Kuala Lumpur/Berlin –

Gejubelt wird nur in China

Peking ist Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2022. Menschenrechtler schlagen Alarm

Kuala Lumpur/Berlin.  Am Ende war das Ergebnis weit knapper als gedacht. 44 Stimmen für Peking, 40 für den kasachischen Vertreter Almaty. Aber wer fragt noch danach in ein paar Jahren? Chinas Hauptstadt wird die Olympischen Winterspiele 2022 ausrichten. Als Präsident Thomas Bach in Kuala Lumpur den Umschlag mit den fünf Ringen öffnete und das Votum der IOC-Mitglieder bekanntgab, da war es vorbei mit asiatischer Zurückhaltung. Da sprangen all jene im Saal auf, die es mit Peking hielten. Yao Ming etwa, der NBA-Star, der mit seinem 2,29 Meter aus jeder Masse sticht.

Tausende Kilometer entfernt in der chinesischen Hauptstadt war vor dem „Vogelnest“, jenem Stadion, das schon bei den Sommerspielen 2008 Austragungsstätte war und in dem auch 2022 die Spiele eröffnet werden sollen, eine überdimensionale Leinwand aufgebaut worden. Es hatte etwas von organisiertem Jubel, der entbrannte, als die Entscheidung verkündet wurde. Fahnen schwingende Volunteers, klatschende Menschen in Einheits-Trainingsanzügen. „Heute ist ein denkwürdiger Tag für Peking“, frohlockte Bürgermeister Wang Anshun. 14 Jahre nach den Sommerspielen wird es als erste Stadt auch Winterspiele austragen. „Wir werden 300 Millionen Chinesen dazu inspirieren, Teil des Wintersports zu werden“, sagte Anshun.

Geld wichtiger als Tradition

Letzteres war wohl der ausschlaggebende Faktor in dem Duell zweier umstrittener Bewerber. Neuer Markt statt Wintersporttradition, künstlicher Schnee statt natürliches Bergpanorama, weite Entfernungen statt kurzer Wege, auf diesen Nenner lässt sich die Entscheidung des IOC für Peking und gegen Almaty auch bringen. Das wirklich Bedenkliche des gesamten Bewerbungsprozesses ist aber viel mehr die Tatsache, dass von ursprünglich neun Kandidaten sieben im Vorfeld zurückzogen. Ausgerechnet alles Bewerber aus demokratischen Staaten. München, St. Moritz, Oslo oder Stockholm etwa.

Özcan Mutlu, sportpolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, kritisierte die Wahl: „Mit der Entscheidung für Peking werden die Olympischen Spiele erneut in einem Land ausgetragen, in dem Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit so wenig gelten wie die Belange der Bevölkerung oder Fragen des Natur- und Umweltschutzes.“ Sophie Richardson, die China-Direktorin von Human Rights Watch, sagte: „Die Vergabe der Spiele ist ein Schlag ins Gesicht von Chinas Menschenrechtsaktivisten. Das olympische Motto Höher, schneller, stärker ist die perfekte Beschreibung für den Angriff der chinesischen Regierung auf die Zivilbevölkerung.“

Nun wäre der Duktus bei Almaty in diesem Punkt nicht anders gewesen. Auch in Kasachstan sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Eines aber muss man Almaty bescheinigen: Der Wintersportort versuchte, mit einem athletenfreundlichen Konzept und Low-Budget-Spielen zu punkten. Viele Experten bewerteten die Bewerbung der Kasachen gar besser als die der Chinesen, vor allem hätte sie der im vergangenen Winter mit reichlich Tamtam verabschiedeten „Agenda 2020“ des IOC zumindest in Ansätzen entsprochen. Neben Menschenrechtsstandards sollen die Reformen für mehr Transparenz und weniger Gigantismus sorgen.

Das Votum pro Peking besagt anderes. Es dürfte niemand daran zweifeln, dass China in der Lage sein wird, das strukturell Geforderte auf die Beine zu stellen. Schon 2008 bei den Sommerspielen hatten sie alles minutiös organisiert. Und doch bedarf es diesmal noch massiverer Kraftanstrengungen und erheblicher Eingriffe in die Natur, um die nötige In­frastruktur zu errichten. Immer wieder war die chinesische Delegation in den vergangenen Tagen zu logistischen Dingen befragt worden. Das Biathlon-, Langlauf- und Skisprung-Zentrum etwa liegt 160 Kilometer von Peking entfernt. Bis 2022 soll eine Milliarden teure Hochgeschwindigkeitstrasse für eine 70-minütige Anreise sorgen. Bislang sind es vier Autostunden.

Mindestens ebenso absurd ist es um das Thema Schneesicherheit bestellt. Alles kein Problem, heißt es zwar von Seiten der Pekinger Verantwortlichen. Doch selbst die IOC-Evaluierungskommission bescheinigte ihnen in ihrem Prüfbericht eine „komplette Abhängigkeit von Kunstschnee“. Die Organisatoren hätten wohl unterschätzt, welche Unmengen an Wasser für die Schneeproduktion vonnöten seien, hieß es. Mit bisher nicht absehbaren Folgen für die Umwelt.

Schlechte Erinnerung an Sotschi

Zudem fand sich folgender Satz in den Ausführungen: „Aufgrund des Mangels an Naturschnee wird der Look des Veranstaltungsortes seitlich der Pisten ästhetisch wenig ansprechend sein.“ Jeder, der während der Milliardenspiele von Sotschi 2014 ein Bild etwas abseits der Strecken erhascht hat, wird wissen, welche skurrilen Anmutungen damit gemeint sind.

Mit derlei Kritik wollte man sich in Peking gestern nicht befassen. „Außergewöhnliche und ausgezeichnete Spiele“, versprach stattdessen Staatschef Xi Jinping. Er fügte an, China werde alle Verpflichtungen gegenüber dem IOC einhalten. Ein Satz, der für Menschenrechtsorganisationen wie Hohn klang. Ein „Propaganda-Geschenk“ nannte etwa die Tibet Initiative Deutschland die Vergabe. Hierzulande wird nun spannend sein zu beobachten, ob die Wahl Pekings etwas an den bisher guten Zustimmungswerten in Hamburg für die Olympia-Bewerbung 2024 ändert. Hamburgs Innen- und Sportsenator Michael Neumann baute gleich vor: „Es ist wichtig, nicht nur zu kritisieren, sondern sich auch einzubringen und dem IOC Alternativen aufzuzeigen. Dies tun wir mit der Bewerbung.“