Läufer-Hochburg“ Kenia. Auch dort seien Dopingmittel einfach zu beschaffen. Die inzwischen wegen Dopings gesperrte Läuferin Rita Jeptoo, Gewinnerin des Boston-Marathons, berichtete zudem offen über den mangelhaften Anti-Doping-Kampf in ihrem Heimatland. „Ich habe seit 2006 nicht einmal in Kenia einen Bluttest machen müssen“, sagte die 34-Jährige.

Auch hier wehrte sich der kenianische Leichtathletik-Verband umgehend: „Wir müssen herausstellen, dass die Dokumentation ein Versuch ist, unsere Läufer mit unbewiesenen Anschuldigungen zu beschmutzen“, heißt es in einer Stellungnahme. Verbandspräsident Isaiah Kiplagat sieht sich zudem Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, die die zuständigen Behörden bereits untersuchten. Er kandidiert übrigens nach jetzigem Stand in Kürze als Vize-Präsident der IAAF.

Die Dokumentation ist noch in der ARD-Mediathek verfügbar.