Berlin –

Mehr als nur ein Jäger

Mit einem gefestigten Team will Wolfsburg den Bayern den ersten Titel der Saison streitig machen

Berlin.  Die Stimmung im Stadion des VfL Wolfsburg gilt nicht als die beste. Wer dem Verein aus der Autostadt weh tun will, spottet gern über die leeren Ränge in der „Wölfi-Kurve“. So machte es auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge unter der Woche, als er die Atmosphäre in der Wolfsburger Arena kritisierte und darauf verwies, dass Spiele wie der Supercup doch besser in München stattfinden sollten. Rummenigge plauderte auch aus, dass er bei der DFL einen Antrag auf Verlegung des Spiels in das Stadion der Bayern gestellt habe. Ohne Erfolg.

Klaus Allofs konterte die Schmähungen aus München umgehend. Wenn es nach Rummenigge ginge, sagte der VfL-Manager, „müssten alle Spiele eigentlich nur noch in München stattfinden“. Dabei schaute er zwar ein wenig sauertöpfisch, schob dann aber augenzwinkernd hinterher: „Wir sind jedenfalls froh, dass auch mal ein Spiel in Wolfsburg stattfindet.“

Supercup als Fingerzeig

Die Ironie können sie sich beim VfL leisten. Der Klub verzeichnet einen konstanten Aufwärtstrend, meldete mit dem DFB-Pokalgewinn und der direkten Champions-League-Qualifikation seinen Anspruch als zweite Kraft des deutschen Fußballs an und hat Borussia Dortmund als Bayern-Jäger Nummer eins verdrängt. In der Vorsaison besiegte der BVB die Bayern im Supercup, dieses Jahr wollen die „Wölfe“ dem Rekordmeister den ersten Titel der neuen Spielzeit abjagen.

„Das ist mehr als ein Test“, sagte Torhüter Diego Benaglio unter der Woche am Rande einer VW-Veranstaltung, „wir werden alles tun, um dieses Spiel für uns zu entscheiden.“ Ein Sieg im Supercup wäre ein Fingerzeig für die kommende Saison, die Zielsetzung bei den Wolfsburgern ist jedenfalls klar: „Wir wollen den Abstand zu den Bayern natürlich verringern“, sagte Al­lofs. Falls sich das Guardiola-Team Schwächen erlaube, werde der VfL da sein und hoffentlich ein Wort im Meisterschaftskampf mitreden. Es war eher eine versteckte Drohung als eine offene Kampfansage.

Die Art und Weise, wie der VfL-Manager den Fehdehandschuh aus München aufnahm, ist bezeichnend. Die Wolfsburger wissen doch sehr wohl um ihre Rolle als Parvenü in der Spitzengruppe der Bundesliga. Im Ton üben sie sich in der gebotenen Zurückhaltung, verzichten in der Sache aber nicht auf ambitionierte Zielvorgaben. „Wir wollen zum Dauergast in der Champions League werden und zu den besten deutschen Mannschaften gehören“, sagte Allofs. Während in München ein Umbruch im Kader eingeleitet wurde, neue Spieler wie Vidal und Costa, aber auch alte wie Ribery und Götze Fragezeichen aufgeben, zudem die Spekulationen um die Zukunft von Trainer Pep Guardiola nicht abreißen, befindet sich der VfL derzeit in einer fast schon kontemplativen Grundstimmung. Selbst das Rumoren um einen möglichen Abgang von Kevin De Bruyne nehmen die VfL-Macher gelassen: „Das ist der Fluch der guten Tat“, sagte Trainer Dieter Hecking.

Man hat das Gefühl, die Wolfsburger sind in der Balance. Manager und Trainer haben den Werksklub innerhalb von drei Jahren zu einer nationalen Größe geformt, nun soll auch international die Reifeprüfung erfolgen. „Unser Ziel ist es ganz klar, die Gruppenphase der Champions League zu überstehen“, sagte Diego Benaglio. Und VfL-Coach Hecking stellte klar, man habe aus dem unnötigen Ausscheiden in der Europa League gelernt und sei auch durch die Neuverpflichtungen gewappnet für die schweren Aufgaben in der Königsklasse. Der Trainer gilt als Schlüsselfigur für den VfL-Aufschwung, deshalb will ihn der Klub unbedingt über den 30. Juni 2016 hinaus binden. „Ob es noch vor dem Saisonstart passiert, weiß ich nicht. Aber: Dieter Hecking wird bei uns verlängern“, sagte Allofs dem „kicker“.

Damit die Protagonisten der Wolfsburger Erfolgsgeschichte wie Hecking oder De Bruyne auch in Zukunft bei der Stange bleiben, müssen die finanziellen Anreize stimmen. Auch in dieser Hinsicht wagte Bayerns Vorstandsvorsitzender in dieser Woche einen Vorstoß, als er mal wieder die Idee der Einzelvermarktung der TV-Rechte propagierte. Allofs widerspricht diesem Plan: „Wir müssen sehen, dass wir unsere Einnahmen erhöhen, um den Abstand zu England, Frankreich und auch Italien zu verringern. Ich glaube nicht, dass die Einzelvermarktung da der richtige Schritt wäre“, sagte er. Al­lofs weiß, dass mit der Zentralvermarktung nicht nur ein Finanzierungsmodell, sondern mithin die Identität der Bundesliga auf dem Spiel steht. Bislang gewährleistet der entsprechende Verteilungsschlüssel das Prinzip der Solidargemeinschaft, auch kleinere und weniger traditionsreiche Klubs sind so in der Lage, adäquate Einnahmen aus den TV-Geldern zu generieren.

Die Attraktivität der Bundesliga ist jedenfalls ungebrochen. Das zeigen die Zuschauerzahlen. Auch die des VfL. So betrug die Stadionauslastung der Wolfsburger zuletzt 94 Prozent. Von mangelnder Atmosphäre kann also kaum die Rede sein. „Unser Stadion ist ausverkauft, die Stimmung wird toll“, konterte VfL-Weltmeister André Schürrle denn auch die Giftpfeile des Bayern-Bosses: „Warten wir mal ab, was er nach dem Spiel sagt.“